Jahrzehntelang schmolz das Meereis in der Arktis früher und fror später wieder zu, die Schmelzsaison wurde immer länger. Eine neue Auswertung von Satellitendaten zeigt nun, dass dieser Trend um das Jahr 2010 unerwartet zum Stillstand kam. Verantwortlich dafür ist offenbar ein Faktor, der im hohen Norden bislang unterschätzt wurde. Eine Entwarnung für das Klima bedeutet der Befund allerdings nicht.
Das Meereis der Arktis gilt als eines der empfindlichsten Messinstrumente des Klimawandels. Jedes Jahr wächst es im Winter an, erreicht im März seine größte Ausdehnung und schmilzt anschließend bis zum September auf ein Minimum zusammen. Die Zeit zwischen dem Beginn der Schmelze im Frühjahr und dem erneuten Gefrieren im Herbst bezeichnen Klimaforscher als Schmelzsaison. Seit 1979 beobachten Satelliten diesen Rhythmus lückenlos, und über Jahrzehnte zeigten die Daten einen klaren Trend: Das Eis begann früher zu tauen und fror später wieder zu. Je länger die Schmelzsaison dauert, desto mehr Zeit bleibt der Sonne, den offenen Ozean zu erwärmen, und desto dünner fällt das neue Eis im folgenden Winter aus. Die Länge der Schmelzsaison gilt deshalb als Schlüsselgröße für den Zustand der Arktis. Umso überraschender ist das Ergebnis, das ein Team um die NASA-Eisforscherin Linette Boisvert nun vorlegt: Seit etwa 2010 hat sich die Schmelzsaison im Mittel kaum noch verlängert.
Für ihre Studie werteten die Forscher Satellitenbeobachtungen aus den Jahren 1979 bis 2023 aus. Sie bestimmten für jedes Jahr, wann das Meereis im Frühjahr zu schmelzen begann und wann es im Herbst wieder gefror. Insgesamt ist die Schmelzsaison heute rund 40 Tage länger als zu Beginn der Messungen. Der größte Teil dieser Verlängerung fiel jedoch in die Zeit vor 2010, besonders stark in das Jahrzehnt ab 2000. Seitdem ist die durchschnittliche Dauer nahezu unverändert geblieben, obwohl sie von Jahr zu Jahr stark schwankt. Bemerkenswert ist auch, wie die Verlängerung zustande kam: Nicht das frühere Tauen im Frühjahr war der entscheidende Treiber, sondern vor allem das spätere Gefrieren im Herbst. Das Eis bildete sich also immer später neu, weil der Ozean nach dem Sommer mehr Wärme gespeichert hatte. Die Ergebnisse sind im Fachjournal Communications Earth & Environment erschienen und wurden am 21. September 2026 vom NASA Earth Observatory vorgestellt.
Um den Stillstand zu verstehen, untersuchten die Forscher die Energiebilanz der Arktis, also das Verhältnis zwischen der Wärme, die von Sonne, Atmosphäre und Ozean eintrifft, und der Infrarotstrahlung, die zurück ins All abgegeben wird. In den 2000er-Jahren setzte sich ein sich selbst verstärkender Kreislauf in Gang. Helles Eis wirft einen Großteil des Sonnenlichts zurück, dunkles Meerwasser dagegen schluckt es fast vollständig. Je mehr Eis verschwand, desto mehr offenes Wasser lag frei, desto mehr Sonnenenergie nahm der Ozean auf und desto später konnte er im Herbst wieder zufrieren. In manchen Regionen verlängerte sich die Schmelzsaison in diesem Jahrzehnt um bis zu fünf Tage pro Jahr, wie Karten der NASA zur Schmelzsaison in der Arktis zeigen. Gleichzeitig veränderte sich das Eis selbst grundlegend: Das dicke, mehrjährige Eis, das früher auch den Sommer überstand, wich zunehmend jungem, dünnem Eis, das jedes Jahr neu entsteht und wieder vergeht.
Seit etwa 2010 greift ein anderer Mechanismus. Veränderte Wolkenmuster haben dafür gesorgt, dass weniger Sonnenlicht auf Teile des Arktischen Ozeans trifft. Weniger eingestrahlte Energie bedeutet weniger gespeicherte Wärme im Wasser, und damit fällt auch das Gefrieren im Herbst nicht mehr immer später. Das Ergebnis ist eine Schmelzsaison, die von einem Jahr zum nächsten stark schwankt, über längere Zeiträume aber stabil bleibt. Boisvert erklärt den Wandel mit dem Zustand des Eises: Früher gab es mehr mehrjähriges Eis, das den Sommer überdauerte, heute ist das Eis dünner und seltener, und dadurch schwankt das System deutlich stärker. Nach ihrer Einschätzung hängt die Länge der Schmelzsaison inzwischen viel stärker von Vorgängen in der Atmosphäre ab, weil das dünne Eis anfälliger für Wolken, Stürme und Winde ist. Im Mittel scheint der Rückgang von Eisdicke und Eisfläche, der die 2000er-Jahre prägte, vorerst zum Stillstand gekommen zu sein. Die Arktis ist damit womöglich in eine neue Phase eingetreten, in der das Wetter eines einzelnen Jahres den Ausschlag gibt.
Wie stark kurzfristige Wetter- und Klimamuster regionale Entwicklungen überlagern können, zeigt sich derzeit auch an anderer Stelle. Großräumige Schwankungen wie El Niño verändern Luftströmungen und Wolkenbildung weltweit, und wie ein starker El Niño das Wetter weltweit verändert, lässt sich 2026 deutlich beobachten. Für die Arktis bedeutet eine größere Rolle der Atmosphäre, dass einzelne Jahre sehr unterschiedlich ausfallen können: Ein wolkenreicher Sommer kann das Eis schonen, ein klarer, sonniger Sommer mit warmen Luftmassen es dagegen stark schwächen. Prognosen für einzelne Jahre werden dadurch schwieriger, weil sich die Entwicklung weniger aus einem langfristigen Trend ableiten lässt. Die Forscher betonen deshalb, wie wichtig es ist, die Energiebilanz der Arktis und das Wachstum und Schmelzen des Meereises weiterhin lückenlos aus dem All zu beobachten. Nur so lässt sich erkennen, ob die aktuelle Ruhe von Dauer ist oder ob sich der Trend wieder umkehrt.
Die Autoren der Studie stellen klar, dass ihr Befund nicht bedeutet, dass der Klimawandel die Arktis nicht mehr beeinflusst. Die Region erwärmt sich weiterhin fast viermal so schnell wie der globale Durchschnitt, und das verbliebene Meereis ist deutlich dünner als vor einigen Jahrzehnten. Die Stabilisierung könnte zudem nur vorübergehend sein. Nördlich von Grönland und im Kanadisch-Arktischen Archipel existiert das ganze Jahr über noch dickes Eis. Dünnt es in diesen Regionen weiter aus, könnte das nach Einschätzung der Forscher eine neue Phase raschen Eisverlusts auslösen und die Schmelzsaison erneut verlängern. Wie sich das Klima über lange Zeiträume verändert, lässt sich nur mit Daten verstehen, die weit über das Satellitenzeitalter hinausreichen. Einen solchen Blick zurück ermöglicht etwa ein Eisbohrkern aus 6.700 Metern Höhe, der eine Lücke im Klimaarchiv schließt. Ob die aktuelle Stabilisierung eine dauerhafte Veränderung der Schmelzsaison darstellt oder nur eine Pause vor der nächsten Phase schnellen Wandels, ist nach Angaben der Forscher eine offene Frage.
Für die Klimaforschung liefert die Studie dennoch einen wichtigen Baustein. Sie zeigt, dass die Entwicklung des arktischen Meereises nicht gleichmäßig verläuft, sondern von Phasen geprägt ist, in denen unterschiedliche Mechanismen dominieren. Während in den 2000er-Jahren die Rückkopplung zwischen schwindendem Eis und dunklem Ozean den Takt vorgab, bestimmen heute stärker Wolken und kurzfristige Wetterlagen das Geschehen. Klimamodelle müssen diese Wechselwirkungen abbilden, um die Zukunft der Arktis verlässlich vorherzusagen. Die veröffentlichte Studie in Communications Earth & Environment bietet dafür eine Datenbasis über mehr als vier Jahrzehnte. Das dünne, junge Eis, das heute den Arktischen Ozean bedeckt, reagiert empfindlicher auf äußere Einflüsse als das dicke Eis früherer Jahrzehnte. Die Schmelzsaison mag sich derzeit nicht weiter verlängern, doch die Arktis bleibt eine Region, in der sich die Folgen der Erwärmung schneller zeigen als fast überall sonst auf der Erde.
Communications Earth & Environment, A recent stabilization in the lengthening of the Arctic sea ice melt season into a highly variable regime; doi:10.1038/s43247-026-03534-8