Über 1.200 Gene stehen mit den fünf Hauptmerkmalen der Persönlichkeit in Verbindung, doch gemeinsam erklären die verbreiteten Genvarianten nur 5 bis 15 Prozent der Unterschiede zwischen Menschen. Zwillingsstudien waren jahrzehntelang auf rund 50 Prozent gekommen. Die neue Auswertung stützt sich auf Genomdaten von mehr als einer Million Personen und ist die größte ihrer Art. Der zweite Befund der Arbeitsgruppe wiegt für Eltern womöglich noch schwerer.
Die Persönlichkeitsforschung arbeitet seit Jahrzehnten mit fünf Hauptmerkmalen, die sich in nahezu allen Kulturen wiederfinden: Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit für Erfahrungen und Neurotizismus, also die Neigung zu negativen Gefühlen. Diese fünf Dimensionen gelten als der stabilste Teil des Charakters, sie verändern sich im Erwachsenenalter nur langsam und sagen Berufserfolg, Beziehungsdauer und Gesundheitsverhalten mit erstaunlicher Zuverlässigkeit voraus. Entsprechend alt ist die Frage, wie viel davon angeboren ist. Lange beantworteten Zwillingsstudien sie: Weil eineiige Zwillinge nahezu ihr gesamtes Erbgut teilen, zweieiige dagegen nur etwa die Hälfte, lässt sich aus dem Vergleich beider Gruppen der genetische Anteil abschätzen. Solche Untersuchungen, teilweise an getrennt aufgewachsenen Zwillingen, kamen übereinstimmend auf eine Erblichkeit von etwa 50 Prozent.
Der Begriff Erblichkeit meint dabei nicht, dass die Hälfte eines Charakterzugs von den Eltern stammt. Er beschreibt, welcher Anteil der Unterschiede innerhalb einer Bevölkerung auf genetische Unterschiede zurückgeht. Mit der Entschlüsselung des Genoms kam ein zweiter Weg hinzu, die genomweite Assoziationsstudie. Sie vergleicht Millionen einzelner Basenpaare zwischen sehr vielen Menschen und sucht nach Varianten, die mit einem Merkmal zusammenhängen. Weil jede einzelne Variante nur winzige Effekte hat, braucht das Verfahren riesige Stichproben. Genau die hat das Konsortium Revived Genomics of Personality zusammengetragen: 46 Datensätze, in denen jeweils Fragen zu den fünf Merkmalen erhoben wurden, rund 600.000 Personen für die ersten vier Merkmale und über 1,1 Millionen allein für Neurotizismus.
Das Ergebnis der Metaanalyse, an der unter anderem Michel Nivard von der University of Bristol beteiligt war, umfasst mehr als 1.200 Gene mit nachweisbarem Bezug zur Persönlichkeit. Die Autoren betonen jedoch, dass die wichtigste Aussage eine andere ist: Kein einzelnes dieser Gene entscheidet darüber, ob jemand gesellig, gewissenhaft oder leicht reizbar ist. Stattdessen wirken tausende Gene mit jeweils minimalen Effekten zusammen, die sich von den Einflüssen der Umwelt praktisch nicht trennen lassen. Damit unterscheidet sich Persönlichkeit grundlegend von körperlichen Merkmalen wie der Augenfarbe, bei der wenige Gene den Ausschlag geben. Wer aus einem Gentest Aussagen über den Charakter ableiten will, arbeitet nach dieser Datenlage auf einer Grundlage, die dafür zu schwach ist.
Frühere, kleinere Genomstudien hatten für die Persönlichkeit bereits Erblichkeitswerte von nur 5 bis 15 Prozent gefunden. Üblich ist, dass diese Werte steigen, sobald die Stichproben wachsen, weil größere Datensätze auch schwächere genetische Zusammenhänge erfassen. Bei der Persönlichkeit trat dieser Effekt nicht ein, die niedrigen Werte bestätigten sich. Für die Lücke zu den Zwillingsstudien nennt die Arbeitsgruppe zwei mögliche Gründe. Erstens erfassen genomweite Analysen sehr seltene Genvarianten nicht, die innerhalb einzelner Familien wirken könnten, weshalb der wahre Wert etwas höher liegen dürfte. Zweitens neigen Zwillinge dazu, die eigene Persönlichkeit aus Gründen als ähnlich einzustufen, die nichts mit Genen zu tun haben, was den Wert der Zwillingsstudien nach oben verzerrt haben dürfte.
Der zweite zentrale Befund betrifft mögliche Störfaktoren. Bei vielen Merkmalen ist schwer zu trennen, was genetisch und was sozial vermittelt ist: Wer etwa den Bildungserfolg untersucht, misst zwangsläufig auch Einkommen, Wohnumfeld und Zugang zu Büchern mit. Die Arbeitsgruppe verglich deshalb die genetischen Effekte innerhalb von Familien mit denen zwischen nicht verwandten Personen. Beide fielen gleich aus. Daraus folgern die Autoren, dass sich einfache soziale Mechanismen, über die Eltern die Persönlichkeit ihrer Kinder direkt prägen würden, weitgehend ausschließen lassen. Das Elternhaus wirkt damit nicht so, wie es die Alltagsvorstellung nahelegt, nämlich als direkte Übertragung von Wesenszügen, sondern in einem Zusammenspiel, das sich mit den heutigen Verfahren nicht sauber zerlegen lässt.
Der Psychologe Brent Roberts von der University of Illinois, der an der Arbeit nicht beteiligt war, zieht daraus einen methodischen Schluss: Die Aufteilung in Gene gegen Umwelt führe bei einem so zusammengesetzten Merkmal in die Irre, weil beide Seiten nicht gegeneinander, sondern miteinander wirken. Erschwerend kommt hinzu, dass die DNA-Sequenz zwar festliegt, die Aktivität einzelner Gene aber davon abhängt, in welcher Umgebung ein Mensch sich befindet. Eine Studie, die dieses Wechselspiel sauber messen würde, müsste Teilnehmer über Jahrzehnte begleiten und wäre entsprechend teuer. Die Grenzen der humangenetischen Forschung zeigen sich hier besonders deutlich, weil sich aus einem festen Code allein das Verhalten eines Menschen nicht ableiten lässt.
Nivard und sein Team wollen den Datensatz nun nutzen, um Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen zu untersuchen und die Rolle seltener Varianten zu bestimmen. Er rechnet damit, dass selbst nach vollständiger Kartierung aller seltenen Genvarianten ein Teil des genetischen Einflusses unerklärt bleiben wird, weil Prozesse wie die Wechselwirkung zwischen Umwelt und Genaktivität bislang nur in Umrissen verstanden sind. Einschränkend gilt außerdem, dass die ausgewerteten Kohorten überwiegend aus Europa und Nordamerika stammen und Persönlichkeit dort über Selbstauskunft erhoben wurde, was eigene Verzerrungen mitbringt. Für die Praxis bleibt vorerst der nüchterne Befund, dass die fünf Hauptmerkmale weit weniger im Erbgut festgeschrieben sind, als es Jahrzehnte der Zwillingsforschung nahegelegt haben.