Pfeil und Bogen gelten als eine der folgenreichsten Erfindungen der Menschheit, weil sie das Töten auf Distanz möglich machten. Wann genau sie entstanden, ist umstritten. Winzige Steinspitzen aus einem Felsdach in Usbekistan verschieben diese Marke nun um Jahrtausende nach hinten, und die spannendste Frage dabei ist nicht das Alter, sondern die Frage, wer sie hergestellt hat.
Jagdwaffen gelten als Kennzeichen der Gattung Homo, und die Fähigkeit, regelmäßig Fleisch zu erbeuten, hat die menschliche Entwicklung sowohl körperlich als auch geistig geprägt. Über lange Zeit reichte dafür der Nahkampf mit Stoßlanzen, ein hochriskantes Verfahren, bei dem der Jäger dem Tier bis auf wenige Meter nahe kommen muss. Der Sprung zur Fernwaffe veränderte alles: Wer aus zwanzig oder dreißig Metern trifft, senkt sein Verletzungsrisiko drastisch, kann scheue Beute erlegen und in kleineren Gruppen jagen. Speerschleudern und Bögen gelten deshalb als technologische Wendepunkte. Der Nachweis ist jedoch schwierig, denn Schäfte, Sehnen und Federn aus organischem Material zerfallen, während sich ausschließlich die steinernen Spitzen erhalten. Die Archäologie muss daher aus Größe, Gewicht und Beschädigungsmuster der Steine zurückschließen, mit welcher Wucht sie einst auftrafen.
Ausgerechnet in dieser Rückschlussarbeit lag bislang ein blinder Fleck. Leichte Projektilspitzen erhielten in der Forschung zum Übergang vom mittleren zum jungen Paläolithikum vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit, weil die Aufmerksamkeit den größeren, sorgfältig bearbeiteten Stücken galt. Am Fundplatz Obi-Rakhmat im Nordosten Usbekistans führte das dazu, dass zahlreiche kleine dreieckige Mikrolithen bei früheren Grabungskampagnen kaum beachtet wurden, unter anderem weil viele von ihnen zerbrochen waren. Genau diese Bruchstücke sind aus heutiger Sicht der interessanteste Teil des Materials, denn Brüche entstehen nicht zufällig, sondern folgen beim Aufprall charakteristischen Mustern.
Der Fundplatz selbst ist ein Glücksfall der Stratigrafie. Über zehn Meter Mächtigkeit haben sich 21 Sedimentschichten erhalten, die durchgehend archäologisches Material enthalten und einen Zeitraum von etwa 90.000 bis 40.000 Jahren abdecken. Der Abri liegt im Paltau-Tal am südwestlichen Ende des Talasski-Alatau im Tien-Schan-Gebirge, auf rund 1.250 Metern Höhe, also in einer Region, die als Drehscheibe zwischen dem Nahen Osten, Sibirien und Ostasien gilt. Ein Team unter Beteiligung der Universität Bordeaux und des Instituts für Archäologie und Ethnografie in Nowosibirsk nahm sich die beiden ältesten Schichten vor. Dort lagerten 194 Spitzen und 193 kleine dreieckige Abschläge von ein bis drei Zentimetern Länge, dazu sämtliche 96 Kerne dieser Schichten und 36 weitere bearbeitete Stücke.
Aus diesem Material wählten die Forscher zwanzig Stücke als mögliche Geschossspitzen aus und arbeiteten sich in mehreren Stufen vor. Zunächst wurden mit bloßem Auge Aufprallschäden gesucht, anschließend folgte die Untersuchung unter dem Stereomikroskop. Besonders gut erhaltene Stücke kamen unter ein Auflichtmikroskop, mit dem sich mikroskopisch feine lineare Spuren erkennen lassen, wie sie beim Auftreffen mit hoher Geschwindigkeit entstehen. Ergänzend stellte das Team im Experiment eigene Abschläge aus dem lokalen verkieselten Kalkstein her, schäftete sie und ließ sie auftreffen, um die entstehenden Schadensmuster mit den archäologischen Stücken zu vergleichen. Diese Kombination aus Fundanalyse und Nachbau ist der Standard der sogenannten Traceologie, also der Gebrauchsspurenforschung.
Das Ergebnis besteht aus zwei ineinandergreifenden Argumenten, wie die Fachzeitschrift PLOS One darlegt. Erstens tragen die Spitzen Aufprallschäden, wie sie nur bei hoher Geschwindigkeit entstehen, also nicht beim Schneiden, Schaben oder Stoßen. Zweitens sind die Stücke schlicht zu klein und zu leicht: Manche wiegen weniger als zwei Gramm, was für eine Lanzenspitze oder einen Wurfspeer keinen Sinn ergibt, weil die Masse für die Durchschlagskraft fehlt. Zu einem schlanken, leichten Schaft passen sie dagegen genau. Die Autoren identifizieren insgesamt drei Typen von Geschossbewehrungen, darunter unretuschierte dreieckige Mikrospitzen, die mit pfeilartigen Schäften vereinbar sind. Bemerkenswert vorsichtig bleibt dabei die Wortwahl der Studie selbst, die im Titel ein Fragezeichen trägt.
Ordnet man den Fund in die bekannte Chronologie ein, wird seine Tragweite deutlich. Als bisheriger Bezugspunkt für frühe Bogentechnik galten rund 74.000 Jahre alte Spitzen aus Äthiopien. Die usbekischen Stücke wären damit etwa 6.000 Jahre älter. In Europa belegen kleine Spitzen aus der Grotte Mandrin im südfranzösischen Rhonetal den Einsatz von Bögen vor rund 54.000 Jahren, also 25.000 Jahre später als in Zentralasien, und zwar zu einem Zeitpunkt, als der moderne Mensch dort noch nicht dauerhaft Fuß gefasst hatte. Aus Sri Lanka stammen entsprechende Funde von vor etwa 48.000 Jahren. In Amerika datieren Geschossspitzen aus Cooper's Ferry in Idaho auf rund 15.700 Jahre und gelten als älter als die berühmte Clovis-Technik. Die Reihe zeigt: Die Fernwaffe entstand nicht an einem Ort und breitete sich von dort aus, sondern taucht in verschiedenen Regionen zu sehr unterschiedlichen Zeiten auf.
Die spannendste Lücke betrifft die Urheber. Vor 80.000 Jahren lebten in Zentralasien mehrere Menschenformen nebeneinander, darunter Neandertaler und Denisova-Menschen, während der moderne Mensch aus Afrika heraus vordrang. Aus Obi-Rakhmat selbst sind menschliche Überreste bekannt, deren Merkmale sich nicht eindeutig zuordnen lassen, weshalb die Forschung dort seit Jahren über eine Mischform diskutiert. Wer die Mikrospitzen herstellte, bleibt deshalb offen. Die Beteiligten halten es für denkbar, dass die Technologie mit Zuwanderern aus der Levante kam, also aus dem östlichen Mittelmeerraum. Sollten dagegen Neandertaler die Hersteller gewesen sein, wäre das ein weiterer Baustein gegen das überholte Bild vom technisch rückständigen Neandertaler, das die Forschung seit zwei Jahrzehnten Stück für Stück abträgt.
Bei aller Faszination lohnt der Blick auf die Grenzen der Aussage. Untersucht wurde eine Auswahl von zwanzig Stücken aus einem weit größeren Fundbestand, und die Autoren beschreiben ihre Arbeit ausdrücklich als laufend. Offen bleiben unter anderem die vollständige Katalogisierung des Materials, erweiterte Datierungstabellen und vergleichende Vermessungen, mit denen sich Fragen zur Schäftung und zur Herstellung endgültig klären ließen. Solide belegt ist der mikroskopische Nachweis von Aufprallspuren an ungewöhnlich kleinen Spitzen aus einer sicher datierten Schicht. Der Sprung von dort zur Formulierung, es handle sich um die ältesten Pfeilspitzen der Welt, ist eine Zuspitzung, die die Forscher selbst so nicht vornehmen. Für die Rekonstruktion früher Wanderungsbewegungen ist der Befund dennoch bedeutsam, weil er Zentralasien als technologische Region ins Zentrum rückt, die in den gängigen Erzählungen über die Ausbreitung des Menschen bislang eine Nebenrolle spielte.
PLOS One, Arrow heads at Obi-Rakhmat (Uzbekistan) 80 ka ago; doi:10.1371/journal.pone.0328390