Waldsterben

Das größte Lebewesen der Welt ist ein Pilz von 9,6 Quadratkilometern

Das größte Lebewesen der Welt ist ein Pilz von 9,6 Quadratkilometern
(Symbolbild). Unter Nadelwäldern verlaufen Pilzfäden, die von oben unsichtbar bleiben und trotzdem ganze Hangzüge durchziehen. Im Osten von Oregon führte genau ein solches Geflecht zu der Feststellung, dass das größte Lebewesen der Welt weder ein Tier noch ein Baum ist. Aufgefallen war es zuerst durch Baumgruppen, deren Kronen grau wurden und deren Nadeln am Boden lagen. Wie groß der Organismus wirklich ist, ließ sich erst mit Laborproben aus 112 Bäumen klären. (Foto: © Forschung und Wissen)

Unter einem Nadelwald im Osten von Oregon liegt ein einziger Organismus, der sich über 965 Hektar erstreckt. Sichtbar ist von ihm fast nichts, nur im Herbst schieben sich honigfarbene Hüte aus dem Waldboden. Das größte Lebewesen der Welt ist damit weder ein Blauwal noch ein Mammutbaum, sondern ein Pilz, dessen Fäden ganze Hangzüge durchziehen. Aufgefallen ist er erst, weil in den Blue Mountains reihenweise Bäume abstarben und niemand den Grund kannte.

Im Malheur National Forest im Osten von Oregon fallen bestimmte Waldstücke schon aus der Ferne auf. Zwischen gesunden Douglasien und Küstentannen stehen Gruppen abgestorbener Bäume, deren Kronen grau geworden sind und deren Nadeln längst am Boden liegen. Diese Flächen dehnen sich langsam nach außen aus, Jahr für Jahr um wenige Zentimeter bis zu einem Meter. Wer die Rinde am Stammfuß eines frisch abgestorbenen Baumes ablöst, findet darunter weiße, fächerförmige Beläge, die in völliger Dunkelheit sogar schwach leuchten können. Diese Beläge gehören zu einer Pilzart, die im Deutschen Dunkler Hallimasch heißt und wissenschaftlich als Armillaria ostoyae geführt wird. Was in den neunziger Jahren als forstwirtschaftliches Ärgernis begann, mündete in einer Messung, die den Blick auf Größenordnungen im Reich der Lebewesen dauerhaft verschoben hat. Denn die abgestorbenen Flächen gehörten nicht zu vielen einzelnen Pilzen.

Bei der Frage nach dem größten Lebewesen der Welt denken die meisten zuerst an Tiere, und tatsächlich hält der Blauwal mit bis zu 190 Tonnen den Rekord unter den schwersten Tieren ihrer Art. Fläche und Masse sind allerdings zwei verschiedene Maßstäbe, und genau daran entscheidet sich die Antwort. Ein Blauwal ist ein kompakter Körper mit klaren Rändern. Ein Pilz besteht dagegen aus einem Geflecht mikroskopisch dünner Fäden, dem Myzel, das sich durch Boden, Wurzeln und totes Holz zieht und dabei keine feste Außenform besitzt. Wenn dieses Geflecht genetisch einheitlich ist und aus einer einzigen Spore hervorgegangen ist, sprechen Biologen von einem Genet. Genau ein solches Genet wurde in den Blue Mountains vermessen, und sein Umfang sprengt jeden Vergleich mit einem Tierkörper.

Reihenweise tote Douglasien brachten die Forstpathologen auf die Spur

Ausgangspunkt war kein Rekordversuch, sondern ein praktisches Problem. In den trockenen Mischwäldern der Blue Mountains starben Bäume in auffälligen Mustern, und die Forstverwaltung wollte wissen, welcher Erreger dahintersteckt und wie weit er reicht. Ein Team um die Forstpathologin Catherine Parks vom US-amerikanischen Forstdienst nahm dafür ein Untersuchungsgebiet von rund 16.100 Hektar unter die Lupe. Aus kürzlich abgestorbenen oder deutlich geschwächten Nadelbäumen von sechs Baumarten wurden 112 Pilzisolate gewonnen. Ein Verfahren auf Basis der Polymerase-Kettenreaktion ordnete 108 dieser Isolate der Art Armillaria ostoyae zu, vier weitere einer nah verwandten nordamerikanischen Art. Damit war klar, welcher Pilz die Wurzelfäule verursachte. Offen blieb die weit interessantere Frage, ob es sich um viele kleine Bestände handelte oder um wenige sehr große.

965 Hektar und 3810 Meter zwischen zwei Proben

Um Individuen voneinander zu unterscheiden, nutzten die Forscher ein biologisches Erkennungsmerkmal: Bringt man Gewebe zweier Pilzproben im Labor zusammen, verschmelzen sie nur dann bruchlos, wenn sie genetisch identisch sind. Andernfalls bildet sich an der Kontaktstelle eine dunkle Abwehrzone. Über solche Paarungen ließen sich im Untersuchungsgebiet fünf Genets von Armillaria ostoyae abgrenzen, mit Flächen von rund 20, 95, 195, 260 und schließlich 965 Hektar. Zwischen den beiden am weitesten voneinander entfernten Proben des größten Genets lagen etwa 3810 Meter, und dazwischen fand sich kein einziger fremder Pilzstamm. Die zugehörige Untersuchung erschien 2003 im Canadian Journal of Forest Research und machte aus einem lokalen Waldschadensbericht eine Meldung, die um die Welt ging.

Rhizomorphen ziehen wie schwarze Schnüre durch den Waldboden

Dass ein Pilz überhaupt solche Strecken überbrücken kann, liegt an einer Struktur, die andere Pilze in dieser Form nicht besitzen. Der Dunkle Hallimasch bündelt sein Myzel zu festen, dunkel gefärbten Strängen, den Rhizomorphen. Sie sind außen von einer widerstandsfähigen Rinde umgeben, im Inneren transportieren sie Wasser und Nährstoffe, und sie wachsen frei durch den Boden, ohne auf Holz angewiesen zu sein. Trifft ein solcher Strang auf eine gesunde Wurzel, dringt der Pilz ein und schiebt seine weißen Myzelfächer unter die Rinde. Dort unterbricht er die Leitungsbahnen, der Baum verliert seine Wasserversorgung und stirbt oft überraschend schnell ab. Anschließend nutzt der Pilz das tote Wurzelwerk als Nahrungsdepot, von dem aus er den nächsten Nachbarn erreicht. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit liegt dabei im Bereich von wenigen Dezimetern pro Jahr.

Das Alter schwankt zwischen 1900 und 8650 Jahren

Aus dieser Wachstumsrate und dem gemessenen Durchmesser lässt sich rückrechnen, wie lange das Genet für seine Ausdehnung gebraucht hat. Je nachdem, welche der drei in Nadelwäldern bestimmten Ausbreitungsraten man ansetzt, ergeben sich Werte zwischen 1900 und 8650 Jahren. Diese Spanne ist kein Schönheitsfehler, sondern das ehrliche Ergebnis einer Methode ohne Jahresringe. Anders als bei einem Baum oder bei einem Grönlandhai gibt es im Pilzgewebe keine zählbare Schichtung, aus der sich ein Alter direkt ablesen ließe. Hinzu kommt, dass sich die Ausbreitung über Jahrtausende verändert haben dürfte, weil Trockenphasen, Waldbrände und Baumartenwechsel das Tempo beeinflussen. Die häufig genannte Zahl von 2400 Jahren ist deshalb eine vorsichtige Untergrenze und keine feststehende Größe.

Ein Organismus ohne Rand

Die Debatte um das größte Lebewesen der Welt ist damit weniger eine Frage der Messtechnik als eine Frage der Definition. Ein Genet ist genetisch ein Individuum, körperlich aber kein zusammenhängender Klumpen: Zwischen den einzelnen Myzelbereichen liegen Bodenpartien, in denen der Pilz gerade nicht aktiv ist. Ähnliches gilt für klonale Pflanzenbestände wie ausgedehnte Zitterpappelgruppen, deren Stämme über gemeinsame Wurzeln verbunden sind. Auch die Massenangaben schwanken erheblich, je nachdem ob nur aktives Myzel oder das gesamte durchwachsene Holz mitgerechnet wird, weshalb in der Literatur Werte von einigen hundert bis zu mehreren tausend Tonnen kursieren. Die Datengrundlage aus Oregon liegt beim US-amerikanischen Forstdienst öffentlich vor. Was bleibt, ist ein Wald, unter dem ein einziges Lebewesen älter ist als jede geschriebene Geschichte der Region.

Canadian Journal of Forest Research, Coarse-scale population structure of pathogenic Armillaria species in a mixed-conifer forest in the Blue Mountains of northeast Oregon; doi:10.1139/x03-065

Spannend & Interessant
VGWortpixel