Eine 322 Jahre alte Mumie aus Brandenburg verbirgt zwei Gegenstände, die erst moderne Untersuchungen sichtbar gemacht haben. In ihrer Brusthöhle steckte ein Bleistift aus dem frühen 20. Jahrhundert, während im Mund ein rundes Metallobjekt liegt, das bislang nicht geborgen wurde. Gleichzeitig erklärt die Untersuchung, weshalb der Körper wahrscheinlich ganz ohne Einbalsamierung erhalten blieb. Viele Legenden um den sogenannten Ritter Kalebuz halten der wissenschaftlichen Prüfung dagegen nicht stand.
In einem Anbau der Dorfkirche von Kampehl bei Neustadt an der Dosse liegt seit Jahrhunderten ein außergewöhnlich gut erhaltener Leichnam. Traditionell wird er mit Christian Friedrich von Kalebuz verbunden, einem brandenburgischen Gutsherrn, der von 1651 bis 1702 lebte. Umgangssprachlich ist er als Ritter Kalebuz bekannt, obwohl sein historischer militärischer Rang Kornett war. Als der Sarg 1794 geöffnet wurde, war sein Körper im Gegensatz zu anderen Toten der Gruft nicht vollständig verwest. Daraus entstand eine bis heute erzählte Legende: Kalebuz soll in einem Mordprozess geschworen haben, sein Leichnam solle nicht verwesen, falls er schuldig sei. Die historischen Akten dieses angeblichen Prozesses sind nicht erhalten. Wissenschaftlich lässt sich die Geschichte deshalb weder in dieser Form bestätigen noch vollständig widerlegen.
Die Mumie ist dennoch weit mehr als eine regionale Sage. Ihr Erhaltungszustand ermöglicht Untersuchungen, die bei gewöhnlich verwesten Leichnamen nach drei Jahrhunderten nicht mehr möglich wären. Ein internationales Team aus Anatomen, Radiologen, Mumienforschern, Anthropologen und Archäologen untersuchte den Körper mit Computertomografie, Radiokarbondatierung und Gewebeanalysen. Die erste umfassende Untersuchung begann 2024, die vollständige Fachpublikation erschien anschließend 2025. Dabei ging es nicht nur um die Frage nach der Mumifizierung. Die Forscher wollten auch prüfen, ob Alter, Geschlecht und Todeszeit zum historischen Christian Friedrich von Kalebuz passen und welche überlieferten Geschichten am Körper selbst überprüfbar sind. Die Ergebnisse räumen mit mehreren Mythen auf und schaffen gleichzeitig neue Rätsel.
Die Medizinische Hochschule Brandenburg beschreibt als auffälligsten Fremdkörper einen gebrauchten Bleistift der Marke Johann Faber in der Brusthöhle. Das Modell wurde vermutlich zwischen 1900 und 1920 hergestellt und kann daher nicht zur ursprünglichen Bestattung gehören. Das Team konnte den Bleistift endoskopisch entfernen, ohne die Mumie weiter zu beschädigen. Wahrscheinlich gelangte er durch eine bereits vorhandene Öffnung in der rechten Brustwand hinein. Dieser Defekt geht vermutlich auf Rudolf Virchow zurück, der 1895 eine Gewebeprobe aus dem Leichnam entnommen hatte.
Die zeitliche Einordnung des Schreibgeräts macht eine medizinische oder religiöse Bedeutung unwahrscheinlich. Der Körper wurde über lange Zeit offen gezeigt und war nicht immer so geschützt wie heute. Aus historischen Berichten ist bekannt, dass Besucher und Einheimische mit der Mumie teilweise wenig respektvoll umgingen und sie sogar für Scherze nutzten. Der Bleistift könnte deshalb absichtlich durch die Brustöffnung gesteckt worden sein oder bei einem solchen Umgang hineingelangt sein. Beweisen lässt sich der genaue Ablauf nicht mehr. Gerade das Beispiel zeigt jedoch, warum Archäologen zwischen Gegenständen aus der ursprünglichen Bestattung und späteren Eingriffen unterscheiden müssen. Ein Fund im Inneren eines alten Körpers muss nicht ebenso alt sein wie der Körper selbst.
Deutlich rätselhafter ist ein rundlicher metallischer Gegenstand in der Mundhöhle. Die Computertomografie zeigt seine Form, doch das Objekt konnte bislang nicht geborgen werden. Nach der Beschreibung des Universitätsklinikums Ruppin-Brandenburg kommt am ehesten eine Münze oder ein Amulett infrage. Seine Lage spricht dafür, dass der Gegenstand bereits bei oder kurz nach der Bestattung in den Mund gelegt wurde. Anders als beim Bleistift existiert kein später entstandener Zugang, durch den er plausibel hineingelangt sein könnte. Um das Objekt zu entfernen, müsste Gewebe angeschnitten werden. Die Forscher verzichteten deshalb bislang auf eine Bergung.
Die Fachpublikation weist darauf hin, dass Münzbeigaben im Mund Verstorbener auch in der Region nicht unbekannt waren. Der Brauch erinnert an den sogenannten Charonspfennig der Antike, ist aber nicht ausschließlich auf antike Bestattungen beschränkt. Münzen wurden in unterschiedlichen europäischen Regionen noch wesentlich später als Grabbeigaben verwendet. Solange das Objekt nicht direkt untersucht wird, bleibt diese Deutung jedoch eine Hypothese. Form und Röntgendichte allein reichen nicht, um eine bestimmte Münze, ein Material oder ein Prägejahr zu bestimmen. Gerade dieses ungelöste Detail macht die moderne Untersuchung ungewöhnlich: Die CT kann einen jahrhundertelang verborgenen Gegenstand eindeutig sichtbar machen, ohne zwangsläufig seine Identität aufzuklären.
Die Untersuchung fand keine Hinweise auf eine künstliche Mumifizierung nach ägyptischem Vorbild. Das Skelett war weitgehend intakt, und minimale Reste innerer Organe waren noch vorhanden. Die Forscher halten eine natürliche Austrocknung für die wahrscheinlichste Erklärung. Der Körper lag in einem Doppelsarg, der auf vier Füßen stand und dadurch gut belüftet war. Ein dauerhafter Luftstrom kann einem Leichnam Wasser schneller entziehen, als Mikroorganismen das Gewebe vollständig zersetzen. Ist ein Körper erst stark ausgetrocknet, werden viele Fäulnisprozesse deutlich gebremst. Ähnliche natürliche Mumien sind auch aus anderen Regionen bekannt. Eine besonders eindrückliche Form natürlicher Konservierung zeigt auch das Prinzip hinter natürlich konservierten Tierkörpern am Lake Natron, obwohl dort eine völlig andere Chemie beteiligt ist.
Die in HOMO veröffentlichte Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass Alter, Geschlecht und Radiokarbondatierung gut zu Christian Friedrich von Kalebuz passen. Der Körper stammt von einem Mann, der ungefähr 50 bis 60 Jahre alt wurde und im frühen 18. Jahrhundert starb. Auch historische Informationen passen grundsätzlich. Eine absolute genetische Identifizierung gelang jedoch nicht. Zwar fanden die Forscher menschliche DNA, deren Qualität war aber für weitergehende Analysen zu schlecht. Hinzu kommt, dass am ursprünglichen Sarg kein vollständiger Name stand. Die Identität gilt deshalb als plausibel, nicht als zweifelsfrei bewiesen.
Eine hartnäckige Überlieferung behauptete, Kalebuz habe sich in der Schlacht bei Fehrbellin eine deutliche Knieverletzung zugezogen, die am Leichnam zu erkennen sei. Die moderne Untersuchung fand dafür keinen passenden Skelettbefund. Auch die Vorstellung, Organe seien bei einer künstlichen Mumifizierung entfernt worden, bestätigte sich nicht. Dass Haare und Nägel nach dem Tod weiterwachsen, ist ebenfalls biologisch nicht möglich. Der Eindruck entsteht bei Leichnamen manchmal dadurch, dass Haut austrocknet und sich zurückzieht. Moderne Untersuchungsmethoden können solche Legenden von tatsächlich erhaltenen Befunden trennen. Ähnlich liefert die Computertomografie historischer menschlicher Überreste Informationen, die mit bloßem Auge kaum zugänglich sind.
Historische Überlieferungen nennen einen Blutsturz bei Lungenschwindsucht beziehungsweise Tuberkulose als mögliche Todesursache. Die Forscher suchten deshalb gezielt nach DNA des Tuberkulose-Erregers. Das Signal war nur minimal und reicht weder für einen sicheren Nachweis noch für einen Ausschluss der Erkrankung. Das Skelett zeigte ansonsten keine größere Krankheit oder schwere Verletzung, die den Tod erklären würde. Nach mehr als drei Jahrhunderten sind viele biologische Spuren so stark abgebaut, dass selbst moderne Methoden an Grenzen stoßen. Genau darin liegt der Kontrast der Kalebuz-Mumie: Ihr Körper ist äußerlich außergewöhnlich vollständig erhalten, während zentrale Informationen über die letzten Lebensmonate unwiederbringlich verloren sein können.
Die Wissenschaft erklärt inzwischen wahrscheinlich, warum Kalebuz mumifizierte, und widerlegt mehrere populäre Geschichten. Trotzdem bleiben wesentliche Fragen offen. Der genaue Tod lässt sich nicht bestimmen, der Metallgegenstand im Mund ist weiterhin nicht identifiziert und selbst die Zuordnung des Körpers zum historischen Gutsherrn bleibt eine sehr gut gestützte, aber nicht absolute Identifikation. Hinzu kommt die Frage, wie weit eine Untersuchung gehen darf. Eine Bergung des Metallobjekts könnte das Rätsel lösen, würde aber einen Schnitt in das erhaltene Gewebe erfordern. Die Mumie ist damit nicht nur ein Forschungsobjekt, sondern zugleich ein menschlicher Leichnam und ein historisches Kulturzeugnis. Moderne Technik kann immer mehr Details sichtbar machen. Ob jedes sichtbare Geheimnis deshalb auch geöffnet werden sollte, ist eine andere Frage.
HOMO - Journal of Comparative Human Biology, The mummy of Ritter Kahlbutz – an unsolved mystery?; doi:10.1127/homo/1948