Hüfifirn im Kanton Uri

Schweizer Gletscher gibt nach 63 Jahren Teile eines Flugzeugs frei

 Dennis Lenz

Schweizer Gletscher gibt nach 63 Jahren Teile eines Flugzeugs frei
(Symbolbild) Am Hüfifirngletscher im Kanton Uri hat das schmelzende Eis rund 250 Kilogramm Wrackteile eines Flugzeugs freigegeben, das dort mit großer Wahrscheinlichkeit 1963 abgestürzt war. Ein Berggänger entdeckte die Teile und meldete den Fund der Polizei. Anfang September 2026 bargen Spezialisten der Sicherheitsuntersuchungsstelle, der Luftwaffe und eines Helikopterunternehmens das Material aus dem hochalpinen Gelände. Der Gletscher gab die Überreste nach über sechs Jahrzehnten in einem Sommer frei, der für die Schweizer Gletscher zu den verlustreichsten seit Beginn der Messungen zählt. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein Schweizer Gletscher hat nach mehr als sechs Jahrzehnten die Überreste eines Flugzeugs freigegeben. Am Hüfifirngletscher im Kanton Uri tauchten rund 250 Kilogramm Wrackteile aus dem schmelzenden Eis auf, die mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Absturz im Jahr 1963 stammen. Ein Berggänger entdeckte die Teile, Spezialisten bargen sie mit Hubschrauber und Luftwaffe. Der Fund fällt in einen Sommer, der den Gletschern der Alpen in einem Ausmaß zugesetzt hat, wie es selbst Glaziologen selten erlebt haben.

Der Hüfifirn liegt in den Glarner Alpen oberhalb des Maderanertals im Kanton Uri, weit abseits der großen Wanderwege, in einer Welt aus Eis, Fels und Geröll. Ende August 2026 stieß dort ein Berggänger auf metallische Teile, die aus der Gletscheroberfläche ragten. Er meldete seine Beobachtung der Kantonspolizei Uri, die wiederum die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle SUST einschaltete. Diese Bundesstelle ist in der Schweiz für die Untersuchung von Unfällen in Luftfahrt, Bahn und Schifffahrt zuständig. Ihre Abklärungen ergaben rasch, dass es sich bei den Fundstücken um Leichtmetall eines Flugzeugs handelt. Welches Flugzeug es genau war, ließ sich allerdings nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Wichtige Hauptbauteile wie der Motor fehlen, sodass typische Kennzeichen zur Identifizierung nicht vorliegen. Nach dem Stand der Abklärungen stammen die Teile jedoch mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit von einem Flugzeug, das 1963 an dieser Stelle abgestürzt war.

Dass ein Flugzeugwrack mehr als 60 Jahre lang unbemerkt im Eis liegen kann, klingt zunächst unwahrscheinlich, war früher im Hochgebirge aber keine Seltenheit. Die Wrackteile waren nach dem Unfall 1963 nicht geborgen worden, was nach Angaben der Behörden bei Unglücken in schwer zugänglichem alpinem Gelände angesichts der damals beschränkten technischen Möglichkeiten nicht ungewöhnlich war. Hubschrauber mit ausreichender Leistung für Einsätze in großer Höhe waren damals noch selten, und das Bergen schwerer Lasten aus steilem Gletschergelände galt als gefährlich und aufwendig. So blieben die Teile zurück, wurden von Schnee bedeckt und schließlich vom Gletscher aufgenommen. Erst das Abschmelzen des Eises hat sie jetzt wieder an die Oberfläche gebracht. Der Gletscher wurde damit zu einem Archiv, das ein vergessenes Kapitel der Schweizer Luftfahrtgeschichte über sechs Jahrzehnte konserviert hat.

Wie die Wrackteile aus dem Gletscher geborgen wurden

Die Bergung fand am Donnerstag, dem 3. September 2026, statt und wurde von der SUST organisiert. Für den Einsatz im unwegsamen Gelände arbeiteten mehrere Partner zusammen. Ein privates Helikopterunternehmen flog das Material aus, ein weiteres privates Transportunternehmen übernahm den Abtransport im Tal, und die Kantonspolizei Uri begleitete die Aktion. Unterstützt wurden die Helfer zudem vom Gebirgsdetachement der Schweizer Luftwaffe, einer Einheit aus Spezialisten, die für Einsätze in hochalpinem Gelände ausgebildet ist. Insgesamt holten die Einsatzkräfte rund 250 Kilogramm Material vom Gletscher. Die geborgenen Teile werden anschließend von einem Recyclingbetrieb fachgerecht entsorgt. Die Mitteilung der Kantonspolizei Uri zum Flugzeugwrack am Hüfifirn vom 9. September 2026 fasst den Ablauf zusammen und enthält zugleich einen Hinweis für alle, die in den Bergen unterwegs sind.

Wer auf einem Gletscher oder im alpinen Gelände auf Wrackteile oder andere auffällige Gegenstände stößt, soll den Fundort möglichst genau markieren und die Kantonspolizei informieren. Die Gegenstände sollen dabei nicht berührt oder verschoben werden. Die Behörden begründen das zum einen mit möglichen Gefahren am Fundort, etwa scharfkantigem Metall, Spalten oder instabilem Untergrund am Gletscherrand. Zum anderen erschweren eigenmächtige Veränderungen die spätere Untersuchung und Zuordnung eines Fundes. Gerade bei Flugzeugwracks kann der genaue Ort, an dem ein Teil liegt, wichtige Hinweise darauf geben, wie und wo ein Unfall abgelaufen ist und wie das Eis die Überreste seither transportiert hat. Bei Funden mit menschlichen Überresten kommt hinzu, dass rechtsmedizinische Untersuchungen möglich bleiben müssen. Im Fall des Hüfifirns gibt es keine Hinweise auf solche Funde.

Warum der Gletscher das Flugzeug gerade jetzt freigibt

Gletscher sind keine starren Eisblöcke, sondern bewegen sich langsam talwärts. Im oberen Bereich, dem Nährgebiet, sammelt sich Schnee, der über Jahre zu Firn und schließlich zu Gletschereis verdichtet wird. Im unteren Bereich, dem Zehrgebiet, schmilzt mehr Eis, als nachkommt. Gegenstände, die im oberen Teil auf den Gletscher fallen, werden daher zunächst eingeschneit, sinken mit den Jahresschichten ins Eis und wandern mit dem fließenden Gletscher bergab. Erst wenn die Schmelze an der Oberfläche die Schichten abträgt, in denen sie liegen, tauchen sie wieder auf. Das kann Jahrzehnte dauern. In besonders warmen Jahren beschleunigt sich dieser Vorgang drastisch, weil der Gletscher in kurzer Zeit mehrere Meter Eis verliert und damit tiefer liegende Schichten freilegt. Genau das geschieht derzeit in weiten Teilen der Alpen.

Der Sommer 2026 war für die Schweizer Gletscher einer der härtesten seit Beginn der Messungen. Bereits am 29. Juni war der sogenannte Gletscherschwundtag erreicht, an dem der im Winter gefallene Neuschnee vollständig weggeschmolzen war und die Gletscher begannen, ihre Substanz zu verlieren. Nur im Rekordjahr 2022 lag dieser Tag noch früher, damals am 26. Juni. Im Jahr 2022 verloren die rund 1.400 Schweizer Gletscher innerhalb eines Jahres sechs Prozent ihrer Masse. Auf den schneearmen Winter folgten 2026 mehrere Hitzewellen, und der Wetterdienst MeteoSchweiz stufte den Sommer als wärmsten seit Messbeginn 1864 ein. Die landesweite Mitteltemperatur von Juni bis August lag bei 17,2 Grad Celsius und damit 3,4 Grad über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020. Die offizielle Jahresbilanz des Gletschermessnetzes GLAMOS wird Anfang Oktober erwartet.

Wie stark die Schweizer Gletscher 2026 geschmolzen sind

Einzelne Messungen geben einen Eindruck vom Ausmaß des Eisverlusts. Am Konkordiaplatz im Zentrum des Großen Aletschgletschers sank die Eisoberfläche 2026 an einem Messpunkt um fast sechs Meter. Die Messung beruht auf Stangen, die im Eis verankert werden und an denen sich ablesen lässt, wie viel Schnee und Eis zwischen zwei Kontrollen geschmolzen ist. Glaziologe Matthias Huss von der ETH Zürich, der das Messnetz GLAMOS leitet, beschrieb die Größenordnung als selbst für Fachleute schwer vorstellbar. Am Griesgletscher beim Nufenenpass im Wallis gingen zwischen dem vergangenen Herbst und Mitte August ebenfalls rund sechs Meter Eis verloren. Allein dort flossen in diesem Zeitraum 9,4 Milliarden Liter Schmelzwasser ab. Solche Einzelwerte sind nicht mit der Jahresbilanz eines ganzen Gletschers gleichzusetzen, zeigen aber, wie viel Eis in einem einzigen Sommer verschwinden kann.

Der langfristige Trend ist eindeutig. Wie das Forschungsinstitut WSL in seiner Bilanz zur Gletscherschmelze des Jahres 2025 berichtet, verloren die Schweizer Gletscher bereits 2025 drei Prozent ihres Volumens, den viertgrößten Schwund seit Messbeginn. In den vergangenen zehn Jahren nahm die Eismasse damit um ein Viertel ab. Die Folgen reichen weit über das Landschaftsbild hinaus. Schwindende Gletscher destabilisieren das Gebirge, weil Fels, der lange vom Eis gestützt wurde, seinen Halt verliert und auftauender Permafrost Hänge lockert. Im Mai 2025 verschüttete im Lötschental eine Fels-Eis-Lawine das Dorf Blatten. Nach Einschätzung von GLAMOS-Leiter Huss trägt der Gletscherschwund zu solchen Ereignissen bei. Das Flugzeugwrack vom Hüfifirn ist damit auch ein sichtbares Zeichen eines tiefgreifenden Wandels.

Welche Geheimnisse das schmelzende Eis noch preisgibt

Der Fund am Hüfifirn reiht sich in eine lange Liste von Entdeckungen ein, die schmelzende Gletscher in den Alpen möglich gemacht haben. Der bekannteste Fall ist die Gletschermumie Ötzi, die 1991 am Tisenjoch in den Ötztaler Alpen aus dem Eis auftauchte und rund 5.300 Jahre alt ist. Im Jahr 2017 gab der Tsanfleurongletscher im Wallis die Leichen eines Ehepaars frei, das 1942 beim Viehhüten verschwunden war. Immer wieder kommen auch Ausrüstungsteile aus dem Ersten Weltkrieg zum Vorschein, als an der Front zwischen Italien und Österreich-Ungarn im Hochgebirge gekämpft wurde. Für Archäologen hat sich daraus ein eigener Forschungszweig entwickelt, die Gletscherarchäologie. Sie sucht gezielt an Stellen, an denen das Eis zurückweicht, weil organische Materialien wie Holz, Leder oder Textilien dort über Jahrhunderte erhalten bleiben und nach dem Auftauen rasch zerfallen, wenn sie nicht geborgen werden.

Mit jedem heißen Sommer steigt die Zahl solcher Funde. Behörden in der Schweiz rechnen damit, dass die Gletscher in den kommenden Jahren weitere Wrackteile, Ausrüstungsgegenstände und womöglich auch Überreste vermisster Menschen freigeben werden. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind in den Schweizer Alpen zahlreiche Bergsteiger, Wanderer und Piloten verschollen, und viele von ihnen dürften im Eis liegen. Für Angehörige kann ein solcher Fund nach Jahrzehnten Gewissheit bringen. Dass das Eis schwindet, ist dabei kein rein alpines Phänomen. Auch im hohen Norden verändert sich die Kryosphäre, wie Messungen zeigen, nach denen die Schmelzsaison in der Arktis heute rund 40 Tage länger dauert als 1979. Die Gletscher der Alpen reagieren jedoch besonders empfindlich, weil sie klein sind und in vergleichsweise niedrigen Höhen liegen.

Was der Fund über die Zukunft der Alpengletscher verrät

Für kleine Gletscher wie den Hüfifirn ist die Entwicklung besonders bedrohlich. Je kleiner ein Gletscher ist, desto schneller reagiert er auf warme Sommer, weil ihm die Masse fehlt, um Verluste über mehrere Jahre abzufedern. Mehr als 1.000 kleine Gletscher sind in der Schweiz nach Angaben der Akademie der Naturwissenschaften bereits ganz verschwunden. Im Sommer 2026 meldeten Fachleute weitere Gletscher, von denen nur noch einzelne Firnfelder übrig sind. Die Glaziologen betonen, dass sich dieser Rückgang auch bei sofortigem Klimaschutz nicht mehr vollständig aufhalten lässt, weil die Gletscher noch auf die Erwärmung der vergangenen Jahrzehnte reagieren. Wie stark sie bis zum Ende des Jahrhunderts schrumpfen, hängt jedoch davon ab, wie sich die Temperaturen weiter entwickeln. Ein kühler Sommer mit Schneefällen in den Bergen kann die Schmelze für einige Tage stoppen, ändert aber nichts an der langfristigen Richtung.

Das Wrack vom Hüfifirn ist deshalb mehr als eine Kuriosität. Es zeigt auf sehr konkrete Weise, wie tief das Eis der Alpen in wenigen Jahren abgetaut ist, denn die Teile lagen über sechs Jahrzehnte verborgen, bevor der Gletscher sie nun innerhalb kurzer Zeit freigab. Für die Menschen im Kanton Uri und in den anderen Bergregionen der Schweiz ist der Rückzug der Gletscher längst Alltag. Er verändert Wanderwege, lässt neue Gletscherseen entstehen und stellt die Wasserversorgung in trockenen Sommern vor neue Fragen, weil die Gletscher als natürliche Wasserspeicher die Flüsse in heißen Monaten speisen. Wenn die Jahresbilanz von GLAMOS Anfang Oktober vorliegt, wird sich zeigen, ob 2026 das Rekordjahr 2022 übertrifft. Die Wrackteile vom Hüfifirn sind bis dahin eines der eindrücklichsten Zeugnisse dieses Sommers.

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