Ein mehr als 400 Jahre altes Messingschloss aus einem Schiffswrack vor Wales lässt sich mit der Buchstabenfolge ANCE wieder öffnen. Spezialisten haben seinen verborgenen Mechanismus mit einer Mikro-CT untersucht und dabei den passenden Code erkannt, ohne das Fundstück zu beschädigen. Sein Finder hatte zuvor rund zwei Jahrzehnte lang vergeblich versucht, die richtige Stellung der Ringe zu finden. Hinter der Lösung steckt präzise Handwerkskunst, während die Bedeutung der Buchstabenfolge weiter offenbleibt.
Am Messingschloss aus dem Fundkomplex der Ann Francis haben Mitarbeiter der Cardiff University und von Amgueddfa Cymru – Museum Wales den Code ANCE ermittelt. Erst am Abend konnte das Museum die vorgeschlagene Kombination ausprobieren und David Williams anschließend die erfolgreiche Öffnung des Fundstücks melden. Vermutlich sicherte es eine kleine Truhe, deren Inhalt aus Münzen, wertvollen Dokumenten oder Textilien bestanden haben kann und heute unbekannt ist. Welche Bedeutung die Buchstaben für den einstigen Besitzer hatten, können die Fachleute bislang ebenfalls nicht erklären.
Peter Hughes hatte an der walisischen Küste mit seinem Metalldetektor nach Funden gesucht, als er auf das ungewöhnliche Stück stieß. Besonders verblüffte ihn, dass sich die Ringe nach dem langen Aufenthalt unter dem Strandsand noch immer leicht drehen ließen. Den Verschluss zu lösen, gelang ihm über etwa zwei Jahrzehnte hinweg nicht, wie er der BBC berichtete. Mit seinem Gerät sammelte Hughes zwischen 1996 und 2017 zahlreiche Gegenstände des verstreuten Fundkomplexes, den Baggerarbeiten und Stürme stellenweise freigelegt hatten.
Vier frei drehbare Ringe tragen jeweils sechs Buchstaben, sodass sich für den Verschluss rechnerisch 1.296 unterschiedliche Stellungen ergeben. Auf beiden festen Endplatten befinden sich zusammen zehn weitere Zeichen, die das äußere Schriftbild ergänzen, aber keine zusätzlichen Drehmöglichkeiten schaffen. Einzelne Großbuchstaben kommen mehrfach vor, während J, U, W und Y nach dem Museumskatalog auf dem Schloss fehlen. Laut dem Sammlungsdatensatz von Museum Wales misst das Fundstück maximal 31,8 Millimeter in der Höhe und wiegt lediglich 28,5 Gramm.
Zum Öffnen musste der Besitzer eine Buchstabenstellung kennen und die drehbaren Teile entsprechend anordnen, anstatt einen separaten Schlüssel mitzuführen. Für diesen historischen Bautyp verwendet der Museumskatalog auch die Bezeichnung Nuremberg Lock, die sich als Nürnberger Schloss übersetzen lässt. Einen gesicherten Herstellungsort nennt der Eintrag für das walisische Exemplar allerdings nicht; die Typenbezeichnung allein weist ihm keine bestimmte Werkstatt zu.
Williams arbeitet an einem Labor für die Biomechanik des Bewegungsapparates, in dem solche Aufnahmen gewöhnlich Knochen und andere biologische Strukturen erschließen. Beim historischen Verschluss verfolgte er die inneren Kerben und erkannte im räumlichen Röntgenbild, welche Buchstaben mit diesen Aussparungen zusammengehörten. Sein Team musste die erhaltenen Bauteile dafür weder auseinandernehmen noch die Außenhülle aufbrechen, um den Verlauf der Sperren verfolgen zu können.
Bei der Mikro-Computertomografie befindet sich die Probe zwischen einer Röntgenquelle und einem Detektor, während ein Drehtisch sie schrittweise bewegt. Der Rechner setzt die aus unterschiedlichen Richtungen gewonnenen Aufnahmen zu einem Volumen zusammen, das auch verborgene Hohlräume und Materialgrenzen enthält. Wie das Fraunhofer IKTS beschreibt, lassen sich darin virtuelle Schnittflächen in beliebiger Richtung anlegen und Abstände oder Winkel messen. Unterschiedlich dichte Bereiche erscheinen dabei in verschiedenen Grauwerten, die beim Auswerten helfen, den Aufbau im Inneren des Gegenstands zu erfassen.
Welches Verfahren einen brauchbaren Einblick liefert, hängt auch von den Materialien ab, die im Inneren und in der Hülle zusammentreffen. Bei einem römischen Goldschloss aus Westfalen verdeckte das dichte Edelmetall die eisernen Bauteile auf den zunächst angefertigten Röntgenbildern fast vollständig. Erst Neutronenaufnahmen am Paul Scherrer Institut erschlossen dort den inneren Aufbau, weil diese Strahlung anders mit den beteiligten Materialien wechselwirkt.
Wie genau die Stellung der Zeichen beachtet werden musste, zeigt ein verwandtes Stück in der Sammlung des British Museum, das bei York in einem Garten gefunden wurde. An diesem Exemplar müssen die beweglichen Buchstaben ARCI unmittelbar unter dem Bügel stehen, damit der Verschluss freigegeben wird. Ein M befindet sich auf einem festen Teil, liegt beim Öffnen aber ausdrücklich nicht auf derselben Linie wie die übrigen Zeichen. Wer nur eine lesbare Reihe bilden wollte, würde also an der tatsächlich erforderlichen Stellung vorbeidrehen. Das Vergleichsstück stammt aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert und verbindet seine kleine zylindrische Form ebenfalls mit einem Bügel.
Schon ein Druck aus dem Jahr 1559 bildet nach den Angaben des Londoner Museums ein gleichartiges Schloss ab. Die Abbildung steht in der Logistica des Mathematikers Johannes Buteo und dokumentiert die frühe Beschäftigung mit solchen mechanischen Buchstabencodes. Beim englischen Vergleichsfund misst der Zylinder 20 Millimeter in der Länge und 16 Millimeter im Durchmesser. Als mögliche Herkunft nennt das Museum Belgien oder die Niederlande, kennzeichnet diese räumliche Zuordnung jedoch ausdrücklich als unsicher.
Der historische Zusammenhang des walisischen Fundes führt zum Abend des 28. Dezember 1583, als die Ann Francis bei einem schweren Sturm strandete. Das Handelsschiff war auf dem Rückweg aus Spanien nach King’s Lynn in Norfolk und geriet bei Margam nahe Port Talbot an die Küste. Nach der Rekonstruktion von Museum Wales hatte es zuvor Weizen zur Iberischen Halbinsel gebracht und führte auf der Heimreise Erlöse sowie weitere Handelswaren mit. Ein Navigationsfehler oder starke Südwinde kommen als Erklärung dafür infrage, dass es in den Bristolkanal statt in den Ärmelkanal gelangte.
Nach dem Unglück stritten örtliche Machtinhaber um Ladung und Schiffsteile, während sich Bewohner der Umgebung an den angeschwemmten Gütern bedienten. Die vom Kurator Alastair Willis ausgewerteten Gerichtsakten nennen Sir Edward Mansell und George Williams als gegnerische Parteien, die jeweils Besitzansprüche geltend machten. In Mansells Inventar stehen neben Kanonen, Ankern und Tauwerk auch drei Truhen mit aufgebrochenen Schlössern, Nelken, Marmelade und Textilien. Ob das erhaltene Kombinationsschloss zu einem dieser Behälter gehörte, lässt sich aus dieser Aufzählung allein nicht bestimmen.
Solche Schriftstücke können eine Fundstelle mit einem benannten Schiff verbinden, während an anderen Orten die Überreste selbst stärker im Vordergrund stehen. Bei einem elisabethanischen Schiffswrack in einem Steinbruch in Kent konnten Archäologen beispielsweise zahlreiche erhaltene Eichenhölzer untersuchen und anhand ihrer Jahresringe zeitlich einordnen. Die Untersuchungen erschlossen seine Bauweise und erhaltene Rumpfteile; der damalige Name dieses Schiffes blieb den Fachleuten unbekannt. Bei verstreuten Strandfunden wie denen von Margam müssen dagegen einzelne Gegenstände, historische Berichte und ihr gemeinsamer Fundort zueinander passen.
Zu den Funden an diesem Küstenabschnitt gehören spanische Prägungen sowie Geldstücke aus mehreren deutschen Territorien und aus Portugal, die unterschiedliche Handelsverbindungen erkennen lassen. Viele der Münzen stammen aus den Jahren 1530 bis 1557 und waren beim dokumentierten Schiffbruch somit bereits seit Jahrzehnten im Umlauf oder in Vorräten gelagert. Das Museum prüfte deshalb auch die Frage, ob ein anderes, bislang unbelegtes Wrack die frühere Zeitstellung erklären könnte. Eine Münze datiert zunächst ihre eigene Herstellung; sie legt noch nicht fest, wann das Fahrzeug unterging, auf dem sie zuletzt transportiert wurde.
In seiner numismatischen Untersuchung des Fundkomplexes beschreibt Museum Wales eine wirtschaftliche Erklärung für die Mischung älterer Sorten aus verschiedenen Ländern: Sie konnten als Silber nach Gewicht dienen. Dabei zählte vor allem das enthaltene Edelmetall, das sich nach der Ankunft in London zu heimischer Münze umprägen ließ. Ausländische Geldstücke mussten deshalb nicht mehr überall als alltägliches Zahlungsmittel gelten, um als wertvolle Schiffsladung befördert zu werden. Auch die Namen Ferdinands und Isabellas auf spanischen Münzen sind mit Vorsicht zu lesen, weil entsprechende Prägungen nach dem Tod der Herrscher weiterliefen.
Am National Waterfront Museum in Swansea gehört das Schloss zur Ausstellung Tides of Treasure, die Gegenstände aus dem Wrack erstmals öffentlich zusammenführt. Mit Unterstützung der walisischen Regierung gelangte der Fundbestand in die nationale Sammlung und kann dort in seinem maritimen Zusammenhang gezeigt werden. Der Eintritt in die Schau ist frei, sodass neben den wertvollen Stücken auch die weniger auffälligen Überreste des damaligen Bordlebens zugänglich sind. Zugleich richtet das Museum seine Arbeit stärker auf die Seegeschichte von Wales und auf die Verbindungen seiner Küsten zur übrigen Welt aus.
Cardiff University, CT scans help unlock 400-year-old mystery.
Amgueddfa Cymru – Museum Wales, Post-Medieval copper alloy combination lock; Sammlungsnummer 2025.17H/2.6.
Amgueddfa Cymru – Museum Wales, Ann Francis; The wreck of the Ann Francis.
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