Beim Gedanken an das Gesicht der eigenen Mutter oder an einen roten Apfel entsteht bei den meisten Menschen sofort ein inneres Bild. Ein kleiner Teil der Bevölkerung hat dabei jedoch keine Bilder im Kopf, sondern nur Wissen ohne Anschauung. Betroffene erfahren davon oft erst im Erwachsenenalter, weil sie die Rede vom geistigen Auge bis dahin für eine Redensart hielten. Forscher in Exeter und Bonn arbeiten seit Jahren daran, den Zustand messbar zu machen.
Das bildhafte Vorstellungsvermögen gilt in der Psychologie als eine der grundlegenden Leistungen des Gehirns. Es verknüpft Erinnerungen mit Farben, Räumen und Gesichtern, es hilft beim Planen und es begleitet das Lesen von Romanen. Gemessen wird es seit 1973 mit einem Fragebogen, der 16 Aufgaben stellt und die Lebhaftigkeit der inneren Bilder auf einer Skala abfragt. Wer dort durchgehend die niedrigste Stufe angibt, sieht beim Erinnern nichts. Der Zustand trägt seit 2015 den Namen Aphantasie, geprägt von Adam Zeman an der University of Exeter, und das Gegenstück mit besonders lebhaften Bildern heißt Hyperphantasie. Dazwischen liegt ein breites Spektrum, das die meisten Menschen nie bewusst wahrnehmen.
Der Ausgangspunkt der Forschung war ein einzelner Patient, der 2010 in Exeter vorstellig wurde. Der Mann berichtete, dass er sich nach einer Herzoperation keine Gesichter, Orte und Szenen mehr bildlich vorstellen konnte, obwohl sein Wissen darüber vollständig erhalten blieb. Er wusste weiterhin, dass Tannen dunkler sind als Gras, kam aber ohne inneres Bild zu dieser Antwort. Nach der Veröffentlichung meldeten sich zahlreiche Menschen, die dasselbe schilderten, allerdings von Geburt an. Beschrieben hatte das Phänomen bereits Francis Galton im Jahr 1880, als er Bekannte nach dem Bild ihres Frühstückstisches befragte und stark abweichende Antworten erhielt. Systematisch untersucht wird es erst seit gut anderthalb Jahrzehnten.
Die Prävalenz hängt davon ab, wie streng gemessen wird. Die bislang größte internationale Erhebung mit 9.063 Teilnehmern aus dem Jahr 2024 kommt auf rund ein Prozent für die vollständige Form und auf bis zu vier Prozent, wenn schwache Restvorstellungen mitgezählt werden. Betroffen sind damit in Deutschland mehrere Millionen Menschen.
Wichtig ist die Abgrenzung nach mehreren Seiten. Aphantasie ist keine Blindheit, denn das Sehen selbst funktioniert normal. Sie ist auch keine Gedächtnislosigkeit, denn Fakten, Namen und Abläufe bleiben abrufbar. Viele Betroffene träumen weiterhin in Bildern, was dafür spricht, dass allein das willentliche Erzeugen von Vorstellungen betroffen ist. Da kein Leidensdruck und keine deutliche Funktionseinschränkung nachweisbar sind, gilt der Zustand als kognitive Normvariante und nicht als Krankheit. Einige Menschen berichten zusätzlich von einem Ausfall in anderen Sinnesbereichen, können sich also auch keine Melodien oder Gerüche vorstellen, während bei der Mehrheit eine reduzierte Restwahrnehmung erhalten bleibt.
Das bekannteste Erklärungsmodell setzt an der Verbindung zwischen Sehzentrum und Stirnhirn an. In bildgebenden Untersuchungen zeigte sich, dass die Kopplung zwischen dem visuellen Cortex und jenen Arealen schwächer ausfällt, die als Impulsgeber für die innere Vorstellung gelten. Ein anderes Modell nimmt an, dass der visuelle Cortex auch im Ruhezustand so aktiv ist, dass das schwache Signal einer reinen Vorstellung darin untergeht. Beides lässt sich bisher nicht eindeutig trennen. Messbar wird der Unterschied unter anderem am Auge: Wer sich vorstellt, in eine helle Lampe zu schauen, verengt unwillkürlich die Pupille, und genau diese Reaktion fällt bei Aphantasie deutlich schwächer aus. Ähnlich unerwartete Zusammenhänge zwischen Hirnaktivität und Erinnerung zeigen sich auch dort, wo nachts hochfrequente Wellen die Gedächtniszentren steuern.
In Bonn besteht seit 2020 eine eigene Arbeitsgruppe zu diesem Thema. Eine Untersuchung mit 14 Betroffenen und 16 Kontrollpersonen, über die die Universität Bonn zum autobiographischen Gedächtnis berichtet, verglich Erinnerungen an persönlich erlebte Ereignisse. Menschen mit Aphantasie berichteten weniger Details, ihre Erzählungen fielen weniger lebhaft aus, und sie vertrauten den eigenen Erinnerungen weniger. Im Kernspintomographen zeigte sich zugleich eine veränderte Kopplung zwischen Hippocampus und Sehrinde. Bemerkenswert ist, was dabei nicht gefunden wurde: Faktenwissen, Sprachgedächtnis und räumliche Aufgaben blieben unauffällig. Der Unterschied betrifft also die Art des Erinnerns, nicht dessen Menge.
Die häufigste Schilderung Betroffener ist nicht Verlust, sondern Überraschung. Da niemand in den Kopf eines anderen sehen kann, fällt ein fehlendes inneres Bild im Alltag nicht auf. Formulierungen wie Schäfchen zählen oder sich etwas ausmalen wirken wie Metaphern, und Beschreibungen aus Romanen lassen sich ohne Bilder verstehen. Erst ein zufälliges Gespräch oder ein Fragebogen bringt den Unterschied ans Licht. Umgekehrt entdecken manche erst dann, dass sie ihre Erinnerungen ungewöhnlich lebhaft sehen. Dass die messbare Ausstattung eines Menschen und sein Selbstbild weit auseinanderliegen können, zeigt sich auch bei der Frage, wie stark Gene die Persönlichkeit prägen. Für Betroffene bleibt am Ende ein nüchterner Befund: Sie erinnern sich anders, nicht schlechter.
eLife, Hippocampal-occipital connectivity reflects autobiographical memory deficits in aphantasia; doi:10.7554/eLife.94916.1