Ein 700 Jahre alter Schädel aus China liefert den ersten archäologischen Beleg dafür, dass Menschen zur Strafe die Nase abgeschnitten wurde. Die Frau lebte zwischen 1298 und 1404 und wurde als Einzige ihres Friedhofs mit dem Gesicht nach unten begraben. Computertomografien zeigen, dass Nasenbeine und feine Strukturen der Nasenhöhle entfernt wurden. Die Knochen waren verheilt, die Frau überlebte die Strafe um mehrere Jahre.
Das Abschneiden der Nase gehörte im alten China über Jahrtausende zu den gefürchtetsten Strafen. Es zählte zu den sogenannten Fünf Strafen, einem System, das historische Quellen bis in die frühen Dynastien zurückführen und zu dem auch Tätowierungen im Gesicht, das Abtrennen von Füßen, Kastration und die Todesstrafe gehörten. Die Verstümmelung sollte die Verurteilten ein Leben lang sichtbar als Straftäter kennzeichnen. Obwohl Inschriften, Gesetzestexte und Chroniken die Nasenstrafe immer wieder erwähnen, hatten Archäologen in China bislang kein einziges Skelett gefunden, an dem sie sich nachweisen ließ. Diese Lücke könnte nun ein Fund aus der Provinz Henan schließen. Ein Team um den Archäologen Yawei Zhou von der Universität Zhengzhou hat den Schädel einer Frau untersucht, deren Gesicht massiv verändert ist. Ihre Ergebnisse erschienen im Journal of Archaeological Science: Reports, der Bioanthropologe Qian Wang von der Texas A&M University ist Mitautor der Studie.
Das Skelett mit der Bezeichnung M318 stammt aus dem Friedhof Sanzhiyuan bei Sanmenxia, der 2019 bei einer Notgrabung vor Bauarbeiten freigelegt wurde. Weil die Ausgrabung unter Zeitdruck stattfand, fiel der ungewöhnliche Schädel zunächst niemandem auf. Erst 2024, als Zhou die Skelette des Friedhofs systematisch auswertete, erkannte er die Besonderheit, wie das Portal phys.org über die Studie berichtet. Unter den 213 historischen Bestattungen war die Frau die einzige, die mit dem Gesicht nach unten im Grab lag, und die einzige mit einer derart entstellten Gesichtsmitte. Sie war in einem Holzsarg am Südrand des Friedhofs beigesetzt worden, als einzige Beigabe fand sich eine kupferne Haarnadel. Anhand von Schädel und Becken bestimmten die Forscher ihr Alter auf 40 bis 45 Jahre, die Radiokarbondatierung eines Beinknochens ergab eine Lebenszeit zwischen 1298 und 1404.
Um die Ursache der Verletzung zu klären, untersuchten die Forscher den Schädel mit einem Computertomografen. Die Schichtbilder zeigten, dass die Nasenbeine und mehrere feine Strukturen im Inneren der Nasenhöhle fehlten. Die umliegenden Gesichtsknochen wiesen dagegen nicht das breite Bruchmuster auf, das ein schwerer Sturz oder ein Schlag hinterlassen hätte. Auch die Schneidezähne waren unversehrt, obwohl sie bei einem Aufprall auf das Gesicht meist mit beschädigt werden. Die Verletzung war also eng begrenzt und betraf gezielt die Nase. Die Autoren halten eine strafweise Amputation der Nase deshalb für die wahrscheinlichste Erklärung für die Entstellung der Gesichtsmitte. Sie betonen allerdings, dass sich eine solche Deutung an einem Einzelfall nicht mit letzter Gewissheit beweisen lässt. Welches Vergehen der Frau vorgeworfen wurde, wer die Strafe anordnete und wie genau sie vollstreckt wurde, verraten die Knochen nicht.
Bemerkenswert ist, was die Forscher an den Rändern der Verletzung fanden. Rund um die Nasenöffnung hatte sich neues Knochengewebe gebildet, mehrere Knochen im Inneren der Nase zeigten deutliche Heilungsspuren. Die Frau hat den Eingriff also nicht nur überlebt, sondern lebte danach offenbar noch mehrere Jahre. Die Autoren schließen daraus, dass sie nach der Verstümmelung eine medizinische Versorgung erhielt, die eine tödliche Infektion verhinderte. Chemische Analysen der Knochen zeigen außerdem, dass sie sich überwiegend von Hirse ernährte und nur wenig tierisches Eiweiß zu sich nahm, was auf bescheidene Lebensumstände hindeutet. Wie mühsam es ist, das Leben einfacher Menschen aus der Vergangenheit zu rekonstruieren, zeigen auch schriftliche Zeugnisse wie eine 3.800 Jahre alte Tontafel mit einer Kundenbeschwerde. Bei der Frau aus Sanzhiyuan erzählen allein die Knochen ihre Geschichte.
Zur Zeit der späten Yuan- und frühen Ming-Dynastie wurde das Abschneiden der Nase historischen Quellen zufolge für bestimmte Vergehen verhängt, etwa für Diebstahl oder Ehebruch. Welches davon der Frau zur Last gelegt wurde, bleibt offen. Auffällig ist jedoch ihre Bestattung mit dem Gesicht nach unten, eine Praxis, die in manchen Kulturen bei Verbrechern oder Ausgestoßenen angewandt wurde. Mitautor Qian Wang deutet sie als Zeichen dafür, dass die Gemeinschaft die Frau auch nach ihrem Tod als Außenseiterin behandelte, wie er gegenüber dem Magazin Live Science erklärte. Die Strafe hätte sie damit über das Grab hinaus begleitet. Wang zeigte sich selbst überrascht von dem Fund, weil bislang weltweit keine wissenschaftliche Beschreibung eines Skeletts mit strafweise amputierter Nase veröffentlicht worden sei.
Die Bioarchäologin Elizabeth Berger von der University of California in Riverside, die nicht an der Studie beteiligt war, hält die Argumentation für überzeugend. Sie hofft, dass Forscher nun gezielt nach weiteren Fällen suchen und so mehr darüber erfahren, wer die Strafe erlitt, wie sie ausgeführt wurde und wie die Betroffenen danach medizinisch versorgt wurden, möglicherweise auch mit Prothesen. Der Schädel aus Sanzhiyuan wurde im Rahmen eines internationalen Projekts zur Gesundheitsgeschichte Asiens untersucht, das Wang leitet. In den kommenden Jahren sollen dort zahlreiche weitere Skelette auf Krankheiten und Verletzungen geprüft werden. Wie viel alte Knochen und Bauwerke über Krisen früherer Gesellschaften verraten, zeigten zuletzt auch Kalkschichten in einer römischen Wasserleitung. Für die Nasenstrafe im alten China liegt nun erstmals ein Beleg aus Knochen vor.
Journal of Archaeological Science: Reports, First skeletal evidence of facial mutilation as a form of punishment from ancient China (1298-1404 CE): A unique archaeological case of nasal amputation in Yuan-Ming Dynasties