Steinzeit in Anatolien

Erste Gräber lösen das Knochenrätsel von Göbekli Tepe

 Dennis Lenz

Erste Gräber lösen das Knochenrätsel von Göbekli Tepe
(Symbolbild) Göbekli Tepe im Südosten der Türkei gilt mit seinen T-förmigen Steinpfeilern als eine der ältesten Monumentalanlagen der Welt. Seit Beginn der Ausgrabungen fanden Archäologen dort Hunderte verstreute Menschenknochen. Die ersten beiden erhaltenen Gräber deuten nun darauf hin, dass viele dieser Knochen durch Erdrutsche aus Hausbestattungen in die Anlagen gelangten. Das Deutsche Archäologische Institut ist an den Forschungen maßgeblich beteiligt. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Archäologen haben in Göbekli Tepe die ersten beiden erhaltenen Gräber freigelegt. Die rund 10.000 Jahre alten Bestattungen könnten ein Rätsel lösen, das die Forschung seit 1995 beschäftigt: Woher stammen die 928 Menschenknochen, die verstreut in den monumentalen Steinkreisen liegen? Die neue Studie legt nahe, dass Erosion und Erdrutsche sie aus Gräbern unter den Wohnhäusern hangabwärts trugen. Ein Schädelkult ist damit nicht vom Tisch, aber nicht mehr die einzige Erklärung.

Göbekli Tepe liegt rund 15 Kilometer nordöstlich der Stadt Şanlıurfa im Südosten der Türkei und gehört zu den bedeutendsten Fundstätten der frühen Jungsteinzeit. Die zum UNESCO-Welterbe zählende Anlage ist berühmt für ihre runden Steinkreise mit bis zu 5,5 Meter hohen, T-förmigen Pfeilern, von denen viele mit Reliefs wilder Tiere verziert sind. Der Siedlungshügel wuchs über rund 1.600 Jahre, von etwa 9600 bis 8000 vor Christus, in einer Zeit, in der Menschen in Südwestasien vom Jagen und Sammeln zu sesshafter Lebensweise und Landwirtschaft übergingen. Lange galt Göbekli Tepe als reines Heiligtum, an dem sich Jäger und Sammler zu Ritualen versammelten, aber nicht lebten. Neuere Grabungen haben jedoch immer mehr Wohngebäude und Spuren alltäglicher Arbeit zutage gefördert. Heute gehen die Forscher davon aus, dass Menschen dort über die gesamte Nutzungszeit hinweg wohnten. Seit 1995 gräbt dort das Deutsche Archäologische Institut, in der aktuellen Studie federführend mit Julia Gresky und Lee Clare.

Eines der hartnäckigsten Rätsel der Fundstätte sind die vielen zerbrochenen Menschenknochen in den Verfüllungen der Monumentalbauten. Die Forscher haben inzwischen 928 einzelne Fragmente registriert, die von Männern und Frauen aller Altersgruppen stammen und verschiedenste Beschädigungen aufweisen. Einige zeigen eindeutige Spuren menschlicher Bearbeitung, etwa tiefe Rillen an Schädelbruchstücken, andere scheinen durch natürliche Prozesse zerbrochen zu sein. Bereits 2017 hatte das Team um Gresky beschriebene Schädelfragmente mit tiefen Rillen als Hinweis auf einen bis dahin unbekannten Schädelkult gedeutet. Warum die Knochen aber so weit über die gesamte Anlage verstreut lagen, blieb offen. Die neue Studie, die am 22. September in der Fachzeitschrift PLOS One erschien, wertet erstmals zwei zusammenhängende Bestattungen aus und vergleicht sie mit den verstreuten Funden.

Ein Gemeinschaftsgrab unter dem Hausboden in Göbekli Tepe

Das erste Grab entdeckten Archäologen bereits 2017, als sie einen Entwässerungskanal für das Schutzdach über dem Hauptgrabungsgebiet anlegten. Unter dem Kalkestrich eines rechteckigen Gebäudes lag eine nierenförmige Grube mit den Überresten von mindestens drei Menschen: einer Frau von mindestens 35 Jahren, einem Mann zwischen 20 und 30 Jahren und einem Mädchen im Alter von 11 bis 14 Jahren. Einige Knochen deuten auf eine vierte Person hin. Die Gebeine lagen nicht mehr in ihrer natürlichen Anordnung. Die Schädel waren in einer Ecke der Grube gesammelt, lange Knochen entlang einer Wand aufgereiht. Weil auch kleine Hand- und Fußknochen erhalten waren, vermuten die Forscher, dass ursprünglich vollständige Körper bestattet wurden. Das Grab wurde offenbar mehrfach geöffnet, um weitere Tote beizusetzen, wobei man die älteren Gebeine beiseiteschob. Für alle drei Körper gleichzeitig wäre die Grube zu klein gewesen.

Zerbrochen, ohne dass jemand sie berührte

Das zweite Grab war 2012 entdeckt, aus Zeitgründen aber wieder verschlossen und erst 2022 vollständig ausgegraben worden. Es liegt direkt westlich des monumentalen Gebäudes A und enthielt eine junge Frau zwischen 20 und 30 Jahren. Sie lag auf der linken Seite mit angezogenen Beinen, das Gesicht nach Osten gewandt, auf einer Schicht aus Steinen. Anders als im Gemeinschaftsgrab befand sich das Skelett weitgehend in seiner ursprünglichen Lage. Trotzdem war es stark zerbrochen: Mehrere Langknochen waren gebrochen, ihre Enden fehlten, viele Bruchstücke waren von Kalkablagerungen überzogen, und an einigen fanden sich mögliche Nagespuren von Nagetieren. Genau diese Beobachtung ist für die Forscher entscheidend. Sie zeigt, dass Knochen allein durch Erddruck, Kalkablagerungen und Tiere stark beschädigt werden können, ohne dass Menschen sie absichtlich zerschlugen oder verteilten. Die verstreuten Knochen aus den Monumentalbauten weisen dieselben Merkmale auf.

Erdrutsche als Erklärung für die Knochen

Die Forscher schlagen deshalb eine neue Deutung vor. Viele der verstreuten Knochen stammen demnach aus gewöhnlichen Gräbern unter den Fußböden von Wohnhäusern, die höher am Siedlungshügel lagen. Im Lauf der Zeit rutschten Erdreich, Steine und menschliche Überreste durch Erosion und Hangbewegungen in die tiefer liegenden Steinkreise. Diese liegen in einer Senke, umgeben von höheren Siedlungsschichten, und waren solchen Rutschungen besonders ausgesetzt. Schon frühere Untersuchungen hatten nahegelegt, dass die Monumentalbauten zumindest teilweise auf diese Weise verfüllt wurden und nicht vollständig absichtlich zugeschüttet. Die Autoren betonen allerdings, dass sich nicht jedes Bruchstück so erklären lässt. Bestattungen unter Hausböden waren in der Jungsteinzeit Anatoliens und der Levante weit verbreitet. Wie aufschlussreich unscheinbare Funde für den Alltag früher Menschen sein können, zeigt auch eine 3.800 Jahre alte Tontafel mit einer Beschwerde.

Der Schädelkult bleibt möglich

Ganz verabschieden wollen sich die Forscher von besonderen Totenritualen nicht. Schädelbruchstücke von fünf Personen tragen tiefe Einschnitte, die auf eine gezielte Behandlung nach dem Tod hindeuten. Auch die Bildsprache der Anlage spricht für symbolische Traditionen rund um Tod und Körper, etwa Darstellungen kopfloser Menschen und Tierskulpturen, die mit menschlichen Köpfen verbunden sind, wie das Magazin HeritageDaily zusammenfasst. In der benachbarten Fundstätte Sefertepe entdeckten Archäologen eine Kammer mit mindestens 21 Schädeln, in Karahantepe tragen Schädelfragmente Schnitt-, Schab- und Brandspuren. Gewöhnliche Bestattungen unter Hausböden und aufwendigere Rituale könnten nebeneinander existiert haben. Um das zu klären, planen die Forscher weitere Knochenanalysen und Datierungen. Wie viel Geschichte unter heutigen Orten verborgen liegt, belegt auch eine gallische Mauer neben Notre-Dame.

PLOS One, First burials give insights into mortuary rites at Göbeklitepe, Early Neolithic Türkiye; doi:10.1371/journal.pone.0358979

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