Wasserschwund

Deutschland trocknet aus und verliert einen kompletten Bodensee

 Dennis Lenz

Deutschland trocknet aus und verliert einen kompletten Bodensee
(Symbolbild). Rissige Böden, sinkende Flusspegel und ein ungewöhnlich trockener Winter zeigen es deutlich: Deutschland trocknet aus. Neue Analysen beziffern erstmals umfassend, wie viel Wasser dem Land seit der Jahrtausendwende verloren gegangen ist. Zugleich verschärft die anhaltende Trockenheit im Sommer 2026 die Lage in vielen Regionen spürbar. (Foto: © Forschung und Wissen)

Rekordverdächtig trockene Monate, sinkende Flusspegel und Böden, die bis in 1,8 Meter Tiefe unter Wassermangel leiden, setzen dem Wasserhaushalt der Bundesrepublik sichtbar zu. Aktuelle Analysen beziffern nun erstmals umfassend, wie viel Wasser Deutschland seit der Jahrtausendwende tatsächlich verloren hat. Die Größenordnung übertrifft selbst pessimistische Erwartungen und betrifft Grundwasserleiter, Seen und Flüsse gleichermaßen. Warum das Defizit so groß geworden ist und was sich dagegen tun lässt, zeigt ein Blick auf die neuen Daten.

Berlin (Deutschland). Deutschland galt über Jahrzehnte als wasserreiches Land, in dem Niederschlag, Verdunstung und Versickerung einen stabilen Wasserkreislauf bildeten. Das sogenannte Wasserdargebot, also die Menge an Grund- und Oberflächenwasser, die theoretisch nutzbar ist, liegt im langjährigen Mittel bei rund 176 Milliarden Kubikmetern pro Jahr. Davon verbrauchen Industrie, Landwirtschaft, Energieerzeugung und Haushalte zusammen nur einen Teil, weshalb Wasserknappheit hierzulande lange als fernes Problem galt. Der Klimawandel verändert diese Bilanz jedoch zunehmend, weil höhere Temperaturen die Verdunstung verstärken, Niederschläge unregelmäßiger fallen und trockene Phasen länger andauern. Entscheidend ist dabei nicht allein die jährliche Regenmenge, sondern die Frage, wie viel Wasser tatsächlich im Boden versickert, das Grundwasser erreicht und in der Landschaft gespeichert bleibt, statt oberflächlich abzufließen oder ungenutzt zu verdunsten. Gerade diese Speicherfähigkeit entscheidet darüber, wie gut ein Land längere Trockenphasen übersteht.

Wie angespannt die Lage inzwischen ist, zeigen die jüngsten Messreihen des Deutschen Wetterdienstes. Im Jahr 2025 fielen bundesweit nur rund 655 Liter Niederschlag pro Quadratmeter und damit etwa 17 Prozent weniger als im Mittel der Referenzperioden 1961 bis 1990 und 1991 bis 2020. Der Winter 2025/26 brachte mit ungefähr 135 Litern pro Quadratmeter lediglich 71 Prozent der üblichen Menge, im Nordosten wurden vielerorts sogar weniger als 100 Liter gemessen. Dass Dürren in Europa selbst bei insgesamt steigenden Regenmengen häufiger auftreten, verschärft die Situation zusätzlich, weil höhere Temperaturen die Verdunstung antreiben. Während die oberen Bodenschichten nach Regenfällen kurzfristig profitieren, bleibt der Wassermangel in tieferen Schichten über Monate bis Jahre bestehen. Genau dieses unsichtbare Defizit prägt den Sommer 2026 und rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie viel Wasser dem Land insgesamt bereits verloren gegangen ist.

Wasserdefizit von rund 60 Milliarden Kubikmetern

Eine gemeinsame Analyse des Naturschutzbunds Deutschland und der Boston Consulting Group, die Anfang 2026 unter dem Titel Every Drop Counts erschienen ist, beziffert das Ausmaß des Problems erstmals umfassend. Demnach hat die Bundesrepublik seit dem Jahr 2000 rund 60 Milliarden Kubikmeter Wasser aus Grundwasserleitern und Oberflächenspeichern eingebüßt. Das entspricht ungefähr der Wassermenge, die der Bodensee als größter deutscher See enthält. Die Daten zeigen damit deutlich: Deutschland trocknet aus, und zwar schneller, als natürliche Prozesse die Speicher wieder auffüllen können. Laut der beim Naturschutzbund veröffentlichten Studie zählt Deutschland inzwischen zu den Ländern mit den größten Grundwasserverlusten weltweit. Zu einem ähnlichen Befund kamen zuvor Auswertungen von Satellitendaten, die weltweit sinkende Süßwasservorräte dokumentierten und die Bundesrepublik dabei als auffälligen Hotspot identifizierten. Als Ursachen für den Wasserverlust nennen die Autoren neben dem Klimawandel vor allem die Landnutzung, darunter entwässerte Böden, versiegelte Flächen und naturferne Wälder, die Regenwasser kaum noch versickern lassen.

Trockener Winter und Niedrigwasser verschärfen die Lage

Verschärft wird das strukturelle Defizit durch die jüngste Witterung. Nach Angaben, die das Umweltbundesamt zur Trockenheit in Deutschland zusammengetragen hat, herrschte Anfang März 2026 im Gesamtboden bis in 1,8 Meter Tiefe nahezu flächendeckend Dürre, während lediglich wenige Regionen wie der Südwesten Baden-Württembergs, der Pfälzer Wald und Teile Schleswig-Holsteins gut mit Wasser versorgt waren. Die oberen 20 bis 30 Zentimeter des Bodens waren nach dem Winter zwar vielerorts noch ausreichend feucht, doch dieser Eindruck täuscht über die Lage in der Tiefe hinweg. Dort speichern Böden Wasser über lange Zeiträume, und einmal entstandene Defizite lassen sich selbst durch einzelne Regenphasen kaum ausgleichen. Für Bäume, tief wurzelnde Kulturpflanzen und die Grundwasserneubildung ist genau diese Schicht jedoch entscheidend, weshalb Fachleute bereits im Frühjahr vor einem kritischen Sommer warnten.

Im Juli 2026 hat sich diese Einschätzung bestätigt. Der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung weist für weite Teile des Landes eine außergewöhnliche Trockenheit im Gesamtboden aus, während vielerorts seit Wochen kaum nennenswerter Regen gefallen ist. Parallel dazu sinken die Pegel der großen Flüsse, sodass am Rhein bereits ausgeprägtes Niedrigwasser herrscht und die Binnenschifffahrt ihre Ladung reduzieren muss. Bei Bonn lief Mitte Juli sogar ein 135 Meter langes Hotelschiff auf Grund und musste von einem Schlepper freigezogen werden. In zahlreichen Landkreisen gelten inzwischen Allgemeinverfügungen, die die Entnahme von Wasser aus Bächen, Flüssen und Seen für die Bewässerung untersagen oder stark einschränken. Die akute Lage macht damit sichtbar, was sich in den Messreihen seit Jahren abzeichnet und längst nicht mehr nur einzelne Regionen betrifft, sondern den Wasserhaushalt des gesamten Landes.

Milliardenkosten bis 2050 und mögliche Auswege

Wirtschaftlich könnte der schleichende Wasserverlust teuer werden. Die Studienautoren beziffern die möglichen Schäden durch Trockenheit, Überflutungen und Wasserverschmutzung auf 20 bis 25 Milliarden Euro pro Jahr bis zur Mitte des Jahrhunderts, was sich über 25 Jahre auf 500 bis 625 Milliarden Euro summieren würde. Betroffen wären unter anderem die Landwirtschaft durch Ernteausfälle, die Industrie durch unterbrochene Lieferketten bei Niedrigwasser und die Verbraucher durch steigende Wasserpreise. Dem stellen die Autoren vergleichsweise moderate Investitionen von 15 bis 20 Milliarden Euro gegenüber, mit denen sich der Wasserhaushalt langfristig stabilisieren ließe. Naturbasierte Maßnahmen wie regenerative Landwirtschaft, klimaresiliente Wälder und dynamisch gesteuerte Drainagesysteme könnten demnach jährlich sieben bis 7,5 Milliarden Kubikmeter Wasser zusätzlich in der Landschaft halten und den negativen Trend bis 2040 umkehren. Wie dringlich das ist, hängt auch davon ab, wie sich die Wasserknappheit in Deutschland regional entwickelt, die Prognosen zufolge künftig vor allem den Osten des Landes betrifft. Wasser müsse deshalb, so das Fazit der Studie, künftig als strategische Ressource ähnlich wie Energie und kritische Rohstoffe behandelt werden.

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