Keltisches Grabritual

Keltengrab in Senden birgt nach 2.300 Jahren ein Lamm oder Zicklein

 Dennis Lenz

Keltengrab in Senden birgt nach 2.300 Jahren ein Lamm oder Zicklein
(Symbolbild, KI-generiert) Das Keltengrab von Senden gehört zu einer archäologischen Fundlandschaft mit Spuren aus mehreren Epochen. Besonders auffällig sind der schwere Bronzeschmuck und die Tierbeigabe neben der bestatteten Frau. Der Fund liefert neue Anhaltspunkte zu Bestattungsritualen der Latènezeit in Bayerisch-Schwaben. Weitere Analysen sollen die Rolle des Tieres und die Lebensgeschichte der Frau genauer eingrenzen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

In Senden in Bayern liegt das rund 2.300 Jahre alte Grab einer keltischen Frau, bei deren Hüfte die Knochen eines Lamms oder jungen Zickleins gefunden wurden. Massive Bronze-Fußringe, dunkler Sapropelit-Schmuck und weitere Metallbeigaben machen die Bestattung zu einem außergewöhnlich reichen Fund. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege stellt die Funde derzeit bei der Tagung „Archäologie in Bayern“ vor. Gerade die Tierknochen lassen offen, welches Ritual hier beim Begräbnis vollzogen wurde.

Als Grabungsleiter Matthias Leicht und sein Team das Skelett im braunen Boden der St.-Florian-Straße freilegten, lagen Schmuck und Tierknochen noch in ihrem archäologischen Zusammenhang. Die Frau war bereits 2024 bei Untersuchungen vor der Erschließung eines Gewerbegebiets entdeckt worden; nun rückt der Fund erneut in den Mittelpunkt, weil das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege ihn bei seiner Jahrestagung in Senden präsentiert. Der aktuelle Anlass macht aus einer zunächst regional bekannten Ausgrabung eine neue Nachricht, denn die Fachleute zeigen nicht nur das Grab, sondern ordnen es in eine wesentlich größere Siedlungslandschaft ein. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege bezeichnet das Frauengrab als herausragenden Einzelfund innerhalb dieser langen Nutzungsgeschichte.

Besonders auffällig ist die Lage des kleinen Tieres dicht bei der Toten. Grabungsleiter Leicht sprach nach der ersten Auswertung von einem Zicklein oder Lamm und hielt sowohl eine rituelle Beigabe als auch eine persönliche Beziehung zum Tier für denkbar. In der Fachsprache wird ein solches Tier häufig als Speisebeigabe angesprochen, wenn Fleisch bewusst mit einem Verstorbenen niedergelegt wurde. Für Senden bleibt die genaue Bedeutung offen, weil Knochen allein nicht verraten, welche Vorstellung die Hinterbliebenen mit dieser Handlung verbanden. Gerade diese Lücke macht den Fund interessant: Bronze, dunkler Stein und Tierknochen liegen sichtbar nebeneinander, während die Erklärung des Rituals erst aus Vergleichen mit anderen Bestattungen entstehen kann.

Senden legt auf sechs Hektar mehrere Epochen frei

Die keltische Bestattung stand nicht allein auf einem abgelegenen Gräberfeld, sondern lag in einer Fläche mit Spuren aus sehr unterschiedlichen Zeiten. Archäologische Untersuchungen im Norden der Stadt erfassten Siedlungsreste, Gräber und Gebäudespuren, die zeigen, dass Menschen denselben Landschaftsraum über viele Jahrhunderte immer wieder nutzten. Für Archäologen ist diese Überlagerung besonders wertvoll, weil sich einzelne Bestattungen mit Wegen, Höfen und späteren Nutzungen derselben Umgebung vergleichen lassen. Aus einem isolierten Skelett wird so ein Teil einer chronologischen Karte, in der sich keltische, römische und frühmittelalterliche Lebenswelten räumlich begegnen.

Im Umfeld kamen unter anderem die Reste einer römischen Villa rustica und eines dazugehörigen Friedhofs zum Vorschein. Solche Landgüter verbanden Wohnen, Landwirtschaft und wirtschaftliche Produktion und prägten während der römischen Kaiserzeit weite Teile Süddeutschlands. Mehrere Jahrhunderte nach der keltischen Frau wurde die Fläche erneut als Lebens- und Bestattungsraum genutzt. Die Abfolge ist für Senden deshalb wichtiger als ein einzelnes Schmuckstück: Sie dokumentiert, wie ein günstiger Standort seine Bedeutung behielt, während politische Herrschaft, Bestattungssitten und materielle Kultur vollständig wechselten.

Zwei schwere Fußringe markieren die Tote im Boden

Schon bei der Freilegung waren die großen Bronzeobjekte an den Beinen deutlich zu erkennen. Die massiven Fußringe saßen dort, wo sie bei der Bestattung getragen oder bewusst angeordnet worden waren, und ihre grünliche Patina hebt sich bis heute vom Erdreich und den hellen Knochen ab. Hinzu kamen Arm- und Ringschmuck sowie eine Gewandschließe, deren Form Fachleuten eine Einordnung in die späte Eisenzeit ermöglicht. Reicher Körperschmuck kann auf soziale Stellung, regionale Tracht oder eine besondere Rolle innerhalb der Gemeinschaft hinweisen, doch kein einzelnes Objekt liefert dafür einen eindeutigen Rangtitel.

Ein besonders ungewöhnliches Material ist Sapropelit, ein dunkles, organisch reiches Sedimentgestein, das sich polieren und zu Schmuck verarbeiten lässt. Der nahezu schwarze Ring erzeugt neben der Bronze einen starken Materialkontrast und zeigt, dass die Ausstattung der Toten bewusst aus unterschiedlichen Werkstoffen zusammengesetzt war. Solche Rohstoffe mussten gewonnen, bearbeitet und als fertige Stücke verteilt werden; damit führen sie über das Grab hinaus zu Fragen nach Handwerk und Austausch. Wie anspruchsvoll Metallverarbeitung in Europa bereits lange vor der römischen Zeit sein konnte, zeigt auch der FUW-Beitrag über frühe Stahlverarbeitung in Europa.

Zwölf römische Brandgräber folgen der keltischen Bestattung

Östlich der älteren Bestattung dokumentierte das Grabungsteam einen römischen Friedhof mit Urnengräbern. Die Toten wurden dort nach einem völlig anderen Verfahren behandelt: Der Körper wurde verbrannt, die Überreste anschließend gesammelt und beigesetzt. Dieser Wechsel macht auf engem Raum sichtbar, wie stark sich Rituale verändern können, obwohl derselbe Landschaftsausschnitt weiter genutzt wird. Keramikscherben und weitere Funde verbinden die Gräber mit der nahe gelegenen römischen Siedlung und ermöglichen es, Bestattung und Alltag gemeinsam zu untersuchen.

Später kamen auf dem Areal auch Spuren einer großen alamannischen Siedlung sowie mehrere zugehörige Gräber ans Licht. Archäologen erhalten damit keine gleichmäßige Chronik, sondern einzelne Schichten menschlicher Nutzung, die durch Erdverfärbungen, Pfostenlöcher, Keramik, Metall und Knochen sichtbar werden. Gerade weil die keltische Frau zwischen Befunden aus anderen Jahrhunderten liegt, lässt sich ihre isolierte Bestattung nicht einfach als Teil eines großen zeitgleichen Friedhofs erklären. Der Fundort zwingt deshalb zu einer genaueren Frage: Warum erhielt gerade diese Tote hier eine aufwendig ausgestattete Grablege?

250 vor Christus ordnen Schmuckformen die Frau in die Latènezeit ein

Die archäologische Datierung stützt sich vor allem auf die Form der Beigaben und den Vergleich mit bekannten Stücken der Latènezeit. Diese Epoche gehört zur jüngeren vorrömischen Eisenzeit und ist in Süddeutschland durch charakteristische Metallarbeiten, Siedlungen und Gräber gut fassbar. Für die Frau aus Senden ist damit ein historischer Rahmen vorhanden, ohne dass ihr Name oder ihre konkrete Lebensgeschichte bekannt wäre. Schriftliche Quellen nennen keine Person, die sich mit diesem Grab verbinden ließe, weshalb die materielle Ausstattung die wichtigste Informationsquelle bleibt.

Der Begriff „keltisch“ bezeichnet dabei keine einheitliche Nation mit überall gleichen Bräuchen. Archäologen verwenden ihn für miteinander verbundene Kulturgruppen der europäischen Eisenzeit, deren regionale Traditionen deutlich voneinander abweichen konnten. Genau deshalb ist die Tierbeigabe so wertvoll: Sie kann nur dann gedeutet werden, wenn vergleichbare Gräber derselben Region und Zeitstellung herangezogen werden. Einzelne außergewöhnliche Objekte besitzen dagegen schnell eine suggestive Wirkung, die stärker ist als ihre Beweiskraft. Auch andere deutsche Gräber zeigen, wie auffällige Beigaben den Blick auf Bestattungsrituale verändern können, etwa die bei FUW beschriebene ungewöhnliche Grabbeigabe aus Deutschland.

2024 schützte Geheimhaltung den Fund vor Raubgräbern

Nach der Entdeckung wurde der genaue Befund zunächst nicht offensiv bekannt gemacht. Leicht begründete diese Vorsicht mit dem Risiko durch Raubgräber, die bekannte Fundstellen gezielt mit Metallsonden absuchen und dabei den entscheidenden archäologischen Zusammenhang zerstören können. Für Fachleute ist nicht nur ein Ring wichtig, sondern seine Lage zum Körper, zu anderen Beigaben und zur Grabgrube. Wird ein Metallstück ohne Dokumentation entfernt, verschwindet genau jene räumliche Information, mit der sich später Kleidung, Ritual oder zeitliche Abfolge rekonstruieren lassen.

Zur Arbeit nach der Bergung gehören deshalb Tausende Fotos, Fundzeichnungen, Katalogisierung, Reinigung und Konservierung. Auch menschliche Knochen werden anthropologisch untersucht, um biologische Merkmale und mögliche Spuren von Krankheiten oder Belastungen festzustellen. Solche Analysen können das Bild der bestatteten Person schärfen, ohne ihr automatisch eine Identität zu geben. Bei den Tierknochen ist zudem eine genauere zoologische Bestimmung entscheidend, weil sich erst dann sicher sagen lässt, welche Art niedergelegt wurde und welche Körperteile im Grab vertreten waren.

Illertal-Forum macht das Grab bis 1. November zum Tagungsthema

Der neue öffentliche Anlass ist die Jahrestagung „Archäologie in Bayern“, die Facharchäologen, Denkmalpfleger und interessierte Besucher in Senden zusammenführt. Neben dem Frauengrab stehen aktuelle Ausgrabungen aus Schwaben, digitale Dokumentationsmethoden und die langfristige Aufbewahrung archäologischer Funde auf dem Programm. Für die Stadt ist das besonders konkret, weil ein Teil der Alten Weberei künftig als Depot für archäologisches Material dienen könnte. So führt der Weg des Fundes vom offenen Erdprofil über Labor und Konservierung bis zu der praktischen Frage, wo Knochen und Schmuck dauerhaft gelagert werden.

Parallel wird die wissenschaftliche Auswertung fortgesetzt. Eine Publikation von Matthias Leicht, Mariola Hepa und Benedict Thomas behandelt die römischen, alamannischen und keltischen Gräber von Senden bereits im regionalen Forschungskontext; weitere Analysen können die Datierung, den Gesundheitszustand der Frau und die Tierbestimmung präzisieren. Besonders wichtig bleibt die Frage nach dem kleinen Tier an ihrer Seite, denn erst belastbare Vergleichsfunde können klären, ob es zu einer seltenen lokalen Bestattungssitte gehörte oder eine sehr persönliche Entscheidung der Hinterbliebenen widerspiegelt.

Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Archäologie in Bayern in Senden

Matthias Leicht, Mariola Hepa, Benedict Thomas, Gräber von Römern, Alemannen und einer keltischen Dame in Senden

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