Jagdpartner

Seit 15.000 Jahren formen sich Hund und Mensch gegenseitig

 Dennis Lenz

Seit 15.000 Jahren formen sich Hund und Mensch gegenseitig
(Symbolbild) Hunde begleiten den Menschen seit dem Ende der letzten Eiszeit und haben sich dabei an höchst unterschiedliche Lebensräume und Aufgaben angepasst. Wie eng die gemeinsame Geschichte von Hund und Mensch verläuft, zeigt sich von den Kältesteppen des Nordens bis in tropische Regenwälder. Fachleute rekonstruieren diese Entwicklung aus archäologischen Funden, Genanalysen und ethnografischen Berichten. (Foto: © Forschung und Wissen)

Hunde gelten als das älteste Haustier des Menschen, doch wie ihre Domestikation ablief, war lange umstritten. Ein neues Fachbuch des Oxforder Archäologen Peter Mitchell zeichnet die Beziehung zwischen Hund und Mensch über rund 15000 Jahre nach und stellt ein vertrautes Bild infrage. Statt dass Menschen einfach Wölfe zähmten, könnten beide Seiten anfangs als weitgehend gleichberechtigte Partner in diese Verbindung gegangen sein. Besonders Jäger und Sammler spielten dabei eine tragende Rolle, lange bevor andere Tiere oder Pflanzen unter menschliche Kontrolle gerieten. Wie tief diese gemeinsame Geschichte reicht, zeigt sich bis heute in ganz unterschiedlichen Weltregionen.

Hunde stammen von grauen Wölfen ab und waren das erste Tier, das der Mensch domestizierte, noch bevor Ackerbau und Viehzucht entstanden. Wann genau aus dem Wolf der Hund wurde, lässt sich schwer bestimmen, weil sich die Skelette beider Tiere in der Frühphase kaum unterscheiden. Genetische Analysen alter Knochen legen inzwischen nahe, dass Hunde bereits vor rund 15000 bis annähernd 16000 Jahren als eigenständige Begleiter des Menschen existierten, und Bestattungen von Hunden vor etwa 14000 Jahren zählen zu den ältesten Zeugnissen dieser Bindung. Damit fällt der Beginn der Domestikation vermutlich noch in die letzte Eiszeit. Der Haushund ist heute mit schätzungsweise mehreren Hundert Millionen Tieren weltweit präsenter als je zuvor, was die außergewöhnliche Erfolgsgeschichte dieser Partnerschaft unterstreicht und die Frage umso spannender macht, wie sie überhaupt begann.

Der Kern des neuen Werks ist die Idee, dass die Domestikation kein einzelnes Ereignis war, bei dem Menschen die zahmsten Wölfe auswählten, sondern ein langer, wechselseitiger Prozess. In dieser Lesart näherten sich Mensch und Wolf über viele Generationen an, weil beide Seiten von der Nähe profitierten. Der Autor stützt sich dabei auf archäologische, anthropologische, genetische, historische, ökologische und sprachwissenschaftliche Belege und weitet den Blick bewusst über Europa und Nordamerika hinaus nach Lateinamerika, Afrika und Südostasien. Gerade Gesellschaften von Jägern und Sammlern rückten dabei ins Zentrum, weil in ihnen der gemeinsame Erfolg von Mensch und Hund unmittelbar vom Zusammenspiel beider abhing. So entstand kein einheitlicher Hund, sondern eine Vielzahl von Entwicklungswegen, die sich eng an den jeweiligen Lebensraum anpassten.

Warum die Zähmung keine Einbahnstraße war

Dass am Anfang beide Seiten mitwirkten, lässt sich an einem entscheidenden Unterschied zwischen Wolf und Hund festmachen. Anders als der Hund lässt sich der Wolf selbst bei früher Aufzucht kaum zuverlässig an den Menschen gewöhnen, weil seine Prägungsphase anders verläuft. Untersuchungen dazu, warum sich Wölfe bis heute nicht zuverlässig zähmen lassen, zeigen, dass Wolfswelpen ihre Umwelt zunächst vor allem über den Geruch erkunden und Neues dadurch bedrohlich wirkt. Frühe Hunde dagegen begannen, menschliche Signale zu lesen und die Nähe zu suchen. Der Autor argumentiert, dass sich in diesem Zusammenspiel nicht nur das Aussehen der Tiere veränderte, sondern vor allem ihr Sozialverhalten. Menschen wählten kooperative Tiere aus, und die Hunde wiederum erweiterten die Möglichkeiten des Menschen, indem sie bei der Jagd Beute aufspürten, Lager bewachten oder Lasten trugen. Aus dieser Rückkopplung entstand eine Bindung, die enger ist als bei fast jedem anderen Tier.

Wie der Lebensraum die Hunde formte

Je nachdem, wohin sich menschliche Gruppen ausbreiteten, entwickelten sich die Hunde in unterschiedliche Richtungen. In kalten Regionen wurden manche zu kräftigen Zugtieren, die schwere Lasten über Schnee und Eis ziehen konnten. Auf dem tibetischen Hochland entstanden Anpassungen, die das Leben bei geringem Sauerstoffgehalt erleichtern. In den Regenwäldern Südamerikas und Südostasiens dagegen blieben Hunde eher klein und wendig und wurden zu spezialisierten Jagdpartnern, die Wild durch dichtes Unterholz aufspüren und schwieriges Gelände meistern. Nach den in einem umfassenden Fachbuch zusammengetragenen Belegen steuerten indigene Gemeinschaften diese Entwicklung oft gezielt, indem sie vielversprechende Welpen auswählten und mitunter sogar Wildhunde einkreuzten, um bestimmte Fähigkeiten zu erhalten. So wurde aus einer einzigen Ausgangsart eine erstaunliche Bandbreite von Typen, die jeweils genau zu den Bedürfnissen und Umweltbedingungen der Menschen passten, mit denen sie lebten.

Warum gerade Jäger und Sammler entscheidend waren

Ein roter Faden des Buches ist die zentrale Rolle mobiler Wildbeuter. Jäger und Sammler brachten den Hund in ihr Leben, lange bevor sesshafte Gesellschaften begannen, Pflanzen und andere Tiere gezielt zu kontrollieren. In solchen Gemeinschaften war der Hund kein bloßer Besitz, sondern ein Arbeits- und Sozialpartner, dessen Nutzen sich unmittelbar im Alltag zeigte, etwa beim Aufspüren von Beute oder beim Schutz des Lagers. Weil diese Gruppen häufig in Bewegung waren und in sehr unterschiedliche Umgebungen vordrangen, verbreiteten sich Hunde früh über weite Strecken und passten sich immer neuen Bedingungen an. Der Autor betont, dass sich der Hund gerade deshalb so vielfältig entwickeln konnte, weil er von Anfang an in extrem verschiedenen menschlichen Lebensweisen gebraucht wurde. Diese frühe Verflechtung erklärt, warum die Bindung zwischen beiden Arten so alt und über den ganzen Globus verbreitet ist.

Was die enge Bindung bis heute verrät

Wie tief die gemeinsame Prägung reicht, zeigt sich auch im Verhalten heutiger Hunde. Über viele Kulturen hinweg verständigen sich Hunde und ihre Halter erstaunlich ähnlich, was auf eine gemeinsame Wurzel in der Domestikation hindeutet. Ein Beispiel dafür liefert die Beobachtung, dass sich die weltweit erstaunlich ähnliche Verständigung zwischen Hund und Halter von der mongolischen Steppe bis in tropische Regenwälder stärker gleicht als erwartet. Der Autor ordnet solche Befunde in ein größeres Bild ein, in dem sich die Geschichten von Mensch und Hund über Jahrtausende kaum getrennt erzählen lassen. Zugleich handelt es sich um eine breit angelegte Zusammenschau vieler Fachrichtungen und nicht um eine einzelne neue Messung, sodass manche Details weiter offen bleiben. Klar wird jedoch, dass der Hund den Menschen ebenso verändert hat, wie der Mensch den Hund geformt hat.

Peter Mitchell, First Dogs: Hunter-Gatherers and Their Canine Companions from Prehistory to the Present, Routledge; doi:10.4324/9781003505891

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