Traumschlaf im Labor

Unbekannte Hirnwellen ordnen nachts das Gedächtnis

 Dennis Lenz

Unbekannte Hirnwellen ordnen nachts das Gedächtnis
(Symbolbild) Im Traumschlaf ähnelt die elektrische Aktivität des Gehirns jener im Wachzustand, weshalb dieser Zustand auch als paradoxer Schlaf bezeichnet wird. Bislang galt vor allem der Tiefschlaf als jene Phase, in der Erinnerungen zwischen Hippocampus und Großhirnrinde abgeglichen werden. Ein Team der Brandeis University hat bei Ratten nun im Stirnhirn hochfrequente Schwingungen entdeckt, die im Traumschlaf in Ketten auftreten. Sie steuern die Aktivität der Gedächtniszentren auf eine Weise, die sich klar vom Tiefschlaf unterscheidet. (Foto: © Forschung und Wissen)

Was im Kopf passiert, während wir träumen, gilt als eines der letzten großen Rätsel der Hirnforschung. Eine Untersuchung liefert nun einen konkreten Mechanismus: Im Traumschlaf feuert das Stirnhirn hochfrequente Wellen, die in regelrechten Ketten auftreten und die Gedächtniszentren steuern. Sie arbeiten nach anderen Regeln als jene Wellen, die im Tiefschlaf für die Erinnerung sorgen.

Der menschliche Schlaf verläuft in Zyklen von etwa 90 Minuten, in denen sich zwei grundverschiedene Zustände abwechseln. Im Tiefschlaf sinkt die Hirnaktivität in langsame, große Wellen ab, der Körper ruht, der Kreislauf fährt herunter. Im REM-Schlaf, benannt nach den schnellen Augenbewegungen, ähnelt das elektrische Muster dagegen dem Wachzustand, während die Skelettmuskulatur weitgehend gelähmt ist. Fachleute sprechen deshalb von paradoxem Schlaf. In diesem Zustand entstehen die lebhaftesten Träume. Für die Gedächtnisforschung galt lange vor allem der Tiefschlaf als entscheidend, denn dort ließ sich seit Jahrzehnten beobachten, wie das Gehirn Erlebtes wiederholt und dabei festigt. Welche Rolle der Traumschlaf dabei spielt, blieb dagegen unklar, obwohl bekannt ist, dass Störungen dieser Phase mit Gedächtnisproblemen, Depressionen und Demenzerkrankungen einhergehen.

Um das zu verstehen, muss man wissen, wie Erinnerungen im Schlaf verarbeitet werden. Zwei Hirnregionen teilen sich die Arbeit: Der Hippocampus, eine seepferdchenförmige Struktur tief im Inneren, nimmt neue Erlebnisse zunächst auf. Der präfrontale Kortex hinter der Stirn ist für komplexes Denken und die langfristige Speicherung zuständig. Nach den gängigen Modellen der Gedächtnisfestigung spielen beide Regionen im Schlaf gemeinsam ab, was tagsüber geschah, und überführen die zunächst im Hippocampus abgelegten Einzelerlebnisse nach und nach in ein breit verteiltes Netz in der Großhirnrinde. Aus der einzelnen Episode wird auf diesem Weg dauerhaftes Wissen.

Im Tiefschlaf ist der Mechanismus längst bekannt

Für den Tiefschlaf ist dieser Vorgang gut beschrieben. Dort treten im Hippocampus sogenannte scharfe Wellen mit Kräuselung auf, im Fachjargon Sharp-Wave-Ripples, kurze Aktivitätssalven im Bereich von 150 bis 250 Hertz. Sie fallen zeitlich zusammen mit langsamen Oszillationen der Großhirnrinde zwischen einem und vier Hertz sowie mit Schlafspindeln zwischen zwölf und sechzehn Hertz. Diese Dreierkombination gilt als neurophysiologische Grundlage der Gedächtnisfestigung, und bereits 2016 zeigte eine Untersuchung, dass die Kräuselwellen im Hippocampus dabei den Takt für die Rinde vorgeben. Eine Arbeit aus dem Jahr 2024 ergänzte das Bild um eine Gegenrichtung: Schnelle Wellen aus dem Stirnhirn können die Aktivität des Hippocampus im Tiefschlaf auch unterdrücken. Für den Traumschlaf fehlte ein vergleichbar klares Bild bislang vollständig.

Ketten statt einzelner Wellen

Ein Team um Justin Shin und Shantanu Jadhav hat genau diese Lücke geschlossen. Die Forscher leiteten bei Ratten gleichzeitig die elektrische Aktivität im präfrontalen Kortex und im Hippocampusbereich CA1 ab und werteten aus, was während des REM-Schlafs geschieht. Dabei stießen sie auf hochfrequente Schwingungen im Stirnhirn, die nicht vereinzelt auftreten, sondern in wiederkehrenden Ketten, wie die Fachzeitschrift eLife berichtet. Diese Ketten öffnen offenbar ein eigenes Zeitfenster, in dem sich die beiden Hirnregionen austauschen. Entscheidend für die Bewertung ist dabei ein methodisches Detail: Die Forscher zeichneten nicht nur die Feldpotenziale auf, sondern gleichzeitig die Aktivität einzelner Nervenzellen. Nur so lässt sich ausschließen, dass es sich um Messartefakte handelt, ein Problem, das die Forschung an hochfrequenten Signalen seit Jahren begleitet.

Der Hippocampus reagiert anders als im Tiefschlaf

Der interessanteste Befund ist eine Trennung, die niemand erwartet hatte. Während der Kettenwellen im Traumschlaf verhielten sich die Nervenzellen im Hippocampus anders als während der Kräuselwellen im Tiefschlaf. Beide Zustände aktivieren also nicht dieselben Zellverbände auf dieselbe Weise, sondern folgen unterschiedlichen Mustern. Damit spricht einiges dafür, dass Tiefschlaf und Traumschlaf nicht dasselbe zweimal tun, sondern arbeitsteilig vorgehen: Die eine Phase könnte Erinnerungen abgleichen und übertragen, die andere sie ordnen, gewichten oder überflüssige Verknüpfungen abschwächen. Für die Gedächtnisforschung ist das eine bedeutsame Verschiebung, denn bisherige Modelle stellten den Tiefschlaf klar in den Mittelpunkt und behandelten den Traumschlaf als Nebenschauplatz für emotionale Verarbeitung.

Warum das für Demenz und Depression zählt

Die praktische Bedeutung ergibt sich aus einem klinischen Zusammenhang. Störungen des Traumschlafs treten bei zahlreichen Erkrankungen auf: Menschen mit Depressionen zeigen häufig eine veränderte REM-Struktur, bei der Parkinson-Krankheit gilt die REM-Schlaf-Verhaltensstörung, bei der die nächtliche Muskelerschlaffung ausbleibt und Betroffene ihre Träume ausagieren, als eines der frühesten Warnzeichen überhaupt, oft Jahre vor den ersten Bewegungssymptomen. Auch bei Demenzerkrankungen finden sich Auffälligkeiten in dieser Schlafphase. Solange unklar war, was der Traumschlaf für das Gedächtnis leistet, ließ sich nicht beurteilen, welche Folgen solche Störungen haben. Ein konkreter Mechanismus liefert dagegen einen Ansatzpunkt: Er lässt sich messen, im Tiermodell gezielt stören oder verstärken und mit Gedächtnisleistungen abgleichen.

Was die Untersuchung nicht zeigt

Die Grenzen sind klar zu benennen. Die Ableitungen stammen von Ratten, und obwohl die Grundarchitektur von Hippocampus und Stirnhirn bei Säugetieren vergleichbar ist, lassen sich Frequenzen und Zeitfenster nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen. Beim Menschen sind derart feine Messungen nur in Ausnahmefällen möglich, etwa bei Epilepsiepatienten, denen zur Operationsplanung ohnehin Elektroden implantiert werden. Zudem zeigt die Arbeit Zusammenhänge zwischen Wellenmustern und Zellaktivität, nicht aber, dass eine gezielte Störung dieser Ketten das Gedächtnis messbar verschlechtert. Genau dieser Nachweis wäre der nächste Schritt und ist im Tiermodell technisch möglich, etwa indem die Ketten während des Schlafs gezielt unterbrochen und anschließend Lernaufgaben geprüft werden.

Was daraus für den eigenen Schlaf folgt

Für den Alltag lässt sich aus solchen Befunden kein Rezept ableiten, wohl aber eine Einordnung. Der REM-Anteil liegt bei Erwachsenen bei etwa 20 bis 25 Prozent der Schlafzeit und häuft sich in den frühen Morgenstunden, weshalb die letzten Schlafstunden überproportional viel Traumschlaf enthalten. Wer regelmäßig zu früh aufsteht oder den Schlaf am Ende abschneidet, verliert entsprechend viel davon. Bekannt ist außerdem, dass Alkohol den Traumschlaf in der ersten Nachthälfte unterdrückt und dass bestimmte Medikamente, darunter mehrere Antidepressiva, ihn deutlich verändern. Solange die Forschung nicht genau weiß, was in dieser Phase geschieht, bleibt die schlichte Konsequenz: Schlaf nicht am Ende kürzen. Die neue Arbeit macht immerhin plausibler, warum das keine bloße Alltagsweisheit ist. Ergänzend belegt eine im August veröffentlichte Untersuchung der Universität York, dass bereits beim Lernen ein bestimmtes Wellenmuster darüber mitentscheidet, welche Erlebnisse das Gehirn später überhaupt zur Speicherung auswählt.

eLife, REM sleep prefrontal high-frequency oscillation chains mediate distinct cortical-hippocampal reactivation patterns compared to NREM sleep; doi:10.7554/eLife.110795.3

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