Dome C

Antarktis meldet die tiefste Temperatur der Erde seit 2012

 Dennis Lenz

Antarktis meldet die tiefste Temperatur der Erde seit 2012
(Symbolbild) Im Inneren der Antarktis herrscht von Mai bis August durchgehend Nacht, und die Luft über dem Eisschild ist extrem trocken. Unter wolkenfreiem Himmel entweicht die verbliebene Wärme dann nahezu ungehindert in den Weltraum. Die französisch-italienische Station Concordia registrierte unter diesen Bedingungen am 18. Juli 2026 einen Wert, der weltweit seit 14 Jahren nicht mehr erreicht wurde. Der offiziell anerkannte Weltrekord stammt allerdings weiterhin aus dem Jahr 1983. (Foto: © Forschung und Wissen)

In der Antarktis ist die Lufttemperatur auf einen Wert gefallen, wie ihn keine Messstation der Erde seit 2012 registriert hat. Aufgezeichnet wurde er mitten in der Polarnacht auf einem Eisplateau in mehr als 3.200 Metern Höhe, während weite Teile Europas und Nordamerikas unter Hitzewellen standen. Die Station meldete den Tiefstwert innerhalb weniger Minuten gleich zweimal. Meteorologisch ist das kein Widerspruch zur globalen Erwärmung, sondern ein Hinweis darauf, wie weit einzelne Wetterlagen über dem Eisschild ausschlagen können.

Die Antarktis ist der kälteste, trockenste und windigste Kontinent der Erde, und im Juli befindet sie sich im Tiefpunkt ihres Winters. Über dem Inland geht die Sonne monatelang nicht auf, wodurch dem Boden keine Energie mehr zugeführt wird. Was an Wärme noch vorhanden ist, strahlt unter wolkenfreiem Himmel nahezu ungehindert in den Weltraum ab, weil die Luft über dem Eisschild kaum Wasserdampf enthält und Wasserdampf der wichtigste natürliche Treibhausstoff ist. Hinzu kommt die Höhe, denn das Eis der Ostantarktis türmt sich stellenweise mehr als drei Kilometer über den Meeresspiegel, und mit jedem Höhenmeter sinkt die Lufttemperatur weiter. Aus dieser Kombination entsteht in der Polarnacht ein Kältepol, für den es auf keinem anderen Kontinent eine Entsprechung gibt.

Die aktuellen Messwerte stammen von Concordia, einer gemeinsam von Frankreich und Italien betriebenen Forschungsstation auf der flachen Eiskuppe Dome C. Am 18. Juli 2026 fiel die Lufttemperatur dort auf minus 84,1 Grad Celsius, und zwar zweimal innerhalb von neun Minuten am frühen Morgen Ortszeit. Damit liegt der Wert unter allem, was seit 2012 an irgendeiner Station weltweit registriert wurde. Temperaturen unterhalb von minus 80 Grad Celsius sind an diesem Ort im Hochwinter zwar nicht ungewöhnlich, doch jenseits von minus 84 Grad Celsius wird die Luft auch für Concordia bemerkenswert. Wie außergewöhnlich der Wert im historischen Vergleich wirklich ist und was er für die Prüfung von Klimamodellen bedeutet, hängt allerdings von einer Unterscheidung ab, die in Schlagzeilen meist untergeht.

Warum die Antarktis im Juli so extrem auskühlt

Damit die Temperatur so tief sinkt, müssen mehrere Bedingungen gleichzeitig zutreffen. Nötig ist eine ruhige Hochdrucklage ohne Wind, denn schon schwache Turbulenz mischt wärmere Luft aus höheren Schichten nach unten. Nötig ist außerdem ein wolkenfreier Himmel, weil selbst dünne Eiswolken einen Teil der abgestrahlten Wärme zurückwerfen. Und nötig ist eine extrem trockene Luftsäule, wie sie über der Forschungsstation Concordia im Hochwinter regelmäßig auftritt, damit die Ausstrahlung nicht gedämpft wird. Über dem Schnee bildet sich dann eine bodennahe Inversionsschicht, in der die kälteste Luft wie in einer Wanne liegen bleibt. Fehlt eines dieser Elemente, etwa weil ein Tiefdruckgebiet feuchtere Luft vom Rand des Kontinents heranführt, steigen die Werte innerhalb weniger Stunden um zwanzig Grad und mehr.

Eine Station die abgeschiedener liegt als die Raumstation

Der Ort selbst ist so unwirtlich, dass er als Übungsfeld für die Raumfahrt dient. Über den Winter landet dort kein Flugzeug, die nächste ständig besetzte Station liegt rund 600 Kilometer entfernt, und bis zur Küste sind es mehr als 1.000 Kilometer. Rechnerisch ist die Überwinterungsmannschaft damit isolierter als die Besatzung der Internationalen Raumstation, die sich nur etwa 400 Kilometer über der Erdoberfläche bewegt. Die Europäische Weltraumorganisation nutzt die Bedingungen deshalb für medizinische und psychologische Untersuchungen, und eine Fachkraft vor Ort erforscht ausschließlich die übrigen Überwinterer. Dünne Luft, monatelange Dunkelheit und eine kleine Gruppe auf engem Raum erzeugen Belastungen, die sich sonst kaum realitätsnah nachstellen lassen.

Wie kalt es auf der Erde überhaupt werden kann

Der amtliche Weltrekord ist deutlich älter und liegt tiefer. Die russische Station Wostok, die Concordia am nächsten liegt, meldete im Juli 1983 minus 89,2 Grad Celsius, und dieser Wert gilt bis heute als tiefste anerkannte Lufttemperatur der Erde. Concordia selbst kam im Winter 2010 auf minus 84,7 Grad Celsius und blieb damit knapp unter dem jetzt gemessenen Wert. Noch tiefere Zahlen kursieren aus Satellitendaten, doch sie beziehen sich auf die Schneeoberfläche und nicht auf die Luft in genormter Messhöhe, weshalb sie nicht in dieselbe Kategorie fallen. Diese Unterscheidung erklärt, warum ein per Satellit ermittelter Kälterekord von bis zu minus 98 Grad Celsius offiziell nicht anerkannt wird, obwohl er methodisch belastbar zustande kam.

Was ein einzelner Extremwert über die Erwärmung aussagt

Ein einzelner Tiefstwert widerlegt keinen langfristigen Trend, und umgekehrt schließt eine Erwärmung regionale Kälteausbrüche nicht aus. Wetter beschreibt einen Zustand über Stunden und Tage, Klima dagegen die Statistik über Jahrzehnte. Gerade das Innere des Kontinents reagiert bislang schwächer als die Antarktische Halbinsel im Westen, wo Schelfeis und Gletscher sichtbar zurückgehen. Zugleich zeigte derselbe Ort im März 2024 eine Hitzewelle mit einem Höchstwert von minus 9,4 Grad Celsius, rund 18 Grad über dem bisherigen Märzmaximum. Dass in derselben Saison auf der Nordhalbkugel extreme Waldbrände ganze Baumbestände vernichten, gehört zum selben Bild einer Atmosphäre mit wachsender Spannweite. Genau an solchen Ausschlägen nach oben wie nach unten müssen sich Klimamodelle bewähren.

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