Bei Ausgrabungen in der antiken Stadt Aspendos in der Südtürkei ist eine rund 1800 Jahre alte Marmorstatue ans Licht gekommen. Sie zeigt Asklepios, den antiken Gott der Heilkunst, gemeinsam mit seinem Sohn und Gehilfen Telesphoros. Die 2,2 Meter hohe Figurengruppe lag verborgen in den Trümmern eines monumentalen Tors. Der Fund gilt als eindrucksvolles Beispiel römischer Bildhauerkunst. Er wirft neues Licht auf den Stellenwert von Gesundheit und Heilung im antiken Alltag.
Die Marmorstatue wurde nach Angaben des türkischen Ministeriums für Kultur und Tourismus Anfang August 2026 entdeckt und gilt als eine der bemerkenswertesten Grabungsfunde des Jahres in der Region. Aspendos liegt in der Provinz Antalya und war in griechischer und römischer Zeit eine wohlhabende Stadt, deren gewaltiges Theater bis heute erhalten ist. Die Figurengruppe kam im nördlichen Flügel eines monumentalen Tors an der Westseite des Ostplatzes zutage, unweit der sogenannten Theaterstraße. Datiert wird sie in das letzte Viertel des zweiten Jahrhunderts nach Christus, also in die römische Kaiserzeit. Ihre Lage in einem repräsentativen Torbereich deutet darauf hin, dass sie einst an einem öffentlich gut sichtbaren Ort aufgestellt war, an dem viele Bewohner täglich vorbeikamen.
Dargestellt ist Asklepios als reifer, bärtiger Mann mit dichtem, langem Haar, der frontal steht und sein Gewicht auf das linke Bein verlagert. Sein heute fehlender rechter Arm ruhte ursprünglich auf einem von einer Schlange umwundenen Stab, dem klassischen Symbol der Medizin. Zu seinen Füßen steht in deutlich kleinerem Maßstab die Figur des Telesphoros, dessen Kopf nicht erhalten ist. In der antiken Vorstellung verkörperte Asklepios die Heilung und den Erhalt der Gesundheit, während der in einen langen Kapuzenmantel gehüllte Telesphoros für die Genesung und die Zeit der Rekonvaleszenz stand. Gemeinsam bilden beide Figuren damit den gesamten Heilungsprozess ab, von der Behandlung einer Krankheit bis zur vollständigen Wiederherstellung des Menschen.
Der Fund ist mehr als ein kunsthistorisches Schmuckstück. Die gemeinsame Darstellung von Asklepios und Telesphoros belegt, wie präsent der Glaube an Heilung im öffentlichen und religiösen Leben von Aspendos war. Standbilder von Heilgottheiten an einem so prominenten Ort zeigen, dass Gesundheit nicht nur eine private Sorge, sondern Teil der städtischen Identität war. Der türkische Kulturminister Mehmet Nuri Ersoy machte die Entdeckung im Rahmen des staatlichen Grabungsprogramms öffentlich. Weitere Einordnungen liefert ein amtlicher Bericht zur Bekanntgabe des Fundes, der auch die kunstvolle Ausführung der Gewandfalten und die feine Gesichtsgestaltung hervorhebt.
Die Grabungen in Aspendos fördern derzeit auffällig viele Zeugnisse zutage. Nur wenige Tage nach der Marmorstatue meldete die Grabungsleitung die Entdeckung eines rund 2400 Jahre alten Grabes in der östlichen Nekropole, das einem Ringer zugeschrieben wird. Solche Funde zeigen, dass Aspendos über Jahrhunderte ein bedeutendes Zentrum war, dessen Boden noch längst nicht vollständig erforscht ist. Für die Wissenschaft ist die Statuengruppe besonders wertvoll, weil sie den antiken Umgang mit Krankheit und Heilung anschaulich macht. Sie verbindet die künstlerische Meisterschaft der römischen Kaiserzeit mit einem Thema, das bis heute jeden betrifft. Kommende Untersuchungen sollen klären, in welchem baulichen Zusammenhang die Marmorstatue ursprünglich stand und welche Rolle der Heilkult im Stadtbild von Aspendos spielte.