Eine Pyramide in Ägyptens Wüste stellt Archäologen vor ein ungewöhnliches Rätsel. In der Oase Dachla, rund 750 Kilometer südwestlich von Kairo, hat eine ägyptische Mission ein Pyramidengrab aus Lehmziegeln freigelegt, das nicht für einen König, sondern für ein Ehepaar errichtet wurde. Über dem Eingang prangt eine Szene aus dem Amduat, dem Jenseitsbuch der Pharaonen, in der Mauer steckt dagegen ein Text in einer ganz anderen Sprache. Erst die Beigaben verraten, wann und für wen das Grab entstand.
Wer an Pyramiden denkt, hat meist die gewaltigen Steinberge von Gizeh vor Augen, gebaut für Könige des Alten Reichs vor mehr als 4.500 Jahren. Das Bauwerk, das eine Grabungsmission des ägyptischen Obersten Rates für Altertümer nun in der Westlichen Wüste freigelegt hat, ist ungleich bescheidener und zugleich erstaunlich spät entstanden. Es steht in Bir al-Shaghala, einem Gräberfeld am Rand der Oase Dachla im Gouvernement Neues Tal. Die Anlage ist aus luftgetrockneten Lehmziegeln gemauert, trägt einen pyramidenförmigen Aufbau und wurde für die Bestattung eines Mannes und seiner Frau errichtet. Ihre Entstehung fällt in die Römerzeit, als Ägypten längst eine Provinz des Imperiums war und die Herrschaft der Pharaonen seit Jahrhunderten zurücklag. Das ägyptische Ministerium für Tourismus und Altertümer hat den Fund am 24. September 2026 bekannt gegeben und spricht von einer Bauweise, die im gesamten Friedhof kein genaues Gegenstück besitzt.
Bir al-Shaghala gehörte zur Totenstadt von Mothis, dem heutigen Mut, das in ptolemäischer und römischer Zeit die Hauptstadt der Oase war. Seit 2002 legen Archäologen dort Gräber frei, in denen sich altägyptische Bautraditionen mit griechischen und römischen Einflüssen verbinden, darunter offene Höfe mit Opferaltären, gewölbte Grabkammern und Kapellen, die von kleinen Pyramiden gekrönt werden. Das neue Grab fällt dennoch aus der Reihe. Es vereint auf engstem Raum eine Szene aus dem Amduat, einem der großen Jenseitsbücher des Neuen Reichs, eine Inschrift in altgriechischer Sprache und die Münze eines römischen Kaisers. Das Amduat beschreibt die nächtliche Reise des Sonnengottes Re durch die zwölf Stunden der Unterwelt und war ursprünglich den Königsgräbern vorbehalten. Dass solche Bilder rund 1.800 Jahre später über dem Eingang eines Privatgrabs in der Wüste erscheinen, zeigt, wie zäh die alten Vorstellungen vom Weiterleben nach dem Tod überdauerten.
Der Zugang beginnt mit einer Treppe aus 14 Stufen, die hinab zu einem Portal aus Sandstein führt. Anders als der Lehmziegelbau darüber ist dieser Eingang ganz im klassischen ägyptischen Stil gearbeitet. Eingetiefte Hieroglyphen tragen Totensprüche und Schutzformeln, eine Figur des Osiris wacht über den Durchgang. Das Gesims schmückt eine geflügelte Sonnenscheibe, flankiert von zwei Kobras, darunter folgt ein Zierelement in Form eines gebundenen Schilf- oder Papyrusbündels. Auf dem Türsturz erkannten die Ausgräber die siebte Stunde des Amduat, eine Szene, die im Gräberfeld von Bir al-Shaghala bislang an keinem anderen Grab dokumentiert wurde. Hinter dem Portal öffnet sich eine Halle aus Lehmziegeln mit gewölbter Decke. Rechts davon liegen zwei verputzte Grabkammern, über denen sich der pyramidenförmige Aufbau erhebt. Ein Teil des westlichen Dachs ist eingestürzt, der Kern der Anlage blieb jedoch erhalten und erlaubt eine vollständige Rekonstruktion des Grundrisses.
Den ungewöhnlichsten Fund machten die Archäologen an der Südwand des Pyramidenaufbaus. Dort ist eine rechteckige Grabstele aus Stein eingelassen, die eine griechische Grabelegie von 19 Zeilen trägt. Nach den ersten Untersuchungen stammt der Text aus dem späten dritten oder frühen vierten Jahrhundert nach Christus, also aus einer Zeit vor rund 1.700 Jahren. Wie Ahram Online unter Berufung auf den Obersten Rat für Altertümer berichtet, liefert das Gedicht seltene Belege für das literarische Leben in der Oase unter römischer Herrschaft. Vorläufige Auswertungen deuten darauf hin, dass der bestattete Mann das Amt eines Richters innehatte. Endgültig gesichert ist diese Deutung noch nicht, weil die vollständige Übersetzung und die philologische Analyse der Inschrift ausstehen. Dass ein Beamter in der entlegenen Wüste mit einem Klagelied in klassischem Griechisch verabschiedet wurde, passt dennoch zum Bild einer gebildeten Oberschicht, die Griechisch als Sprache der Verwaltung und Bildung pflegte.
Neben der Stele bargen die Ausgräber einen Opfertisch und ein Reinigungsbecken aus Sandstein, mehrere Keramikgefäße sowie eine Bronzemünze mit dem erhabenen Bildnis von Kaiser Konstantin. Konstantin regierte von 306 bis 337 nach Christus und ist vor allem als der Herrscher bekannt, der das Christentum im Römischen Reich zuließ und förderte. Die Münze liefert einen wichtigen Anhaltspunkt für die Datierung, denn sie kann frühestens während seiner Regierungszeit in das Grab gelangt sein. Zusammen mit der Schrift der Stele ergibt sich so ein Zeitfenster um das Jahr 300, eine Epoche, in der im römischen Ägypten alte Götterkulte und neue Religion nebeneinander bestanden. Spuren im oberen Teil des Bauwerks zeigen außerdem, dass das Grab später erneut genutzt wurde. Wer die Anlage wiederverwendete und ob dabei Beigaben verloren gingen oder hinzukamen, ist noch offen und soll bei der weiteren Auswertung geklärt werden.
Die Bekanntmachung selbst stammt vom ägyptischen Ministerium für Tourismus und Altertümer, dessen Mitteilung zum Fund die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua am 24. September verbreitete, und sie nennt die Beigaben als Schlüssel zum Verständnis der Bestattungsbräuche. Minister Sherif Fathy betonte dabei die Vielfalt des archäologischen Erbes der ägyptischen Oasen, in denen sich über Jahrtausende Kulturen ablösten. Der Generalsekretär des Obersten Rates für Altertümer, Hisham El-Leithy, erwartet von Architektur, Inschriften und Totentexten neue Erkenntnisse über religiöse Vorstellungen und das kulturelle Leben der Oase in der Römerzeit. Für die Forschung ist gerade die Kombination wertvoll. Ein einzelnes Grab bündelt hier Bauweise, Bildprogramm, Schriftzeugnis und datierbare Objekte, die sonst nur verstreut über viele Fundstellen überliefert sind und sich kaum sicher miteinander verknüpfen lassen.
Das Grab aus Dachla fügt sich in ein größeres Bild. Als Ägypten im Jahr 30 vor Christus an Rom fiel, verschwanden die alten Totenbräuche nicht, sondern verbanden sich mit neuen Einflüssen. Wohlhabende Familien ließen sich weiterhin mit Schutzsprüchen, Götterbildern und Szenen aus den Unterweltbüchern bestatten, schrieben aber Griechisch und bezahlten mit römischem Geld. Wie weit die Macht des Imperiums reichte, belegen Funde an ganz anderen Rändern des Reichs, etwa das Haupttor der Römerfestung Apulum in Rumänien, wo die dreizehnte Legion stationiert war. Die Oase Dachla war für Rom wirtschaftlich bedeutsam, denn ihr fruchtbarer Boden lieferte Getreide für das Reich. Wohlstand und Bildung einer kleinen Oberschicht spiegeln sich in den reich ausgestatteten Gräbern von Bir al-Shaghala wider, die offenbar den gehobenen Bewohnern der Hauptstadt vorbehalten waren.
Offen bleibt, wie viele ähnliche Anlagen noch unter dem Sand der Westlichen Wüste liegen. Seit Beginn der Grabungen im Jahr 2002 haben die Archäologen in Bir al-Shaghala eine ganze Reihe von Grabbauten freigelegt, doch keiner zeigte bislang ein vergleichbares Portal mit einer Stunde aus dem Amduat. Die weitere Auswertung soll klären, ob der mutmaßliche Richter eine Ausnahme war oder ob das Grab für eine ganze Gruppe von Familien steht, die altägyptische Jenseitsvorstellungen bewusst pflegten. Wie viel sich aus Gräbern über Glauben und Rituale längst vergangener Gemeinschaften ablesen lässt, zeigen auch die ersten Gräber von Göbekli Tepe, die ein altes Knochenrätsel lösten. In Dachla stehen die Übersetzung der Grabelegie, die Analyse der Keramik und die Sicherung des Portals dagegen noch aus.