Am Ufer des Lake Natron liegen tote Flamingos, Fischadler und Fledermäuse, überzogen von einer harten, weißen Kruste, die ihre Körper zu steinernen Figuren macht. Der See im Norden von Tansania erreicht einen pH-Wert von bis zu 10,5 und Temperaturen von über 40 Grad, und trotzdem brüten an seinen Ufern bis zu 2,5 Millionen Zwergflamingos. Diese Mischung aus tödlicher Chemie und riesiger Vogelkolonie macht den Natronsee zu einem der widersprüchlichsten Orte der Erde. Was die toten Tiere wirklich konserviert und warum die Flamingos den lebensfeindlichen See sogar brauchen, hat mit einem seltenen Vulkan und uraltem Wissen der Ägypter zu tun.
Der Lake Natron liegt im Norden von Tansania, unmittelbar an der Grenze zu Kenia und am Grund des Ostafrikanischen Grabenbruchs. Der See ist rund 56 Kilometer lang und zwölf Kilometer breit, selten mehr als drei Meter tief und leuchtet über weite Strecken in kräftigem Rot. Bekannt wurde er vor allem durch Fotografien, die versteinerte Tiere am Ufer zeigen: Vögel und Fledermäuse, überzogen von einer harten, weißen Kruste. Genau diese Bilder haben ihm den Ruf eines unheimlichen, fast tödlichen Ortes eingebracht. Tatsächlich ist das Wasser hier so stark alkalisch und salzig, dass es für die meisten Lebewesen lebensfeindlich ist. Doch der weit verbreitete Eindruck, der See verwandle alles, was ihn berührt, augenblicklich in Stein, greift zu kurz und verdeckt den weit spannenderen Vorgang, der sich am Natronsee wirklich abspielt.
Um zu verstehen, was den Natronsee so besonders macht, hilft ein Blick auf seine Lage und seinen Wasserhaushalt. Der See hat mehrere Zuflüsse, aber keinen einzigen Abfluss. Wasser verlässt ihn ausschließlich durch Verdunstung, und in der heißen, trockenen Landschaft am Fuß mehrerer Vulkane verdampft davon enorm viel. Zurück bleiben Salze und Mineralien, die sich über Jahrtausende immer weiter aufkonzentriert haben, bis der See zu einer der extremsten Laugen der Natur wurde. Bei niedrigem Wasserstand zerfällt er in einzelne Becken, überzogen von dicken Salzkrusten, zwischen denen sich das rötliche Wasser sammelt. In genau dieser scheinbar lebensfeindlichen Umgebung liegt zugleich das größte Brutgebiet einer ganzen Vogelart Ostafrikas. Dieser Widerspruch aus Gift und Zuflucht ist der Schlüssel zu fast allem, was den Lake Natron ausmacht.
Der Lake Natron ist ein Sodasee, und das prägt alles, was in und an ihm geschieht. Sein Wasser erreicht einen pH-Wert zwischen 9 und 10,5 und liegt damit im Bereich von Ammoniak oder Bleichmittel. Verantwortlich dafür ist vor allem gelöstes Natriumcarbonat, im Alltag als Soda bekannt, dazu kommen weitere Salze wie Natriumhydrogencarbonat und Natriumchlorid. Weil der See keinen Abfluss besitzt und in der Hitze des Grabenbruchs ständig Wasser verdunstet, konzentrieren sich diese Stoffe immer weiter auf. Der Salzgehalt schwankt je nach Wasserstand zwischen etwa 30 und über 300 Gramm pro Liter, kurz vor der Grenze, an der das Salz auskristallisiert. Hinzu kommen Wassertemperaturen, die häufig um 40 Grad liegen und stellenweise über 50 Grad steigen. Solche Bedingungen klingen nach reiner Lebensfeindlichkeit, und doch gelten gerade alkalische Natronseen manchen Forschern als mögliche Wiege des ersten Lebens.
Der Ursprung dieser gewaltigen Salzfracht liegt in einem der ungewöhnlichsten Vulkane der Welt. Nur rund 20 Kilometer südlich des Sees erhebt sich der Ol Doinyo Lengai, von den Massai „Berg Gottes“ genannt. Er ist der einzige aktive Vulkan der Erde, der sogenannte Natrocarbonatit-Lava fördert, eine seltene, natriumreiche Schmelze. Diese Lava ist mit etwa 500 Grad deutlich kühler als gewöhnliche Gesteinsschmelzen, fließt dünnflüssig und erstarrt an der Luft schnell zu heller, brüchiger Kruste. Verwittert das natriumreiche Gestein, gelangen große Mengen Carbonate in den Boden und über Zuflüsse und heiße Quellen in den See. Damit liefert der Vulkan gewissermaßen den Grundstoff für die aggressive Chemie des Lake Natron. Das Smithsonian-Vulkanprogramm führt ihn als einzigen Ort, an dem Carbonatit-Laven in historischer Zeit ausgebrochen sind.
Die berühmten Bilder erstarrter Tiere gehen vor allem auf den Naturfotografen Nick Brandt zurück, der um 2013 am Ufer zahlreiche gut erhaltene Kadaver von Vögeln und Fledermäusen fand. Für seine Aufnahmen stellte er die konservierten Körper auf Ästen und Steinen auf, was den Eindruck lebender, zu Stein erstarrter Tiere verstärkte. Genau hier beginnt das hartnäckige Missverständnis. Der See tötet kein Tier, das kurz seine Oberfläche berührt, und verwandelt es augenblicklich in Stein. Stattdessen sterben die Tiere meist aus anderen Gründen, etwa weil sie bei der Landung auf der spiegelglatten Wasserfläche verunglücken oder erschöpft ins Wasser geraten. Erst danach setzt der eigentliche Prozess ein, der ihre Körper so unheimlich lange erhält.
Verantwortlich ist dieselbe Chemie, die schon die alten Ägypter nutzten. Natron, also Natriumcarbonat, entzieht totem Gewebe Wasser und wirkt stark konservierend. Genau dieses Mineral verwendeten ägyptische Einbalsamierer, um Leichname für die Ewigkeit zu trocknen. Am Lake Natron übernimmt das Salz dieselbe Aufgabe von allein: Die stark alkalische, salzige Lauge dörrt die Kadaver aus, hemmt Fäulnisbakterien und überzieht sie zugleich mit einer harten Kruste aus auskristallisierten Mineralen. So entstehen die scheinbar versteinerten Gestalten, die eher mumifiziert und mit einer Salzschicht überzogen als tatsächlich zu Gestein geworden sind. Der Effekt ist real und beeindruckend, seine Ursache aber ist Konservierung, nicht die schlagartige Verwandlung von Fleisch in Stein.
So lebensfeindlich der See für die meisten Tiere ist, so unverzichtbar ist er für eine Art. Der Lake Natron gilt als das mit Abstand wichtigste Brutgebiet der Zwergflamingos in Ostafrika. Schätzungen zufolge stammen rund drei Viertel aller ostafrikanischen Zwergflamingos von diesem einen See, zeitweise versammeln sich hier bis zu 2,5 Millionen Vögel. Ausgerechnet die ätzende Lauge, die andere Tiere tötet, ist ihr wichtigster Schutz. Denn kaum ein Fressfeind wagt sich durch das heiße, alkalische Wasser bis zu den Nisthügeln, die die Flamingos aus Schlamm mitten im See errichten. Auf diesen kleinen Soda-Inseln brüten sie weitgehend ungestört, abgeschirmt von Hyänen und anderen Räubern.
Möglich wird das durch besondere Anpassungen. Die Haut an den Beinen und die Schnäbel der Flamingos halten dem ätzenden Wasser stand, und ihr Körper toleriert die hohen Salz- und Natriumwerte. Ihre Nahrung liefert der See gleich mit: In dem warmen, alkalischen Wasser gedeiht das Cyanobakterium Arthrospira, das viele als Spirulina kennen. Die Flamingos filtern es massenhaft aus dem Wasser, und der rote Farbstoff dieser und ähnlicher Organismen färbt nicht nur das Gefieder rosa, sondern über riesige Salinenkrebs-Schwärme auch weite Teile des Sees rötlich. Kippt dieses fein austarierte System, etwa wenn eine andere Bakterienart die Spirulina verdrängt, kommt es immer wieder zu Massensterben unter den Flamingos. Ihr Paradies bleibt damit ein Leben auf Messers Schneide.
Der Natronsee ist auch für die Wissenschaft ein Extremlabor. In der Trockenzeit zerfällt er in einzelne Becken und überzieht sich mit meterweiten Salzpolygonen, zwischen denen ovale Mineralringe liegen, die manche als Sodageysire bezeichnen. Die Zersetzung organischen Materials und die hohen Temperaturen setzen so viel Ammoniak frei, dass Forscher über dem See mithilfe von Satelliten einen regelrechten Ammoniak-Hotspot aus dem All nachweisen konnten, einen der stärksten natürlichen dieser Art weltweit. Der Lake Natron ist damit nicht nur am Boden, sondern sogar aus dem Orbit als chemische Ausnahmeerscheinung erkennbar. Zugleich verweist der See auf die tiefe Geschichte der Region: Am einstigen Ufer fanden sich rund 120.000 Jahre alte menschliche Fußabdrücke in versteinerter Vulkanasche.
Am Ende erklärt sich das Unheimliche am Lake Natron aus einer einzigen Ursache: einem See ohne Abfluss, gespeist von einem Vulkan mit sodareicher Lava, in dem Verdunstung und Hitze das Wasser zu einer konservierenden Lauge eindicken. Diese Chemie lässt tote Vögel wie Statuen erstarren und macht denselben Ort zum sichersten Kinderzimmer für Millionen Flamingos. Wer die Bilder der steinernen Tiere kennt, sieht meist nur die eine Hälfte des Sees. Die andere ist ein leuchtend rotes, von Vogelrufen erfülltes Brutgebiet, das ohne genau dieselbe tödliche Lauge gar nicht existieren könnte. Genau dieser Widerspruch, tödlich und lebensspendend zugleich, macht den Natronsee zu einem der bemerkenswertesten Gewässer der Erde.
Scientific Reports, Atmospheric ammonia (NH3) emanations from Lake Natron's saline mudflats; doi:10.1038/s41598-019-39935-3