Römische Handwerkskunst

Goldschloss vom Acker birgt über 1600 Jahre alte Mechanik

 Dennis Lenz

Goldschloss vom Acker birgt über 1600 Jahre alte Mechanik
(Symbolbild) Ein Goldschloss aus Petershagen-Frille belegt, wie weit römische Handwerker selbst winzige Verschlüsse aus Gold und Eisen verkleinern konnten. Sein Gehäuse misst nur 1,2 mal 1,1 Zentimeter, während im Inneren Reste einer mehr als 1600 Jahre alten Schließmechanik erhalten sind. Neutronenbilder und ein vergrößerter Nachbau geben Einblick in den Aufbau, doch die ursprüngliche Verwendung des kostbaren Stücks bleibt offen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein nur 1,2 mal 1,1 Zentimeter großes Goldschloss von einem Acker in Westfalen enthält eine erstaunlich feine Mechanik aus der Römerzeit. Seine goldene Hülle verdeckte die eisernen Bauteile so gut, dass Röntgenaufnahmen zunächst keinen brauchbaren Blick auf den Verschluss erlaubten. Neutronenbilder und ein vergrößerter Nachbau erschlossen schließlich den Aufbau des mehr als 1600 Jahre alten Fundes mit seinem beschädigten Innenleben. Welchen Gegenstand jemand mit einem derart winzigen Schloss verschließen wollte, bleibt offen.

Auf einem Acker in Petershagen-Frille fand Constantin Fried ein Goldschloss, das mit 1,2 mal 1,1 Zentimetern kaum größer als ein Fingernagel ist. Zunächst hielt der lizenzierte Sondengänger das Stück für einen Schnapsflaschendeckel, wie er sie von seinen Suchen auf Äckern kannte. Beim Säubern passten Gewicht und Material zunehmend schlechter zu dieser Vermutung, berichtete Fried in einem Interview des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Als er 2023 seine Funde in der Außenstelle Bielefeld vorlegte, begannen die Fachleute, das ungewöhnlich kleine Metallstück genauer zu untersuchen.

Drei Nieten halten das Goldschloss aus Petershagen zusammen

Anhand der Form, des technischen Aufbaus und der Verzierungen ordnen die Archäologen das sogenannte Dosenschloss dem dritten oder vierten Jahrhundert nach Christus zu. Solche runden Schlösser sind aus dem Römischen Reich bekannt, gewöhnlich aber erheblich größer und aus Eisen oder mit bronzenen Teilen gefertigt. Beim Fund aus Petershagen bilden zwei zylindrische Goldbleche das Gehäuse, das oben und unten durch runde Deckel geschlossen wird. Drei Nieten halten diese Konstruktion zusammen, während zwei umlaufende Reihen feiner Öffnungen den äußeren Zylinder wie ein durchbrochenes Band verzieren. Zwischen den goldenen Teilen blieb an einer Stelle brauner Rost sichtbar, der bereits einen Hinweis auf Eisen im Inneren lieferte.

Schlüssel und Kette fehlen, doch ein einzelnes Kettenendglied steckt noch im Schloss und bewahrt einen Teil des ursprünglichen Verschlusses. Damit besaßen die Fachleute mehrere Hinweise auf die Bauweise, konnten das winzige Stück aber nicht einfach mit seinem eigenen Schlüssel ausprobieren. Nach der Fundbeschreibung des LWL-Römermuseums war insbesondere zu klären, ob die Miniatur einen funktionsfähigen Mechanismus besessen hatte. Dafür musste ein Verfahren die erhaltenen Bauteile sichtbar machen, ohne das verzierte Gehäuse für einen Blick ins Innere auseinanderzunehmen.

Röntgenbilder zeigen bei der 1,2 Zentimeter großen Dose nur Gold

Röntgenaufnahmen gehören zu den Werkzeugen, mit denen Archäologen verborgene Gegenstände und Strukturen erfassen, während die äußere Form eines Fundes erhalten bleibt. An der Mumie von Kalebuz machte Computertomografie beispielsweise einen Bleistift im Brustraum und einen metallischen Gegenstand im Mund sichtbar. Beim Goldschloss reichte zunächst weder die hauseigene Röntgenanlage noch eine zusätzliche Röntgen-Computertomografie aus, um den inneren Verschluss zuverlässig zu erkennen. Sichtbar wurden vor allem die Goldhülle, die ebenfalls goldenen Nieten und das erhaltene Kettenendglied, während die eisernen Bestandteile verborgen blieben.

Gold schwächt Röntgenstrahlung besonders stark ab, weshalb das Metallgehäuse den Blick auf die wesentlich schwächer abgebildeten Eisenteile im Inneren versperrte. Restaurator Eugen Müsch berichtete, dass die unergiebigen Aufnahmen das Team beinahe an der Existenz einer inneren Schließmechanik zweifeln ließen. Ulrich Lehmann von der LWL-Archäologie wandte sich daraufhin an David Mannes in der Schweiz, der das Stück mit Neutronen untersuchen konnte.

Neutronen legen den Mechanismus in Villigen frei

In einer kleinen Kunststoffbox gelangte das Goldschloss zum Paul Scherrer Institut in Villigen, wo Mannes das Messinstrument NEUTRA für die Untersuchung vorbereitete. Neutronen durchdringen die Goldhülle leichter als Röntgenstrahlen und liefern dabei genügend Kontrast, um auch die eisernen Bestandteile darin zu unterscheiden. Während der mehrstündigen Messung wurde das Schloss schrittweise gedreht, sodass Aufnahmen aus unterschiedlichen Richtungen eine vollständige Drehung von 360 Grad abdeckten. Aus diesen Bildern berechnete eine Software anschließend virtuelle Schnitte durch den Fund, die seinen inneren Aufbau Schicht für Schicht zugänglich machten.

Mit der Neutronentomografie zeichnete sich ein Rahmen mit Feder ab, außerdem erschienen ein Riegel, eine Grundplatte und weitere kleine Bauteile. Mannes trennte die Bestandteile in den Bilddaten voneinander, damit sich ihre Formen und ihre Lage im Gehäuse genauer verfolgen ließen. Dabei wurde auch eine abgebrochene Führung sichtbar, deren Schaden einen Eingriff in den Mechanismus nahelegt, aber dessen Anlass offenlässt. Als Erklärung kommen ein Aufbruchversuch oder der Versuch infrage, eine Blockade zu lösen; eine bestimmte Handlung lässt sich dem Stück nicht sicher zuordnen.

Ein Nachbau mit vierfacher Größe lässt sich aufschließen

Aus den erhaltenen Formen und Maßen sowie dem Vergleich mit anderen Dosenschlössern rekonstruierte das Team den Verschluss einschließlich des verlorenen Schlüssels. Eugen Müsch fertigte daraus einen funktionsfähigen Nachbau aus Messing und Stahl, dessen Abmessungen viermal so groß wie beim Original sind. Aus dem erhaltenen Kettenendglied leiteten die Fachleute außerdem eine Gliederkette ab, die in ihrer Rekonstruktion mindestens sechs einzelne Elemente umfasst. Am vergrößerten Modell ließ sich die rekonstruierte Schließmechanik tatsächlich bedienen, während im antiken Goldgehäuse die beschädigten und korrodierten Originalteile erhalten blieben. Für die kleine Dose vom Acker war damit ein mechanischer Aufbau greifbar geworden, den die ersten Röntgenaufnahmen noch nicht erkennen ließen.

In Petershagen bleibt der ursprüngliche Zweck offen

Für ein kleines Kästchen wäre ein solcher Verschluss grundsätzlich denkbar, und die Archäologen vergleichen diese Verwendung mit der Sicherung einer Schmuckschatulle. Welches Behältnis tatsächlich dazugehörte, ist unbekannt; Ulrich Lehmann nennt auch einen möglichen Amulettcharakter des kostbaren Stücks als weitere denkbare Verwendung. Ebenso offen bleibt der Weg aus den römischen Provinzen nach Westfalen, auf dem das Goldschloss gehandelt, verschenkt oder als Beute mitgenommen worden sein kann. LWL-Chefarchäologe Michael Rind hält etwa einen Rückkehrer aus römischem Militärdienst für einen möglichen Überbringer, ohne diese Geschichte als erwiesen darzustellen.

In der Erde bei Petershagen blieb von diesem Weg eine goldene Dose zurück, deren winzige Öffnungen und Nieten noch immer erkennbar sind. Aus dem vermeintlichen Flaschendeckel wurde ein Fund, an dem sich römische Schlosserarbeit bis zu einzelnen eisernen Bauteilen nachvollziehen lässt. Zum vollständigen Verschluss fehlen weiterhin der ursprüngliche Schlüssel und die Kette, vom einst gesicherten Gegenstand fehlt bislang jede sichere Spur. Das erhaltene Kettenendglied steckt noch im Gehäuse und markiert genau die Stelle, an der das winzige Schloss mit etwas anderem verbunden war.

LWL-Römermuseum, Sondervitrine: Rom in Westfalen – Das Goldschloss von Petershagen-Frille.

Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Römisches Miniaturschloss kommt ins Museum – zunächst nach Haltern am See.

Paul Scherrer Institut, Ein goldener Winzling aus der Römerzeit.

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