Robert Klatt
Die Stahlindustrie kann ihre CO₂-Emissionen und Kosten stark senken, wenn sie bei neuen Anlagen statt kohlebasierter Verfahren klimafreundlichere Alternativen nutzt. Weil neue Anlagen vor allem in Schwellenländern wie Indien entstehen, sind dazu aber internationale Finanzhilfen nötig.
Potsdam (Deutschland). Die Stahlindustrie nutzt hauptsächlich kohlebasierten Verfahren (70 %) und ist somit für rund sieben Prozent der globalen CO₂-Emissionen des Menschen verantwortlich. Obwohl der CO₂-Gehalt der Atmosphäre kürzlich den höchsten Wert seit zwei Millionen Jahren erreicht hat und der Klimawandel immer mehr voranschreitet, geht man davon aus, dass die Emissionen des Stahlsektors vor allem durch das signifikante Wachstum in Schwellenländern in den kommenden Jahren weiter zunehmen werden. Etwa die Hälfte der neugeplanten Stahlwerke, die bis in die 2060er-Jahre betrieben werden sollten, basiert ebenfalls auf Kohle.
Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) haben deshalb untersucht, ob Investitionen in klimafreundlichere Techniken für die Stahlindustrie rentabel wären. Stahlwerke können statt Kohle alternative Brennstoffe nutzen oder ihre Emissionen mithilfe von Wasserstoff reduzieren. Zudem kann der Bedarf an neuem Stahl durch eine höhere Recyclingquote des bereits produzierten Stahls gesenkt werden.
„Wenn wir es ernst damit meinen, die Erderwärmung nach einem Überschießen auf 1,5 °C zurückzuführen, ist der Stahlsektor ein wirklich effektiver Bereich, in den jetzt investiert werden sollte, um erhebliche Emissionsminderungen zu erzielen.“
Die Wissenschaftler haben für ihre Studie ein Modell erstellt, das die Emissionen und die erforderlichen Investitionen der Stahlindustrie auf Anlagenebene bis 2070 zeigt. Sie konnten so vergleichen, wie sich die Emissionen entwickeln werden, wenn der Status quo beibehalten wird, und wie diese sich in einem Szenario, bei dem die Erderwärmung durch reduzierte CO₂-Emissionen bis 2100 auf maximal 1,5 Grad Celsius begrenzt wird, entwickeln.
Das Modell offenbart, dass eine nachhaltigere Stahlindustrie nicht nur die CO₂-Emissionen reduzieren würde, sondern auch die Kosten. Wenn weiterhin neue, kohlenbasierte Stahlwerke entstehen, verursachen sie rund 114 Gigatonnen CO₂-Emissionen bis 2070. Die Gesamtkosten der Anlagen lägen bei rund 1,5 Billionen US-Dollar, wenn man auch die externalisierten Kosten berücksichtigt. Diese entstehen etwa durch Anlagen, die CO₂ aus der Atmosphäre entfernen. Wenn die Stahlindustrie stattdessen klimafreundlichere Alternativen bei neuen Anlagen nutzt, lägen die Gesamtkosten bei 800 Milliarden US-Dollar und die CO₂-Emissionen bei 73 Gigatonnen.
„Die Investitionssummen sind beträchtlich, aber angesichts des Ausmaßes der betroffenen Emissionen ist dies dennoch eine kosteneffiziente Wahl. In einem Szenario, in dem wir die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zurückführen, werden alle kostengünstigen Optionen zur Emissionsminderung ausgeschöpft. Wenn wir es versäumen, den Stahlsektor jetzt zu dekarbonisieren, sind die verbleibenden Optionen für zusätzliche Einsparungen in anderen Sektoren doppelt so teuer.“
Wie die Forscher erklären, wird ein Großteil der neuen Stahlanlagen in Schwellenländern wie Indien gebaut. Die hohen Investitionen, die für klimafreundlichere Alternativen nötig sind, etwa für die Produktion von grünem Wasserstoff, erfordern deshalb internationale Finanzmittel.
„Wenn Klimafinanzierungen genutzt werden, um noch in diesem Jahrzehnt 50 Milliarden US-Dollar in wasserstofffähige Direktreduktions-Stahlwerke umzulenken, können allein in Indien 22 Gigatonnen zukünftiger CO2-Emissionen vermieden werden.“
Quellen:
Pressemitteilung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK)
Studie im Fachmagazin Nature Climate Change, doi: 10.1038/s41558-026-02635-8