Windparks auf See sollen künftig einen großen Teil des deutschen Stroms liefern. Eine Studie des Fachverbands vgbe energy zeichnet nun ein ernüchterndes Bild: 2024 wurde fast 18 Prozent des Windstroms auf See abgeregelt, also gar nicht erst erzeugt. Zugleich sank die Auslastung der Anlagen seit 2015 deutlich. Befürworter des Ausbaus halten dagegen, und beide Seiten stützen sich auf Zahlen.
Der Ausbau der Windenergie auf See gehört zu den zentralen Vorhaben der Energiewende. In der Nord- und Ostsee sind nach Angaben der Stiftung Offshore-Windenergie derzeit Anlagen mit 10,8 Gigawatt Leistung in Betrieb, weitere 1,3 Gigawatt befinden sich im Bau. Am 2. September 2026 hat das Bundeskabinett eine Novelle des Windenergie-auf-See-Gesetzes beschlossen, die den weiteren Ausbau regeln soll. Offshore-Windparks gelten als besonders ertragreich, weil der Wind auf See stetiger und stärker weht als an Land. Doch ein Windpark kann nur dann Strom liefern, wenn dieser auch abtransportiert werden kann. Reichen die Leitungen nicht aus, müssen Netzbetreiber Anlagen herunterfahren. Fachleute sprechen dann von Abregelung. Der Strom, der dabei nicht erzeugt wird, geht verloren, obwohl der Wind weht. Die Betreiber erhalten für diese sogenannte Ausfallarbeit in vielen Fällen eine Entschädigung, die über die Netzentgelte letztlich die Stromkunden bezahlen.
Wie groß dieses Problem inzwischen ist, hat der Fachverband vgbe energy in einer Studie mit dem Titel „Offshore-Windenergienutzung in Deutschland: Status quo, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven“ untersucht. Der Verband vertritt Betreiber von Energieanlagen, darunter auch konventionelle Kraftwerke, was für die Einordnung der Ergebnisse von Bedeutung ist. Die Studie stützt sich nach Angaben des Verbands auf langjährige reale Einspeise- und Betriebsdaten aus den Jahren 2015 bis 2024. Damit unterscheidet sie sich von vielen Szenarien, die mit angenommenen Werten für die Zukunft arbeiten. Die Autoren, die Ingenieure Thomas Linnemann und Guido Vallana, haben bereits früher Studien zur Windenergie für den Verband verfasst. Aufgegriffen wurde die neue Arbeit in der vergangenen Woche vor allem von Medien, die der Energiewende kritisch gegenüberstehen. Dort wurde sie als Beleg dafür gewertet, dass der geplante Ausbau der Offshore-Windkraft auf falschen Annahmen beruhe. Ein Blick auf die Zahlen und auf Gegenpositionen zeigt ein differenzierteres Bild.
Der zentrale Befund der Studie betrifft die Abregelung. Der Anteil des abgeregelten Offshore-Windstroms stieg von 0,2 Prozent im Jahr 2015 auf fast 18 Prozent im Jahr 2024. Knapp jede sechste mögliche Kilowattstunde Windstrom auf See wurde damit nicht erzeugt, weil das Stromnetz sie nicht aufnehmen konnte. Nach der Zusammenfassung eines Kommentars in Tichys Einblick entfällt zudem etwa die Hälfte des insgesamt abgeregelten Ökostroms in Deutschland auf die Windkraft auf See. Die Ursache liegt vor allem an Land. Der Strom muss von der Küste in die Verbrauchszentren im Süden und Westen transportiert werden, doch der Ausbau der Übertragungsleitungen hinkt dem Ausbau der Windparks hinterher. Die Mitteilung des vgbe zur Studie über die Offshore-Windenergienutzung zieht daraus den Schluss, dass der weitere Ausbau der Windenergie auf See nicht isoliert betrachtet werden kann.
Ein zweiter Befund betrifft die Auslastung der Anlagen. Der Kapazitätsfaktor, der angibt, wie viel Strom ein Windpark im Verhältnis zu seiner maximal möglichen Leistung erzeugt, sank nach der Studie von 42 Prozent im Jahr 2015 auf 32 Prozent im Jahr 2025. Die Offshore-Flotte wird damit deutlich schlechter ausgenutzt als früher. Neben der Abregelung nennen die Autoren zwei weitere Gründe. Zum einen nehmen die Sprünge in der eingespeisten Leistung zu, also die Schwankungen, mit denen das Netz umgehen muss. Zum anderen verstärken sich in dicht bebauten Windfeldern die sogenannten Wake-Effekte. Gemeint sind Luftverwirbelungen hinter den Turbinen, die den nachfolgenden Anlagen Wind wegnehmen. Stehen viele Windräder eng beieinander, stehen die hinteren gewissermaßen im Windschatten der vorderen. Je dichter die Meeresflächen bebaut werden, desto stärker fällt dieser Effekt ins Gewicht. Das bedeutet, dass jede zusätzlich installierte Anlage im Mittel weniger Strom liefert als die bereits bestehenden.
Die Befürworter der Offshore-Windkraft sehen in einer gewissen Abregelung kein grundsätzliches Problem. Eine Studie von Frontier Economics im Auftrag des Energieverbands BDEW kam im März 2026 zu dem Ergebnis, dass es volkswirtschaftlich sinnvoll sein kann, Windparks gezielt mit mehr Leistung zu bauen, als ihr Netzanschluss aufnehmen kann. Die optimale Überbauung liege je nach Fläche bei etwa fünf bis zehn Prozent über der Anschlusskapazität. Die damit verbundene Abregelung betrage nur rund drei bis vier Prozent. Der Gedanke dahinter: Ein Netzanschluss auf See ist teuer, und wenn er öfter voll ausgelastet ist, sinken die Kosten pro erzeugter Kilowattstunde, auch wenn in Spitzenzeiten etwas Strom verloren geht. Diese geplante Abregelung ist allerdings etwas anderes als die ungeplante Abregelung durch fehlende Leitungen an Land, die die vgbe-Studie beschreibt. Der Unterschied zwischen drei bis vier Prozent und fast 18 Prozent zeigt, wie weit Planung und Wirklichkeit derzeit auseinanderliegen.
Die Studie trifft einen wunden Punkt der deutschen Energiepolitik. Der Ausbau von Windparks auf See und an Land ist in den vergangenen Jahren vorangekommen, der Ausbau der Stromnetze aber nicht im selben Tempo. Solange der Strom nicht dorthin gelangt, wo er gebraucht wird, verpuffen Teile der Investitionen. Welche Kosten die Energiewende auf der anderen Seite einspart, zeigen internationale Bilanzen, nach denen erneuerbare Energien weltweit 480 Milliarden Dollar an fossilen Brennstoffkosten erspart haben. Kritiker der Energiewende lesen die vgbe-Zahlen als Beleg, dass die Offshore-Ziele unrealistisch sind. Befürworter sehen darin vor allem einen Auftrag, Netze und Speicher schneller auszubauen, etwa um überschüssigen Strom in Wasserstoff umzuwandeln, statt Anlagen abzuschalten. Beide Lesarten stützen sich auf dieselben Daten. Unstrittig ist nur, dass jede abgeregelte Kilowattstunde bezahlt wird, ohne dass sie jemand nutzt.