Der antarktische Eisschild schrumpft seit Jahrzehnten, doch zwischen 2021 und 2023 geschah das Gegenteil. In diesem Zeitraum legte vor allem die Ostantarktis um rund 695 Milliarden Tonnen Eis zu, ein Rekordwert, der den langfristigen Massenverlust des Kontinents vorübergehend ausbremste. Die Ursache liegt einer neuen Auswertung zufolge tausende Kilometer entfernt in den Tropen. Von einer Entwarnung für das Klima kann dennoch keine Rede sein.
Der antarktische Eisschild speichert rund 26 Millionen Kubikkilometer Eis und damit den Großteil des Süßwassers der Erde. Seine Massenbilanz ergibt sich aus zwei gegenläufigen Vorgängen, nämlich dem Zuwachs durch Schneefall im Inneren des Kontinents und dem Verlust an den Rändern, wo Gletscher ins Meer fließen, Eisberge abbrechen und warmes Ozeanwasser die schwimmenden Schelfeise von unten anschmilzt. Seit den 1990er Jahren überwog der Verlust deutlich, angetrieben vor allem von den instabilen Gletschern der Westantarktis. Gemessen wird diese Bilanz seit 2002 mit Satellitenpaaren der GRACE-Missionen, die winzige Schwankungen des Erdschwerefeldes erfassen und daraus Massenänderungen ableiten, ohne dass eine einzige Messstation auf dem Eis stehen muss.
Genau diese Satellitendaten zeigten ab 2021 ein ungewöhnliches Bild. Statt des erwarteten Rückgangs meldeten sie einen kräftigen Zuwachs, der sich über drei Jahre auf rund 695 Milliarden Tonnen summierte und vor allem die Ostantarktis betraf, jenen weit größeren und höher gelegenen Teil des Kontinents. Zum Vergleich entspricht diese Menge etwa dem 1.400-fachen Volumen des Bodensees. Ein Forschungsteam der Chinesischen Akademie der Wissenschaften ging der Frage nach, woher der plötzliche Nachschub stammte, denn ein Eisschild wächst nur, wenn deutlich mehr Feuchtigkeit über ihm abregnet und ausschneit als üblich.
Die Antwort fanden die Forscher in den Tropen. Über mehrere Jahre erwärmte sich der sogenannte tropische Warmwasserpool im westlichen Pazifik und östlichen Indischen Ozean, eine Region mit den höchsten Meeresoberflächentemperaturen der Erde und dem stärksten Aufsteigen feuchter Luft. Diese Erwärmung veränderte die großräumige Zirkulation der Atmosphäre so, dass Feuchtigkeit gezielt in Richtung Antarktis geleitet wurde, wo sie als außergewöhnlich starker Schneefall niederging. Die Untersuchung erschien im Fachjournal Nature unter dem Titel zur Verlangsamung des antarktischen Massenverlusts und beschreibt den Warmwasserpool als eine Art Fernsteuerung, die den Schneefall über der Ostantarktis über Jahre hinweg regelt. Vergleichbare Erwärmungsphasen treten den Daten zufolge etwa einmal pro Jahrzehnt auf.
Besonders aufschlussreich ist die Zuordnung der Ursachen. Die Forscher prüften, welcher Anteil des zusätzlichen Schneefalls auf den menschgemachten Klimawandel zurückgeht, denn wärmere Luft kann grundsätzlich mehr Wasserdampf aufnehmen und sollte daher überall zu mehr Niederschlag führen. Dieser Beitrag erklärte jedoch nur etwa neun Prozent der beobachteten Anomalie. Der weitaus größte Teil geht demnach auf natürliche Schwankungen der tropischen Meerestemperaturen zurück. Damit handelt es sich um ein zeitlich begrenztes Ereignis und nicht um eine Trendwende, denn sobald sich der Warmwasserpool wieder abkühlt, endet auch der zusätzliche Feuchtigkeitsnachschub. Die grundlegenden Verlustprozesse an den Rändern des Kontinents laufen unterdessen weiter.
Ein wachsender Eisschild klingt zunächst nach guter Nachricht, doch die Einordnung fällt nüchtern aus. Der Zuwachs betrifft das Innere der Ostantarktis, während die kritischen Gletscher der Westantarktis unverändert unter dem Einfluss warmen Tiefenwassers stehen. Wie dynamisch die Randbereiche sind, zeigte zuletzt die Entdeckung von hunderten verborgenen Erdbeben am Thwaites-Gletscher, die beim Abbrechen und Kentern gewaltiger Eisberge entstehen. Zudem gleicht ein Zuwachs von 695 Milliarden Tonnen nur einen Bruchteil der seit den 1990er Jahren verlorenen Masse aus. Die Episode zeigt vor allem, wie stark ferne Ozeanregionen das Klima am Südpol steuern und wie wichtig lange Messreihen für die Unterscheidung von Schwankung und Trend sind.
Die Antarktis liefert regelmäßig Werte, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. So meldete der Kontinent im vergangenen Jahr die tiefste Temperatur der Erde seit 2012, während zugleich die Ozeane weltweit Rekordwärme speicherten. Solche Gegensätze entstehen, weil das Innere der Antarktis durch den polaren Wirbel weitgehend von der übrigen Atmosphäre abgeschirmt bleibt, während die Küstenregionen unmittelbar auf den Ozean reagieren. Um diese Zusammenhänge über längere Zeiträume zu rekonstruieren, greifen Forscher zunehmend auf Eiskerne zurück, wie zuletzt bei einem Eisbohrkern aus 6.700 Metern Höhe. Erst solche Archive zeigen, ob ein Ereignis wie der Zuwachs von 2021 bis 2023 wirklich außergewöhnlich ist oder ob es in der Vergangenheit Vorbilder gab.
Nature, Multiyear tropical warm pool warming drives slowdown in Antarctic mass loss; doi:10.1038/s41586-026-10912-x