Winzige Pfeilspitzen aus Dänemark liefern Hinweise auf Gift bei der Jagd auf Auerochsen und Elche. Dafür sprechen ihre Maße im Vergleich zu den großen Beutetieren und die damalige Pflanzenwelt. Chemische Giftspuren sind an den untersuchten dänischen Waffen bislang nicht nachgewiesen. Nun kommt es auf Rückstände an, die mit bloßem Auge kaum zu erkennen wären.
Mindestens drei kleine Feuersteinspitzen trafen den Auerochsen von Vig, dessen Skelett heute im dänischen Nationalmuseum steht und die Verletzungen bewahrt. Solche unmittelbar mit Tierüberresten verbundenen Geschosse untersucht ein Team um den Archäologen Felix Riede von der Universität Aarhus. Die Forscher verbinden die Form der Waffen mit Hinweisen auf ihre Verwendung in der frühen Mittelsteinzeit nach der letzten Eiszeit. Im Mittelpunkt stehen Mikrolithen, sehr kleine Steinkomponenten, deren Beitrag zu einer erfolgreichen Jagd sich aus mehreren unterschiedlichen Spuren erschließen lässt.
Zwischen den Rippen des Wildrinds liegen Hinweise auf eine längere Vorgeschichte, als eine einzelne Jagdszene zunächst vermuten lassen würde. In verschiedenen Rippen blieben Feuersteinfragmente stecken, wobei eine Verletzung bereits verheilt war und eine andere keine entsprechende Heilung erkennen ließ. Das Tier hatte demnach mindestens zwei Jagdversuche erlebt und einen früheren Treffer zunächst überstanden, bevor es schließlich zu Tode kam. Die Geologin Nanna Noe-Nygaard beschrieb diese Befunde bei einer erneuten Untersuchung des Skeletts und bezog weitere Schäden in ihre Rekonstruktion ein.
An beiden Schulterblättern fand Noe-Nygaard Durchbrüche, deren Bruchränder ihrer Ansicht nach für das Eindringen einer Waffe in den Körper sprachen. Sie verglich die abgesplitterten Knochenkanten mit Schäden durch Austrocknung und versuchte, aus der Verteilung der Splitter die Stoßrichtung abzulesen. Als Erklärung diskutierte sie einen Speer, dessen Spitze aus Feuerstein oder einem anderen harten Material bestanden haben könnte. Auch steinbewehrte Speere gehören deshalb zum Vergleich möglicher Jagdwaffen; am Schulterbereich dieses Tieres wurde allerdings keine zugehörige Spitze geborgen. Welche Waffe den letzten Angriff entschied, bleibt bei diesem Fund eine Rekonstruktion anhand beschädigter Knochen.
Im Moor von Prejlerup im Nordwesten der Insel Seeland kam ein weiteres Auerochsenskelett zum Vorschein, das zahlreiche kleine Geschosse enthielt. Nach Angaben des dänischen Nationalmuseums hatten mindestens neun Mikrolithen dieses Tier getroffen, bevor es seinen Verfolgern entkam und im Moor starb. Die schlanken, lanzettförmigen Steinsplitter wogen nur wenige Gramm und bildeten scharfe Spitzen an den hölzernen Pfeilen der Jäger. Ihr Fundzusammenhang verbindet die sorgfältig bearbeiteten Feuersteine unmittelbar mit einem großen Säugetier, statt ihre Verwendung allein aus einer isolierten Form abzuleiten.
Mehrere Treffer konnten nach der Darstellung des Museums Blutverlust, Schmerzen und Erschöpfung auslösen, bis ein starkes Tier schließlich zusammenbrach. Kleine Steinklingen besaßen damit bereits eine mechanische Wirkung, die bei der Beurteilung einer zusätzlichen chemischen Hilfe berücksichtigt werden muss. Wie gefährlich ein einzelner Treffer ausfiel, lässt sich zudem kaum aus dem erhaltenen Stein ohne Kenntnis der verletzten Körperstelle beurteilen. Allein aus dem geringen Gewicht folgt jedenfalls keine starre Grenze, oberhalb derer ein Tier für solche Geschosse unerreichbare Beute gewesen wäre.
Für den Größenvergleich messen Archäologen die größte Breite und Dicke einer Spitze und berechnen daraus näherungsweise deren Querschnittsfläche. Dafür wird das Produkt beider Maße halbiert; die resultierende Kennzahl heißt in der Fachliteratur TCSA und beschreibt einen Teil der Geschossgeometrie. Riede und Marlize Lombard erläutern diesen Ansatz in ihrer Untersuchung nordeuropäischer Jagdspitzen aus dem Ende der Eiszeit. Eine schlanke Spitze kann die Haut durchdringen und einen Wirkstoff in die Wunde bringen, ohne dafür eine besonders breite Schneide zu benötigen. Für eine rein mechanisch wirkende Waffe spielen dagegen die Verletzungen des Gewebes eine zentrale Rolle.
Den Maßstab bilden historische Waffen mit bekannter Verwendung, an denen sich unterschiedliche Pfeiltypen und mehrere Formen von Speeren gegenüberstellen lassen. Lombard und ihre Kollegen Matt Lotter und Matthew Caruana haben diese Vergleichssammlungen in einer eigenen methodischen Untersuchung erweitert und die Zuordnung der Größenbereiche überprüft. Solche Gruppenvergleiche liefern Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Waffensysteme; die tatsächliche Verwendung eines einzelnen archäologischen Stücks bleibt mit weiteren Befunden zu prüfen. Entsprechend gehören die Zusammensetzung der Vergleichssammlung und ihre sicher dokumentierten Einsatzweisen zur Aussagekraft der Methode.
Zusätzlich helfen Aufprallspuren an kleinen Steinspitzen dabei, eine Verwendung als Geschoss von anderen Tätigkeiten zu unterscheiden und den Größenvergleich durch unabhängige Beobachtungen zu ergänzen. Bruchflächen und Gebrauchsspuren beantworten dabei andere Fragen als ein möglicher Belag, der später chemisch untersucht werden kann. Riede und Lombard schlagen vor, geometrisch passende Fundgruppen für solche aufwendigen Rückstandsanalysen auszuwählen, weil nur begrenztes Probenmaterial verfügbar ist. Manche Verfahren verbrauchen einen Teil dieser winzigen Überreste, weshalb die Auswahl aussichtsreicher Stücke für die Untersuchung besonders wichtig ist.
Welchen Wert große Beutetiere für die Menschen der Maglemose-Kultur hatten, zeigen die Knochen aus dem Siedlungsplatz Mullerup auf Seeland. Die Archäozoologin Charlotte Leduc untersuchte dort Nahrungsreste zusammen mit fertigen Knochengeräten und den Abfällen, die bei ihrer Herstellung entstanden waren. Im Mittelpunkt standen Wildschwein, Elch, Rothirsch, Reh und Auerochse, die den Großteil der untersuchten Huftierreste stellten und unterschiedlich verwertet wurden. Schnittspuren, zerschlagene Knochen und die Verteilung einzelner Skelettteile erlaubten Rückschlüsse darauf, welche Körperpartien die Jäger mitbrachten und anschließend verarbeiteten.
Bei besonders großen Tierkörpern spricht das Fundbild dafür, dass die Menschen ausgewählte Teile transportierten, statt die ganze Beute zum Lager zu tragen. Für Auerochsen spielte dabei die Auswahl fleischreicher Partien eine erhebliche Rolle, während bestimmte Knochen zusätzlich als begehrtes Rohmaterial dienten. Aus kräftigen Mittelhand- und Mittelfußknochen dieser Wildrinder entstanden schwere Werkzeuge wie Hämmer und Dechseln, mit denen sich Material bearbeiten ließ. Elch- und Hirschknochen lieferten ihrerseits Material für neue Geschossspitzen, darunter Stücke mit Widerhaken, sowie für weitere Geräte des täglichen Gebrauchs.
Botanische Funde aus Dänemark und Südschweden zeigen, dass giftige Pflanzen während des untersuchten Zeitraums als mögliche Rohstoffe zur Verfügung standen. Später wurden die steinernen Geschossspitzen größer und die gejagten Tiere kleiner; die giftige Flora blieb dabei grundsätzlich verfügbar. Riedes Team deutet diese Kombination als Hinweis auf veränderte Jagdstrategien und einen möglichen Rückgang der Giftnutzung im Verlauf der Mittelsteinzeit. Welche Pflanze auf welchen dänischen Pfeil gelangt sein soll, ist damit weiterhin eine offene Frage.
Die Suche nach geeigneten Vergleichsbelegen führt deshalb auch zu historisch dokumentierten Jagdpraktiken, bei denen Waffen und verwendete Pflanzen gemeinsam überliefert sind. Lombard hat in einer Untersuchung afrikanischer Bogenjäger entsprechende Angaben für 269 Gruppen zusammengestellt, von denen 168 für die Verwendung vergifteter Pfeile bekannt sind. Eine ergänzende Datenbank erfasst Pflanzenarten, die als Zutaten solcher Jagdgifte dokumentiert wurden, und bietet damit Anhaltspunkte für chemische Vergleiche. Für europäische Funde müssen geeignete Vergleichsstoffe jedoch zur örtlichen Pflanzenwelt und zur jeweiligen Zeit passen; eine afrikanische Überlieferung allein legt kein dänisches Jagdverfahren fest.
Wie ein direkter Nachweis aussehen kann, zeigt eine Untersuchung aus dem südafrikanischen Felsdach Umhlatuzana in der Provinz KwaZulu-Natal. Sven Isaksson, Anders Högberg und Lombard analysierten dort zehn Quarzmikrolithen und fanden an fünf davon Spuren giftiger Pflanzenalkaloide. Mit Gaschromatographie und Massenspektrometrie trennten und identifizierten sie die Stoffe, statt allein aus der Gestalt der Steine auf einen Zusatz zu schließen. Als wahrscheinlichste Herkunft nennen die Autoren in Science Advances die regional heimische Zwiebelpflanze Boophone disticha, die auch aus historisch dokumentierten Pfeilgiften bekannt ist.
Zum Abgleich untersuchten die Wissenschaftler außerdem historisch überlieferte Knochenpfeilspitzen sowie heutiges Pflanzenmaterial und verglichen deren chemische Signaturen mit den archäologischen Proben. An einem der alten Quarzstücke fanden sie zusätzlich eine zweite charakteristische Verbindung, wodurch sich die Zuordnung der Rückstände weiter eingrenzen ließ. Für eine Untersuchung der dänischen Sammlungen wäre entsprechend zu klären, ob an geeigneten Spitzen überhaupt noch auswertbare organische Reste haften. Dazu müssten Vergleichsproben der infrage kommenden nordeuropäischen Pflanzen bereitstehen, damit ein möglicher Fund auch einer örtlich plausiblen Herkunft zugeordnet werden kann.
Journal of Archaeological Science: Reports, Poisoned arrows in the Danish Early Mesolithic: Testing lithic ballistic morphometrics against faunal and archaeobotanical data; doi:10.1016/j.jasrep.2026.106110
Journal of Archaeological Science: Reports, Hunting with poisoned arrows during the Terminal Pleistocene in Northern Europe? A tip cross-sectional area assessment and list of potential arrow poison ingredients; doi:10.1016/j.jasrep.2024.104757
Science Advances, Direct evidence for poison use on microlithic arrowheads in Southern Africa at 60,000 years ago; doi:10.1126/sciadv.adz3281
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