Große Dürre

Nach dem El Niño von 1877 verhungerten mehr als 50 Millionen Menschen

Nach dem El Niño von 1877 verhungerten mehr als 50 Millionen Menschen
(Symbolbild) Zwischen 1875 und 1878 blieb in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Südamerikas der Regen aus. Im Zentrum der Katastrophe stand ein El Niño, der zu den stärksten je rekonstruierten zählt. Die folgende globale Hungersnot gehört zu den schwersten Katastrophen der Menschheitsgeschichte. Klimaforscher haben rekonstruiert, warum gleich mehrere Weltregionen zur selben Zeit betroffen waren. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

In Indien fiel der Monsun aus, in Nordchina vertrockneten die Felder, im Nordosten Brasiliens starb das Vieh. Zwischen 1875 und 1878 kam die Dürre gleichzeitig über drei Kontinente, und im Zentrum stand ein El Niño der Extreme. Mehr als 50 Millionen Menschen verloren in der folgenden Hungersnot ihr Leben. Klimaforscher halten das Ereignis bis heute für den Maßstab, an dem sich jeder starke El Niño messen lassen muss.

El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen im tropischen Pazifik. Alle paar Jahre erwärmt sich die Oberfläche des Ozeans im zentralen und östlichen Teil der Tropen ungewöhnlich stark, weil die Passatwinde schwächer werden, die das warme Wasser sonst nach Westen treiben. Diese Erwärmung verschiebt großräumige Luftströmungen und verändert das Wetter weit über den Pazifik hinaus: In manchen Regionen bleibt der Regen aus, in anderen fällt er in Mengen, die Flüsse über die Ufer treten lassen. Der El Niño 1877 gilt als einer der stärksten, die sich für die vergangenen 150 Jahre rekonstruieren lassen. Er fiel in eine Zeit, in der es weder Satelliten noch Messbojen gab, und doch lässt er sich heute aus Wetterbüchern, Regenmessungen und den Jahresringen von Bäumen erstaunlich genau nachzeichnen. Die Bilanz, die Forscher daraus ziehen, ist eine der dunkelsten der modernen Geschichte.

Die sogenannte globale Hungersnot dauerte von 1876 bis 1878 und forderte nach heutigen Schätzungen mehr als 50 Millionen Todesopfer. Das entsprach etwa drei Prozent der damaligen Weltbevölkerung. Gemessen an der Zahl der Toten gehört die Katastrophe in eine Reihe mit der Grippepandemie von 1918 und den beiden Weltkriegen. Trotzdem ist sie im deutschsprachigen Raum kaum bekannt. Erst 2018 legte ein Team um die Klimaforscherin Deepti Singh die erste umfassende Analyse der klimatischen Ursachen vor. Das Ergebnis zeigt, dass nicht allein der El Niño die Katastrophe auslöste, sondern ein seltenes Zusammentreffen mehrerer Extreme in gleich vier Ozeanregionen. Wer verstehen will, warum Meteorologen bei jedem starken El Niño an das Jahr 1877 erinnern, muss dieses Zusammenspiel kennen.

Die Große Dürre von 1875 bis 1878 in Zahlen

Der El Niño von 1877 und 1878 gehört zu den stärksten je rekonstruierten. Zusammen mit einer vorausgehenden La Niña, einem extremen Dipol im Indischen Ozean und einem ungewöhnlich warmen Nordatlantik löste er mehrjährige Dürren in Asien, Afrika und Brasilien aus. Die folgende globale Hungersnot forderte mehr als 50 Millionen Todesopfer.

Historiker sprechen von der Großen Dürre, und der Name ist berechtigt. Nach der Analyse von Singh und ihren Kollegen, die 2018 im Journal of Climate erschien, erlebte die Region, die Klimaforscher als Monsun-Asien bezeichnen, die intensivste Dürre der vergangenen 800 Jahre und die zweitgrößte nach ihrer räumlichen Ausdehnung. Schwere oder rekordverdächtige Trockenheit herrschte zugleich auf Kontinenten beider Erdhalbkugeln und in mehreren Jahreszeiten hintereinander. Um das zu belegen, werteten die Forscher Regenmessungen aus der Kolonialzeit, Dürreatlanten auf Grundlage von Baumringen und Simulationen mit Klimamodellen aus. Die Baumringe reichen in manchen Regionen acht Jahrhunderte zurück und erlauben damit den Vergleich mit allen anderen großen Trockenzeiten seit dem Mittelalter.

Vier Ozeane gleichzeitig im Ausnahmezustand

Das eigentliche Rätsel der Großen Dürre ist ihre Gleichzeitigkeit. Ein starker El Niño allein erklärt nicht, warum Regionen in Asien, Afrika und Südamerika über Jahre hinweg gleichzeitig trocken blieben. Die Rekonstruktion zeigt eine außergewöhnliche Abfolge: Von 1870 bis 1876 lag über dem tropischen Pazifik eine lange kühle Phase, eine La Niña, die in Indien bereits die Regenzeit schwächte. Dann schlug das System in einen rekordstarken El Niño um, der 1877 und 1878 seinen Höhepunkt erreichte. Im selben Jahr 1877 bildete sich im Indischen Ozean ein rekordstarker positiver Dipol, eine Temperaturschaukel zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil dieses Meeres. 1878 folgte schließlich ein ungewöhnlich warmer Nordatlantik.

Jede dieser Anomalien kommt für sich genommen immer wieder vor. Dass sie in dieser Reihenfolge und Stärke zusammentrafen, ist dagegen extrem selten. Nach den Modellrechnungen trieb vor allem der tropische Pazifik die Dürre in den meisten Regionen an. Der Dipol im Indischen Ozean und der warme Nordatlantik, die vermutlich selbst vom starken El Niño begünstigt wurden, verschärften und verlängerten die Trockenheit in Australien und Brasilien und dehnten sie bis nach Nord- und Südostafrika aus. Einzig die Kombination aller Faktoren erklärt, warum die Ernten auf der halben Welt gleichzeitig ausfielen und keine Region die andere mit Getreide versorgen konnte.

Was El Niño mit dem Monsun in Indien macht

Am härtesten traf die Dürre den indischen Subkontinent, und das hat mit einer der wichtigsten Fernwirkungen des Phänomens zu tun. Der Sommermonsun, der Indien von Juni bis September den Großteil seines Jahresniederschlags bringt, hängt eng mit den Luftströmungen über dem Pazifik zusammen. Während eines El Niño verlagern sich die aufsteigenden, feuchten Luftmassen nach Osten, über Indien sinkt dagegen häufiger trockene Luft ab. Der Monsun wird schwächer oder bleibt in weiten Landesteilen ganz aus. Bereits 1875 scheiterte die Regenzeit in Indien, und 1876 folgte ein zweites Jahr mit zu wenig Regen. Rund um Madras, Mysore, Hyderabad und Bombay verdorrten die Felder.

Für eine Bevölkerung, die überwiegend von Reis und Hirse aus eigenem Anbau lebte, bedeutete ein ausgefallener Monsun den Verlust der gesamten Jahresernte. Zwei aufeinanderfolgende Fehljahre zehrten die letzten Vorräte auf. Hinzu kamen Seuchen, denn geschwächte Menschen erkrankten leichter an Cholera, Ruhr und anderen Infektionen, die in den Hungerlagern grassierten. In Ostasien setzte die Dürre im Frühjahr 1876 ein und erfasste vor allem den Norden Chinas, wo die Hungersnot über Jahre andauerte. In beiden Ländern starben Millionen Menschen.

Indien, China, Brasilien: eine Dürre auf drei Kontinenten

Auf der anderen Seite der Erde traf die Trockenheit den Nordosten Brasiliens, eine halbtrockene Region, die ohnehin von der kurzen Regenzeit abhängt. Dort ging die Katastrophe als Grande Seca, die große Trockenheit, in die Geschichte ein. Ab 1877 blieb der Regen aus, Ernten und Viehbestände gingen verloren, Hunderttausende Menschen flohen in die Küstenstädte. Auch im Süden und Norden Afrikas herrschte Dürre. Die globale Hungersnot war damit eines der ersten Ereignisse, das die weltweiten Fernwirkungen eines El Niño in ihrer ganzen Wucht sichtbar machte, lange bevor Wissenschaftler das Phänomen überhaupt verstanden.

Die Gleichzeitigkeit machte die Lage besonders verheerend. In normalen Dürrejahren kann eine betroffene Region auf Getreide aus anderen Teilen der Welt zurückgreifen. Zwischen 1876 und 1878 fehlte dieser Ausgleich, weil in mehreren großen Anbaugebieten zugleich die Ernte ausfiel. Der Zusammenbruch verteilte sich über drei Kontinente und mehrere Jahre, weshalb Zeitgenossen das volle Ausmaß kaum erfassen konnten. Erst die moderne Klimaforschung hat die einzelnen Hungerkatastrophen als Teile eines einzigen, weltumspannenden Ereignisses zusammengefügt.

Nicht nur das Wetter tötete

So extrem die Dürre war, sie allein erklärt die Zahl der Toten nicht. Die Forscher um Singh betonen, dass soziale und wirtschaftliche Umstände der Kolonialzeit die Folgen massiv verschärften. In Britisch-Indien wurde auch während der Hungersnot weiter Getreide gehortet und exportiert, statt es in den Notstandsgebieten zu verteilen. Die Hilfe blieb zögerlich und an strenge Bedingungen geknüpft. Arme Bevölkerungsgruppen, die durch koloniale Ausbeutung ohnehin geschwächt waren, hatten dem Hunger und den folgenden Seuchen wenig entgegenzusetzen. An der Studie war auch der Historiker Mike Davis beteiligt, dessen Buch über die Hungersnöte des späten 19. Jahrhunderts die Klimaforscherin zu ihrer Analyse inspiriert hatte. Nach seiner Deutung trugen die El-Niño-Dürren jener Jahre dazu bei, die globale Ungleichheit zu schaffen, die später mit den Begriffen Erste und Dritte Welt beschrieben wurde.

Das Wetter lieferte den Auslöser, die Gesellschaft bestimmte, wie viele Menschen starben. Diese Unterscheidung ist für die Gegenwart entscheidend. Heute überwachen weltweit Tausende Messbojen und Satelliten den Pazifik, Vorhersagen reichen Monate voraus, und internationale Hilfsorganisationen können Nahrungsmittel in betroffene Regionen bringen. Eine Hungersnot wie in den 1870er-Jahren halten Fachleute deshalb für unwahrscheinlich. Ein vergleichbares Zusammentreffen von Klimaextremen könnte die weltweite Versorgung aber auch heute erheblich unter Druck setzen, vor allem über steigende Getreidepreise und Ernteausfälle in armen Ländern.

Der stärkste El Niño als Maßstab für heute

War der El Niño von 1877 tatsächlich der stärkste der Geschichte? Ganz eindeutig ist das nicht. Eine Studie aus dem Jahr 2020 kam zu dem Ergebnis, dass er nicht signifikant stärker war als die großen Ereignisse von 1982 und 1983, von 1997 und 1998 oder von 2015 und 2016. Die Rekonstruktion eines Ereignisses aus dem 19. Jahrhundert bleibt mit Unsicherheiten behaftet. Unbestritten ist dagegen, dass kein anderer El Niño der Neuzeit mit so vielen Todesopfern verbunden war. Deshalb ziehen Meteorologen den Vergleich mit 1877 regelmäßig, sobald sich im Pazifik ein kräftiges Ereignis aufbaut. Solche Phasen wirken sich bis in den Atlantik aus, wo ein starker El Niño die Bildung von Wirbelstürmen hemmen kann, wie sich zuletzt zeigte, als der Atlantik ungewöhnlich lange ohne Hurrikan blieb.

Die Autoren der Studie von 2018 ziehen eine nüchterne Bilanz, die auch in einer Mitteilung der Columbia Climate School nachzulesen ist. Die klimatischen Bedingungen der Großen Dürre entstanden aus natürlichen Schwankungen des Klimasystems. Sie können sich wiederholen, und durch die Erderwärmung könnten ihre Folgen für den Wasserhaushalt sogar stärker ausfallen. Parallel suchen Forscher nach Wegen, extreme Ereignisse abzuschwächen, etwa mit Modellen, in denen künstlich aufgehellte Wolken einen El Niño bremsen sollen. Das Jahr 1877 bleibt dabei die Mahnung, was geschieht, wenn der Regen auf drei Kontinenten zugleich ausbleibt und niemand darauf vorbereitet ist.

Journal of Climate, Climate and the Global Famine of 1876–78; doi:10.1175/JCLI-D-18-0159.1

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