Sindh

Im Turiner Grabtuch steckt DNA aus einer unerwarteten Region

 Dennis Lenz

Im Turiner Grabtuch steckt DNA aus einer unerwarteten Region
(Symbolbild) Das Turiner Grabtuch trägt nach Jahrhunderten des Faltens, Ausstellens und Ausbesserns ein dichtes biologisches Archiv aus menschlichem Erbgut, Bakterien, Pilzen, Pflanzen und Tierresten. Eine metagenomische Auswertung der offiziellen Proben von 1978 ordnet dieses Material erstmals nach Häufigkeit und Herkunft. Die Verteilung der menschlichen Linien folgt dabei nicht der bekannten europäischen Aufbewahrungsgeschichte des Leinens. Über das Alter der Reliquie sagt die Analyse ausdrücklich nichts aus. (Foto: © Forschung und Wissen)

Das Turiner Grabtuch zählt zu den am gründlichsten untersuchten Textilien der Welt, doch sein biologisches Archiv blieb lange unlesbar. Eine metagenomische Analyse der offiziellen Probenentnahme von 1978 hat nun das darauf erhaltene Erbgut in seiner ganzen Breite entschlüsselt, von menschlichen Linien über Bakterien und Pilze bis zu Pflanzen und Tieren. Auffällig ist vor allem die geografische Verteilung des menschlichen Anteils, die zur europäischen Aufbewahrungsgeschichte des Leinens kaum passt. Über Alter und Echtheit sagt die Untersuchung nichts aus, über die Wege des Tuchs dagegen erstaunlich viel.

Das Turiner Grabtuch wird seit 1578 in Turin aufbewahrt und zeigt auf grobem Leinen den schwachen Abdruck eines männlichen Körpers. Seit einer Radiokarbondatierung im Jahr 1988, die für das untersuchte Material den Zeitraum zwischen 1260 und 1390 ergab, wird über die Entstehung des Tuchs gestritten. Unabhängig von dieser Debatte ist das Textil ein außergewöhnlicher biologischer Speicher, denn jede Berührung, jede Lagerung und jeder Transport hinterlassen Hautzellen, Sporen, Pollen und Mikroorganismen im Gewebe. Historische Objekte bleiben dabei chemisch und biologisch aktiv, wie die anhaltende Säurebildung im Holz der Vasa zeigt, die Konservatoren seit Jahrzehnten beschäftigt. Beim Grabtuch kommt hinzu, dass es über Jahrhunderte gefaltet, ausgestellt, ausgebessert und von unzähligen Menschen angefasst wurde, sodass sich Schicht um Schicht fremdes Material ansammelte.

Genau diese Vermischung macht eine Auswertung schwierig. Klassische Verfahren vervielfältigen vor der Sequenzierung einzelne Abschnitte und verzerren dadurch das Mengenverhältnis der beteiligten Organismen. Die neue Arbeit setzt stattdessen auf eine Sequenzierung ohne vorherige Vervielfältigung, wodurch sich abschätzen lässt, welcher Anteil des gefundenen Erbguts tatsächlich aus welcher Quelle stammt. Ausgewertet wurden Proben aus der offiziellen Entnahme des Jahres 1978, die bis heute als einzige systematische Beprobung des Tuchs gilt. Für die Herkunftsbestimmung des menschlichen Materials dient die mitochondriale DNA, die ausschließlich über die mütterliche Linie weitergegeben wird und sich deshalb in klar unterscheidbare Haplogruppen einteilen lässt. Solche Linien sind geografisch ungleich verteilt, was Rückschlüsse auf die Regionen erlaubt, aus denen die beteiligten Menschen stammten.

Was die Metagenomik im Turiner Grabtuch tatsächlich findet

Die in Scientific Reports veröffentlichte Auswertung weist mehrere menschliche Haplogruppen nebeneinander nach, darunter K1a1b1a, die dem Profil des offiziellen Probennehmers von 1978 entspricht, außerdem H2a2, die der mitochondrialen Referenzsequenz zugrunde liegt, sowie H1b, die in Westeurasien verbreitet ist, und die seltene H33, die im Nahen Osten vorkommt und unter den Drusen vergleichsweise häufig ist. Neben dem menschlichen Anteil ließ sich ein vollständiges Mikrobiom rekonstruieren, das Bakterien der menschlichen Haut, Schimmelpilze und Archaeen aus stark salzhaltigen Lebensräumen umfasst. Hinzu kommen Spuren von Kulturpflanzen, Nutztieren und mediterraner Rotkoralle. Bakterielle Sequenzen machten je nach Probe zwischen 10 und 31 Prozent des nachgewiesenen Erbguts aus.

Warum indische Linien auf einem Leinen aus dem Nahen Osten liegen

Der auffälligste Befund betrifft die Mengenverhältnisse. Über 55,6 Prozent des menschlichen Erbguts entfallen auf Linien aus dem Nahen Osten, während westeuropäische Linien weniger als 5,6 Prozent ausmachen, obwohl das Tuch seit Jahrhunderten in Europa verwahrt wird. Weitere 38,7 Prozent lassen sich indischen Linien zuordnen. Die Autoren verweisen als mögliche Erklärung auf den antiken Textilhandel, denn feines Leinen und Garn wurden aus Regionen nahe dem Industal in den Mittelmeerraum eingeführt, in rabbinischen Texten unter der Bezeichnung Hindoyin. Auch der Begriff Sindon, aus dem sich die Bezeichnung des Tuchs ableitet, wird mit der Region Sindh in Verbindung gebracht. Wie belastbar Erbgutspuren Handels- und Reisewege nachzeichnen können, zeigt der Fund, dass zwei Mumien aus Chile den Weg der Pocken nach Amerika verraten, und ähnlich vorsichtig sind die Schlüsse hier zu ziehen.

Was der Befund über das Alter der Reliquie nicht verrät

Die Untersuchung beantwortet die Echtheitsfrage ausdrücklich nicht. Nach Jahrhunderten intensiven Kontakts lässt sich kein ursprünglich mit dem Tuch verbundenes Erbgut mehr isolieren, weil jede spätere Berührung eigene Signaturen hinterlassen hat. Eine zusätzlich durchgeführte Radiokarbondatierung zweier Textilreste aus dem Reliquiar ergab einen Zeitraum zwischen 1451 und 1800, der sich mit bekannten Ausbesserungsarbeiten überschneidet und deshalb nichts über das Haupttuch aussagt. Der eigentliche Ertrag liegt methodisch, wie auch die beteiligte University of Lancashire in ihrer Mitteilung zur forensischen Genomanalyse betont, denn forensische Genomik und Proteomik erschließen damit die biologische Geschichte eines Objekts statt seines Alters. Für die Archäologie ist das ein Werkzeug, das sich auf Textilien, Handschriften und Gefäße übertragen lässt.

Scientific Reports, DNA signatures preserved in the official 1978 sample collection of the Shroud of Turin; doi:10.1038/s41598-026-60684-7

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