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Verwandte des Menschen

Arbeitsgedächtnis von Schimpansen auf Niveau von Grundschulkindern

Das Erinnerungsvermögen von Menschenaffen und Kindern ist nahezu gleich. Das Fehlen einer systematischen Suchstrategie bei den Tieren zeigt aber, dass grundlegende Unterschiede bestehen.

Leipzig (Deutschland). DassMenschen und Schimpansen sich in vielen Dingen sehr ähnlich sind, ist seit langem bekannt. Neben dem komplexen Sozialverhalten und dem Sinn zur Fairness etablieren Gruppen der Menschenaffen sogar eigene Traditionen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und damit belegen, dass die Tiere über ein hervorragendes Langzeitgedächtnis verfügen. Nun haben Wissenschaftler des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (MPI EVA) belegt, dass auch das Arbeits- beziehungsweise Kurzzeitgedächtnis der Affen ähnliche Kapazitäten besitzt, wie das Gedächtnis eines siebenjährigen Kindes.

Das Arbeitsgedächtnis hilft bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben und hält Informationen vor, die kurzfristig benötigt werden. Es wird aus diesem Grund ständig aktualisiert. Um die Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnis von Schimpansen zu untersuchen, haben die Wissenschaftler laut ihrer im Fachmagazin Biological Sciences publizierten Studie Experimente mit dreizehn Tieren durchgeführt.

Erinnerung an Futter stellt Gedächtnis auf die Probe

Während der Experimente haben die Forscher Futter in undurchsichtigen Boxen versteckt, die jeweils eine individuelle Form und Farbe hatten. Nach einer kurzen Pause durften die Affen eine der Boxen aussuchen und das enthaltene Futter essen. Danach wurden alle Boxen, also auch das bereits durch die Affen geleerte Versteck, mit einem Tuch abgedeckt und neu gemischt. Nach einer kurzen Wartezeit bekamen die Tiere dann die Möglichkeit erneut eine Box zu wählen. Wenn die Affen im zweiten Durchgang eine Box aussuchten, die bereits leer war, wurde das Experiment beendet.

Die Tiere erhielten also nur dann das gesamte Futter aller Boxen, wenn sie sich daran erinnern konnten, welche Boxen sie bereits zuvor gewählt hatten. In einem zweiten Durchgang sahen alle Boxen gleich aus, wurden aber während des Experiments nicht neu angeordnet.

Arbeitsgedächtnis auf dem Level eines Kindes

Das Experiment zeigte, dass das Arbeitsgedächtnis der Schimpansen etwa auf dem Niveau eines siebenjährigen Kindes ist. Neun der dreizehn tierischen Probanden vermieden es bereits zu Beginn des Experiments einmal geleerte Dosen noch einmal auszusuchen. Im Durchschnitt konnten sich die Tiere an vier bereits geleerte Dosen erinnern, ein junger Schimpanse schaffte es sogar sich an mehr als sieben Boxen zu erinnern.

Genau wie beim Menschen wurde auch bei den Menschenaffen die Gedächtnisleistung schlechter, wenn die Anzahl der Dosen erhöht wurde, wenn die Tiere abgelenkt wurden und wenn zwischen den einzelnen Auswahlschritten die Wartezeit erhöht wurde. Außerdem konnte sich auch die Schimpansen besser an Farben und Formen erinnern, als an die Positionen der gleichfarbigen und gleichförmigen Boxen. Wie bei den meisten Menschen verfügen die Tiere also auch über ein eher visuelles Erinnerungsvermögen.

Systematische Suchstrategien nur beim Menschen

Auch wenn laut den Wissenschaftlern die Arbeitsgedächtniskapazität grundsätzlich ähnlich ist, gibt es zwischen Schimpansen und Menschen einen entscheidenden Unterschied. Dies zeigte sich darin, dass bei den Boxen, deren Position nicht geändert wurde, keines der Tiere auf die Idee kam einfach die Boxen in ihrer vorliegenden Reihenfolge zu öffnen. Das Fehlen dieser Strategie, die es ermöglicht im Arbeitsgedächtnis mehr Dinge zu speichern, könnte laut den Forschern „ein vielversprechender Kandidat sein, wenn es um grundlegende Unterschiede zwischen Mensch und Menschenaffen geht.“

Biological Sciences, doi: 10.1098/rspb.2019.0715

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