Eine mindestens 1.200 Jahre alte Hundemumie liefert direkte Hinweise auf haarlose Hunde im alten Peru. Das Tier stammt aus Castillo de Huarmey, einem bedeutenden Verwaltungs- und Bestattungskomplex der Wari-Kultur. Erhaltene Haut und auffällige Zahnlücken halfen bei der Zuordnung. Weitere Untersuchungen zeigen, dass die Hunde an diesem Ort sehr unterschiedliche Lebensgeschichten hatten.
Ein Team um Weronika Tomczyk vom Dartmouth College untersuchte neben der Hundemumie zahlreiche Knochenfunde. Castillo de Huarmey liegt an der trockenen Pazifikküste nördlich von Lima. Der Komplex war zwischen etwa 600 und 1050 nach Christus in Nutzung und ist damit deutlich älter als das Inkareich. Die außergewöhnliche Trockenheit begünstigte den Erhalt organischer Materialien.
Beim Fund des natürlich mumifizierten Rüden war zunächst auch eine wesentlich jüngere Ablagerung denkbar. Teile der Anlage waren durch Plünderungen und Störungen verändert worden. Eine Radiokarbondatierung ordnete das Tier jedoch der alten Nutzungszeit zu. Die Altersbestimmung ist deshalb mehr als eine ergänzende Zahl. Sie verbindet die körperlichen Merkmale des Hundes mit dem historischen Kontext der Wari.
Die Forscher erfassten 341 einzelne Hundeknochen, die mindestens 19 Tieren zugeordnet werden konnten, sowie den mumifizierten Rüden. Besonders aufschlussreich waren drei Individuen mit auffälligen Merkmalen. Zu ihnen gehörte ein Schädel mit erhaltener haarloser Haut und Ohren. Er war mit dem roten Pigment Zinnober versehen. Solche Befunde ergänzen die bereits bekannten Darstellungen haarloser Hunde auf Keramik um körperliche Überreste.
Die Zahnlücken waren für die Zuordnung entscheidend. Nach Einschätzung der Forscher fehlten bei den betreffenden Tieren insbesondere erste Vorbackenzähne, weil diese nie angelegt beziehungsweise nie durchgebrochen waren. Es ging also nicht lediglich um Zähne, die im Alter oder nach dem Tod verloren gingen. Bei heutigen Nackthunden sind Haarlosigkeit und eine verringerte Zahnzahl genetisch miteinander verbunden. Die Kombination aus Haut und Gebiss stützt daher die Interpretation der archäologischen Funde.
Damit liegt allerdings kein direkter Nachweis eines bestimmten Gens aus alter DNA vor. Die Zuordnung beruht auf körperlichen Merkmalen und dem Vergleich mit bekannten Zusammenhängen. Auch eine lückenlose Abstammungslinie zu einer heutigen registrierten Hunderasse lässt sich daraus nicht ablesen. Die Geschichte von Hund und Mensch umfasst viele regionale Entwicklungswege. Historische Populationen entsprechen deshalb nicht automatisch den heutigen Rassebezeichnungen.
Die Analyse von Knochen und Zähnen ergänzt die äußeren Merkmale. Verschiedene Isotope können Hinweise auf Nahrungsquellen und die Herkunft eines Tieres geben. Zahngewebe bewahrt Informationen aus seiner Entstehungszeit, während Knochen durch Umbau spätere Lebensabschnitte abbilden. Ein Vergleich beider Materialien kann daher Veränderungen während des Lebens sichtbar machen. Die Interpretation erfordert allerdings passende Vergleichswerte aus der Umgebung.
Bei vielen Hunden fanden sich Hinweise auf Mais als Bestandteil der Nahrung. Die Werte mancher mutmaßlich haarloser Tiere ähnelten in ihrer frühen Lebensphase denen menschlicher Kinder. Ob die Hunde gezielt gefüttert wurden oder Speisereste aufnahmen, bleibt offen. Auch Untersuchungen früher Hunde aus der Gnirshöhle nutzen Ernährungsdaten, um die Nähe zum Menschen zu rekonstruieren. Ähnliche Nahrung ist dabei ein Hinweis auf gemeinsame Lebensbedingungen, aber kein unmittelbarer Beleg für persönliche Zuneigung.
Einige Tiere waren bewusst bestattet worden, andere Überreste lagen in Abfallzusammenhängen. Ein sehr junger Hund wurde gemeinsam mit einem hochrangigen Handwerker beigesetzt. Solche Unterschiede sprechen gegen eine einzige, überall gleiche Rolle der Tiere. Ein Hund konnte innerhalb einer Gemeinschaft einen anderen Stellenwert haben als ein anderes Tier derselben Art. Archäologische Befunde müssen deshalb jeweils im Zusammenhang mit ihrem konkreten Fundort gelesen werden.
Die unterschiedlichen Ernährungs- und Bestattungsmuster lassen eine besondere Behandlung bestimmter Hunde möglich erscheinen. Eine organisierte Zucht ist eine interessante Deutung, aber noch kein abschließend bewiesener Ablauf. Ebenso wenig lässt sich sicher feststellen, welche Tiere als persönliche Gefährten galten. Die Untersuchung erweitert vor allem die materielle Grundlage für solche Fragen. Sie zeigt, dass haarlose Hunde in der Wari-Gesellschaft tatsächlich vorkamen und dass ihre Lebensbedingungen genauer untersucht werden können.
Journal of Anthropological Archaeology, The many lives of companion species: a zooarchaeological and isotopic research on Wari dog remains from Castillo de Huarmey, Peru; doi:10.1016/j.jaa.2026.101767
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