Spaltung im Regenwald

Der Gombe-Schimpansenkrieg dauerte vier Jahre

Der Gombe-Schimpansenkrieg dauerte vier Jahre
(Symbolbild). Der Gombe-Schimpansenkrieg entstand, nachdem sich eine Schimpansengemeinschaft im Gombe-Nationalpark dauerhaft in zwei Gruppen geteilt hatte. Aus der Kasakela-Gemeinschaft und der Kahama-Gemeinschaft wurden territoriale Gegner, obwohl viele Tiere zuvor miteinander gelebt hatten. Grenzpatrouillen und territoriale Aggression prägten den folgenden Konflikt über vier Jahre. Jahrzehnte später lieferten alte Feldaufzeichnungen neue Hinweise darauf, was der Spaltung vorausging. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Im Gombe-Nationalpark zerbrach Anfang der 1970er-Jahre eine Gemeinschaft von Schimpansen, deren Mitglieder zuvor miteinander gelebt, gefressen und sich gegenseitig gepflegt hatten. Aus der Trennung entwickelte sich der Gombe-Schimpansenkrieg, ein vierjähriger Konflikt zwischen der Kasakela-Gemeinschaft im Norden und der Kahama-Gemeinschaft im Süden. Die Gegner waren damit keine unbekannten Tiere aus weit entfernten Revieren. Viele von ihnen hatten noch wenige Jahre zuvor derselben sozialen Gemeinschaft angehört.

Jane Goodall beobachtete die Schimpansen von Gombe bereits seit 1960, als sich innerhalb der von ihr untersuchten Gemeinschaft Veränderungen abzeichneten. Schimpansen leben nicht ständig als geschlossene Gruppe zusammen. Ihre Gemeinschaften teilen sich im Alltag immer wieder in kleinere Verbände, deren Zusammensetzung wechselt. Einzelne Tiere gehen gemeinsam auf Nahrungssuche, andere bleiben zurück, später treffen sich Gruppen erneut. Dieses flexible System machte es zunächst schwer zu erkennen, dass in Gombe etwas grundlegend anderes geschah. Bestimmte Tiere verbrachten zunehmend mehr Zeit miteinander, während Kontakte zu anderen Mitgliedern seltener wurden. Auch gegenseitige Fellpflege und gemeinsame Streifzüge verlagerten sich. Aus einer gewöhnlichen Untergruppenbildung entwickelte sich schrittweise eine dauerhafte soziale Grenze. Im Jahr 1973 war die Trennung so deutlich geworden, dass aus der zuvor zusammenhängenden Gemeinschaft zwei eigenständige Gruppen hervorgegangen waren. Damit begann eine Entwicklung, deren Folgen niemand bei den ersten Veränderungen absehen konnte.

Im Norden blieb die Kasakela-Gemeinschaft, während die südliche Gruppe als Kahama-Gemeinschaft bezeichnet wurde. Schon die Ausgangslage macht den späteren Konflikt ungewöhnlich. Die Tiere auf beiden Seiten kannten einander, hatten gemeinsame soziale Beziehungen besessen und teilweise jahrelang dasselbe Gebiet genutzt. Dennoch wurden Begegnungen an der neu entstandenen Grenze immer gefährlicher. Von 1974 bis 1978 dokumentierten Goodall und ihre Mitarbeiter eine Serie von Angriffen, bei denen vor allem zahlenmäßig überlegene Gruppen aus Kasakela einzelne Tiere aus Kahama attackierten. Die Ereignisse erhielten später die Bezeichnung Four-Year War und auf Deutsch den Namen Gombe-Schimpansenkrieg. Der Begriff ist eingängig, aber er darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schimpansen keine Staaten, Armeen oder politischen Kriegsziele besitzen. Entscheidend ist vielmehr die Struktur des Geschehens: wiederholte gemeinschaftsbezogene Gewalt, Grenzpatrouillen, territoriale Aggression und eine dauerhafte Verschiebung des kontrollierten Gebiets.

Warum zerbrach die Gemeinschaft der Schimpansen?

Die Gemeinschaft zerbrach offenbar nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern über einen längeren sozialen Prozess. Eine spätere Auswertung historischer Felddaten ergab, dass die Untergruppenbildung besonders 1971 und 1972 stark zunahm. In diese Zeit fiel ein langwieriger Dominanzkampf zwischen drei hochrangigen Männchen, gleichzeitig war das Verhältnis erwachsener Männchen zu Weibchen ungewöhnlich hoch. Forscher um Joseph Feldblum rekonstruierten die Entwicklung anhand von Daten zu gemeinsamer Anwesenheit, Fellpflege und räumlicher Nutzung. Ihre Analyse der sozialen Netzwerke in Gombe bestätigte, dass die späteren Gruppen tatsächlich aus einer zusammenhängenden Gemeinschaft hervorgingen. Die späteren Lager waren zudem nicht zufällig zusammengesetzt. Viele Tiere blieben nach der Spaltung bevorzugt mit jenen Artgenossen zusammen, mit denen sie bereits zuvor häufiger Kontakt gepflegt hatten.

Aus früheren Gruppenmitgliedern wurden territoriale Gegner

Der erste gut dokumentierte tödliche Angriff des Konflikts ereignete sich Anfang 1974. Mehrere Kasakela-Männchen trafen auf ein einzelnes Männchen der Kahama-Gemeinschaft und griffen gemeinsam an. Weitere Überfälle folgten. Ein wiederkehrendes Muster bestand darin, dass Schimpansen in Gruppen in das Grenzgebiet oder in das Territorium der Nachbarn vordrangen und isolierte Gegner attackierten, wenn das Zahlenverhältnis günstig war. Solche Situationen unterscheiden sich von spontanen Auseinandersetzungen innerhalb einer Gruppe. Die Angreifer bewegten sich bei Grenzpatrouillen häufig auffällig leise, hielten zusammen und reagierten sensibel auf Geräusche anderer Schimpansen. Das Verhalten passt zu Beobachtungen aus weiteren Populationen, bei denen die Gefahr eines Angriffs stark davon abhängt, ob eine Gruppe lokal überlegen ist. Schimpansen können dabei Informationen über ihre Umgebung und andere Individuen lange im Gedächtnis behalten. Untersuchungen zum Arbeitsgedächtnis von Schimpansen verdeutlichen, wie leistungsfähig diese kognitiven Fähigkeiten sein können.

Die Kahama-Gemeinschaft verlor immer mehr Mitglieder

Mit jedem Verlust verschob sich das Kräfteverhältnis weiter. Die Kahama-Gemeinschaft war kleiner als ihr nördlicher Nachbar und konnte den Ausfall erwachsener Männchen kaum ausgleichen. Gerade diese Männchen waren für die gemeinsame Verteidigung des Territoriums besonders wichtig. Nachdem mehrere von ihnen getötet worden oder verschwunden waren, wurden weitere Angriffe für Kasakela leichter. Am Ende des vierjährigen Konflikts existierte Kahama nicht mehr als eigenständige Gemeinschaft. Kasakela konnte große Teile des ehemaligen südlichen Gebiets nutzen. Der territoriale Gewinn blieb allerdings nicht unbegrenzt. Weiter südlich lebten andere Schimpansen, deren Anwesenheit die Expansion stoppte. Damit zeigt der Gombe-Schimpansenkrieg auch, dass Territorien nicht einfach freie Flächen sind. Sie liegen in einem Mosaik benachbarter Gemeinschaften, die ihre eigenen Grenzen verteidigen. Der Zusammenbruch einer Gruppe verändert deshalb das Kräfteverhältnis in einem größeren Gebiet und kann neue Begegnungen mit weiteren Nachbarn auslösen.

Grenzpatrouillen folgen einem auffälligen Muster

Die Beobachtungen aus Gombe halfen dabei, Grenzpatrouillen genauer zu verstehen. Mehrere Männchen bewegen sich dabei gemeinsam in Richtung der Randbereiche ihres Territoriums. Lautes Rufen kann abnehmen, während die Tiere auf Geräusche aus dem Nachbargebiet achten. Wird eine fremde Gruppe bemerkt, entscheidet das lokale Zahlenverhältnis darüber, ob die Patrouille weiter vorrückt oder sich zurückzieht. Ein einzelner Gegner kann dadurch in eine äußerst ungünstige Situation geraten. Diese Form der territorialen Aggression ist nicht das einzige komplexe Sozialverhalten von Schimpansen. Dieselben Tiere bilden Freundschaften, pflegen einander, kooperieren bei der Nahrungssuche und teilen in bestimmten Situationen sogar Ressourcen. Beobachtungen darüber, dass wilde Schimpansen vergorene Früchte teilen, zeigen eine andere Seite ihrer sozialen Beziehungen. Kooperation und Gewalt schließen sich innerhalb derselben Art nicht gegenseitig aus.

Alte Aufzeichnungen erklärten die Vorgeschichte Jahrzehnte später

Ein besonderer Wert der Gombe-Beobachtungen liegt in ihrer zeitlichen Tiefe. Goodall und ihre Mitarbeiter hatten bereits Daten gesammelt, bevor überhaupt klar war, dass eine dauerhafte Spaltung bevorstand. Jahrzehnte später konnten Forscher diese Aufzeichnungen digitalisieren und mit Methoden untersuchen, die während der ursprünglichen Feldarbeit nicht zur Verfügung standen. Dadurch wurde sichtbar, dass sich die spätere Trennung schon lange vor dem offenen Konflikt in den sozialen Netzwerken abzeichnete. Die Daten zeigten eine zunehmende Unterteilung bei gemeinsamer Anwesenheit und Fellpflege. Auch räumliche Muster sagten immer besser voraus, welcher der beiden späteren Gemeinschaften ein Tier angehören würde. Das Jane Goodall Institute fasst diese Rekonstruktion als Hinweis darauf zusammen, dass Dominanzkämpfe und die ungewöhnliche soziale Zusammensetzung mit der zunehmenden Spaltung zusammenfielen. Eine einzelne Ursache lässt sich daraus dennoch nicht ableiten.

Der Begriff Krieg beschreibt nur einen Teil des Geschehens

Die Bezeichnung Gombe-Schimpansenkrieg macht den Fall leicht verständlich, birgt aber die Gefahr einer zu direkten Übertragung menschlicher Begriffe auf Tiere. Schimpansen führen keine Kriege im politischen oder militärischen Sinn. Sie besitzen keine Staaten, formellen Befehlsketten oder abstrakten territorialen Ansprüche. Dennoch gibt es Merkmale, die den Begriff nachvollziehbar machen. Die Gewalt erfolgte nicht nur in einer einmaligen Auseinandersetzung, sondern wiederholt über mehrere Jahre. Sie richtete sich gegen Mitglieder einer anderen Gemeinschaft, wurde häufig gemeinschaftlich ausgeübt und hatte eine territoriale Folge. Für Jane Goodall war diese Seite des Schimpansenverhaltens schwer mit den Beobachtungen ihrer ersten Forschungsjahre zu vereinbaren. Sie hatte bereits Werkzeuggebrauch, enge Familienbindungen und komplexe soziale Beziehungen dokumentiert. Nun musste dasselbe Bild um koordinierte tödliche Gewalt ergänzt werden. Gerade diese Gleichzeitigkeit macht einfache Vorstellungen von friedlichen oder grundsätzlich aggressiven Schimpansen unbrauchbar.

Der Gombe-Schimpansenkrieg bleibt deshalb mehr als eine ungewöhnliche Episode aus der Tierbeobachtung. Er ist ein selten dicht dokumentierter Fall, bei dem sich die Vorgeschichte eines sozialen Bruchs Jahre später bis in einzelne Beziehungen zurückverfolgen ließ. Erst veränderten sich gemeinsame Wege und Fellpflege, dann entstand eine dauerhafte Grenze, anschließend folgten vier Jahre wiederkehrender Gewalt. Am Ende war eine der beiden Gemeinschaften verschwunden und das Territorium neu verteilt. Dass dieser Ablauf überhaupt so genau bekannt ist, liegt an Aufzeichnungen, die lange vor dem ersten Angriff begonnen hatten und damit auch jene Phase festhielten, in der aus einer Gemeinschaft allmählich zwei wurden.

American Journal of Physical Anthropology, The timing and causes of a unique chimpanzee community fission preceding Gombe's “Four-Year War”; doi:10.1002/ajpa.23462

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