Archäologen haben in der rumänischen Stadt Alba Iulia das Haupttor der Römerfestung Apulum entdeckt. Die Porta praetoria lag auf der Ostseite des Legionslagers, das im 2. Jahrhundert die 13. Legion beherbergte. In vier Metern Tiefe stießen die Forscher auf die massive Fundamentplatte eines der beiden Tortürme. Der Fund gelang 40 Jahre nach der Entdeckung des Südtors der Festung.
Alba Iulia im Herzen Siebenbürgens gehört zu den ältesten Siedlungen Rumäniens. Nach den Kriegen Kaiser Trajans gegen die Daker in den Jahren 101 bis 102 und 105 bis 106 nach Christus errichteten die Römer dort ein Legionslager, das zum militärischen Zentrum der neuen Provinz Dakien wurde. Stationiert war in Apulum die Legio XIII Gemina, die 13. Legion. Das Lager entstand zunächst aus Holz und Erde, unter Kaiser Hadrian ließen die Römer dann Mauern aus Stein errichten. Mit einer Fläche von rund 37,5 Hektar gilt Apulum als größtes Römerlager auf dem Gebiet des heutigen Rumänien. Es war zudem das einzige Legionslager der Provinz, das während ihrer gesamten Existenz genutzt wurde. Rund um die Festung wuchsen zwei römische Städte, die im 3. Jahrhundert schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Einwohner zählten. Heute liegen die Überreste unter der sternförmigen Festung Alba Carolina aus dem 18. Jahrhundert.
Bei systematischen Grabungen an der Bastion Capistrano der Festung Alba Carolina stießen die Archäologen nun auf die Ostseite des römischen Lagers. Dort fanden sie Spuren des Haupttors, der sogenannten Porta praetoria, wie das Archaeology Magazine berichtet. Die Archäologin Anca Timofan vom Nationalmuseum der Vereinigung in Alba Iulia, die die Grabungen leitet, beschreibt das Tor als monumentale Anlage. Es besaß zwei massive rechteckige Türme und zwei Durchgangsbögen, die durch eine Mauer voneinander getrennt waren. Errichtet war es aus großen Kalksteinblöcken. Freigelegt ist bislang die Fundamentplatte eines der beiden Türme, die in rund vier Metern Tiefe liegt. Nach Angaben Timofans liefert sie wichtige Hinweise auf die Abmessungen und den Grundriss des gesamten Tores.
Die Porta praetoria war in römischen Legionslagern das Haupttor und meist der Richtung zugewandt, aus der man den Feind erwartete. Von ihr führte die Via praetoria, eine der beiden Hauptstraßen des Lagers, direkt zum Kommandogebäude, der Principia. Dort befanden sich die Verwaltung der Legion, ihr Heiligtum mit den Feldzeichen und die Kasse. Wer die Festung durch dieses Tor betrat, bewegte sich also auf der wichtigsten Achse des gesamten Lagers. Das Südtor, die sogenannte Porta principalis dextra, hatten Archäologen bereits 1986 entdeckt und teilweise restauriert und rekonstruiert. Es besaß wie das neu gefundene Haupttor einen doppelten Durchgang mit rechteckigen Flankentürmen und kann heute von Touristen besucht werden. Weil die Bauweise beider Tore offenbar ähnlich war, können die Archäologen das Aussehen der Porta praetoria anhand des Südtors rekonstruieren. Wie viel sich aus solchen Vergleichen über römische Bautechnik lernen lässt, zeigen auch Untersuchungen am Pont du Gard.
Das römische Tor verschwand nach dem Abzug der Legionen nicht einfach. Im Mittelalter nutzten die Bewohner die mächtigen Mauern aus weißem Kalkstein weiter, und die Siedlung erhielt den slawischen Namen Bălgrad, weiße Burg. Über der Porta praetoria errichteten sie das Sankt-Georgs-Tor der mittelalterlichen Festung. Dessen Überreste hatte das Team um Timofan bereits im September 2025 an der Bastion Capistrano entdeckt, darunter das Untergeschoss eines Torturms, durch das Michael der Tapfere im Jahr 1599 in die Festung einzog. Der Fürst vereinigte damals erstmals die Walachei, Siebenbürgen und die Moldau unter seiner Herrschaft, ein Ereignis, das in Rumänien bis heute große Bedeutung hat. Dass unter diesem mittelalterlichen Tor ein römisches lag, überrascht die Forscher nicht vollständig. Bereits ausländische Reisende des 17. Jahrhunderts hatten den römischen Ursprung des Tores in ihren Berichten erwähnt, die Grabung liefert nun den baulichen Beweis.
Die Überlagerung von römischer, mittelalterlicher und neuzeitlicher Festung macht Alba Iulia für Archäologen besonders reizvoll und zugleich schwierig. Auf engstem Raum folgten in rund 2.000 Jahren mehrere Befestigungen aufeinander, deren Mauern teils wiederverwendet, teils überbaut wurden. Nach dem Rückzug der Römer aus Dakien im 3. Jahrhundert blieben die Steinmauern erhalten und dienten später Bischöfen und den Fürsten Siebenbürgen, deren Hauptstadt Alba Iulia von 1542 bis 1690 war. Im 18. Jahrhundert entstand schließlich die heutige Festung Alba Carolina im Stil der Bastionsfestungen nach französischem Vorbild. Wer dort gräbt, muss sich durch diese Schichten arbeiten, um zu den römischen Fundamenten zu gelangen. Ähnlich überlagerte Geschichte findet sich in vielen europäischen Städten, wie auch eine gallische Mauer neben Notre-Dame in Paris zeigt.
Die Grabungen an der Bastion Capistrano führt das Nationalmuseum der Vereinigung in Alba Iulia mit Unterstützung des Kreisrats von Alba durch. Die Forscher hatten ihre systematischen Arbeiten in diesem Monat wieder aufgenommen, nachdem sie im Vorjahr auf das mittelalterliche Tor gestoßen waren, wie auch Radio România berichtet. In den kommenden Grabungskampagnen wollen sie weitere Teile des römischen Tores freilegen, etwa den zweiten Turm und die Durchgänge. Ob Teile der Porta praetoria später ähnlich wie das Südtor für Besucher zugänglich gemacht werden, ist noch offen. Für die Forschung ist der Fund schon jetzt bedeutsam, weil mit dem Haupttor ein weiterer Fixpunkt im Grundriss des Legionslagers bekannt ist. Damit lässt sich der Verlauf der Via praetoria und die Lage der Principia genauer bestimmen.
Nationalmuseum der Vereinigung Alba Iulia, Grabungen an der Bastion Capistrano (Mitteilung vom 22. September 2026)