Klima und Gesundheit

Der Sommer 2026 war in Europas Städten fast doppelt so tödlich wie 2003

 Dennis Lenz

Der Sommer 2026 war in Europas Städten fast doppelt so tödlich wie 2003
(Symbolbild) Im Sommer 2026 starben nach einer Modellrechnung des Imperial College London in 854 europäischen Städten rund 50.400 Menschen an den Folgen der Hitze. Etwa zwei Drittel dieser Hitzetoten führen die Forscher auf den menschengemachten Klimawandel zurück. Besonders gefährdet waren alte Menschen ab 85 Jahren. In deutschen Städten kamen nach dem Modell gut 6.300 Todesfälle zusammen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Der Sommer 2026 hat in Europas Städten so viele Hitzetote gefordert wie keiner zuvor seit Beginn der Auswertungen im Jahr 2000. Forscher des Imperial College London und der London School of Hygiene and Tropical Medicine schätzen, dass von Juni bis August in 854 Städten rund 50.400 Menschen an den Folgen der Hitze starben, fast doppelt so viele wie im Jahrhundertsommer 2003. Etwa zwei Drittel dieser Todesfälle führen sie auf den menschengemachten Klimawandel zurück. In deutschen Städten kamen nach dem Modell gut 6.300 Hitzetote zusammen.

Wer im Juni und Juli in einer Dachgeschosswohnung, in einem Büro ohne Klimaanlage oder in einem überfüllten Bus saß, hat diesen Sommer noch gut in Erinnerung. Für viele Menschen war die Hitze aber nicht nur unangenehm, sondern lebensgefährlich. Ein Team um Clair Barnes und Garyfallos Konstantinoudis vom Imperial College London hat nun berechnet, wie viele Todesfälle die Hitzewellen des Sommers 2026 in europäischen Städten verursacht haben und welchen Anteil daran die Erderwärmung hat. Beteiligt waren unter anderem auch Forscher der Universität Bern und der Universität Kopenhagen. Die Arbeit ist zur Veröffentlichung im Fachjournal Nature Health angenommen und liegt bereits als Studienbericht vor.

Untersucht wurden 854 Städte in 30 Ländern, nämlich den 27 Staaten der Europäischen Union sowie Großbritannien, der Schweiz und Norwegen. Zusammen leben dort knapp 173 Millionen Menschen, das sind fast 40 Prozent der Bevölkerung dieser Länder. Die ländlichen Regionen sind nicht enthalten. Die tatsächliche Zahl der Hitzetoten in ganz Europa dürfte deshalb noch deutlich höher liegen, auch wenn sich die Größenordnung aus dieser Studie nicht direkt ablesen lässt.

Hitzetote in Europa erreichen einen neuen Höchstwert

Nach den Berechnungen starben in den 854 Städten zwischen Juni und August 50.391 Menschen zusätzlich, weil es zu heiß war. Die statistische Unsicherheit ist vergleichsweise gering: Der Bereich, in dem der wahre Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt, reicht von etwa 46.000 bis knapp 54.000 Todesfällen. Mit derselben Methode hatte das Team zuvor die Sommer von 2000 bis 2025 ausgewertet. Der bisher tödlichste Sommer war 2022 mit rund 29.500 Hitzetoten, gefolgt vom Hitzesommer 2003 mit etwa 28.500. Für das vergangene Jahr 2025 kamen die Forscher auf rund 24.600 Todesfälle. Der Sommer 2026 übertrifft diese Werte also bei Weitem.

Hinzu kommt der Mai. Schon in den letzten zehn Tagen des Monats, als die erste Hitzewelle einsetzte, starben nach dem Modell weitere gut 1.500 Menschen. Besonders tödlich war die Zeit zwischen dem 17. Juni und dem 1. Juli. In diesen zwei Wochen lagen die Tagesmitteltemperaturen in den untersuchten Städten im Schnitt 5,3 Grad Celsius über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020, und fast ein Drittel aller Hitzetoten des Sommers entfiel auf diesen Zeitraum. Über den gesamten Sommer gerechnet war es in den Städten etwa 2,4 Grad wärmer als im langjährigen Durchschnitt, an einzelnen Tagen und in einzelnen Ländern lagen die Werte bis zu 12 Grad darüber.

Am stärksten traf die Hitze erwartungsgemäß alte Menschen. Mehr als 22.500 der Todesfälle betrafen Menschen ab 85 Jahren. Doch auch jüngere Erwachsene blieben nicht verschont: In der Altersgruppe von 20 bis 44 Jahren schätzen die Forscher rund 830 Hitzetote. Hitze belastet vor allem Herz, Kreislauf, Nieren und Atemwege, weil der Körper große Mühe hat, sich abzukühlen. Wie unterschiedlich Menschen darauf reagieren, zeigte bereits eine frühere Untersuchung, nach der Frauen bei Hitze fast doppelt so oft leiden wie Männer.

Wie viele Menschen in deutschen Städten an der Hitze starben

Für Deutschland erfasst die Studie Städte mit zusammen rund 25 Millionen Einwohnern. Dort starben nach dem Modell etwa 6.340 Menschen an den Folgen der Hitze. Rund 3.700 dieser Todesfälle, also 59 Prozent, wären ohne den menschengemachten Klimawandel nicht zu erwarten gewesen. Auf eine Million Einwohner gerechnet ergibt das nach Altersstandardisierung 240 Hitzetote. Damit liegt Deutschland im Mittelfeld Westeuropas. Die Schweiz kam auf 386 und Österreich auf 339 Hitzetote je Million Einwohner, Frankreich auf 336.

Weil die Studie nur Städte betrachtet, ist die Zahl für ganz Deutschland höher. Die Autoren verweisen auf eine Schätzung des Robert Koch-Instituts, das für den Zeitraum von Anfang April bis Anfang September rund 16.000 hitzebedingte Todesfälle in Deutschland angibt. Beide Werte lassen sich nicht direkt vergleichen, weil sie unterschiedliche Gebiete, Zeiträume und Methoden abdecken. Nach Einschätzung der Forscher passen die offiziellen Zahlen aus mehreren Ländern aber gut zu ihren Modellergebnissen, wenn man berücksichtigt, dass nur ein Teil der Bevölkerung erfasst wurde.

Italien und Südeuropa waren am stärksten betroffen

Die meisten Todesfälle gab es in Südeuropa. Dort hielt die gefährliche Hitze ab Mitte Juni fast ohne Pause an. Allein in den italienischen Städten starben nach dem Modell rund 13.300 Menschen, in Frankreich etwa 7.300 und in Spanien knapp 6.800. Bezogen auf die Einwohnerzahl war die Belastung auf Malta mit 716 Hitzetoten je Million am höchsten, gefolgt von Italien mit 561, Ungarn mit 537 und Kroatien mit 461. In Nordeuropa forderte die Hitze deutlich weniger Opfer, dort führten vor allem die extremsten Hitzetage zu einer erhöhten Sterblichkeit.

Dass der Süden so stark betroffen ist, liegt nicht nur an den Temperaturen. Auch chronische Erkrankungen, eine ältere Bevölkerung, Armut, Luftverschmutzung und wenig Grün in den Städten machen Menschen anfälliger. Städte heizen sich zudem stärker auf als ihr Umland, weil Asphalt und Beton tagsüber Wärme speichern und sie nachts nur langsam wieder abgeben. Gerade die warmen Nächte, in denen sich der Körper nicht mehr erholen kann, gelten als besonders gefährlich.

Welchen Anteil der Klimawandel an den Hitzetoten hat

Um den Einfluss der Erderwärmung zu bestimmen, verglichen die Forscher den tatsächlichen Sommer mit einem gedachten Sommer in einer Welt ohne menschengemachten Klimawandel. Europa ist heute nach ihren Angaben etwa 2,5 Grad wärmer, als es ohne den Ausstoß von Treibhausgasen wäre, und erwärmt sich damit schneller als jeder andere Kontinent. Mit statistischen Zusammenhängen zwischen Temperatur und Sterblichkeit, die für jede Stadt und jede Altersgruppe aus früheren Jahren bekannt sind, berechneten sie dann, wie viele Menschen in beiden Szenarien gestorben wären.

Das Ergebnis: Rund 32.600 der Hitzetoten, also etwa 65 Prozent, gehen auf das Konto der vom Menschen verursachten Erwärmung. Diese zusätzlichen Todesfälle allein entsprechen ungefähr der gesamten Zahl der Hitzetoten in den Sommern 2003 und 2022. In fast allen Ländern lag der Anteil über 50 Prozent, in Spanien sogar bei 77 Prozent. Während der extremsten Hitzewelle Ende Juni war der Anteil mit 57 Prozent etwas niedriger. Das erklären die Forscher damit, dass solche Temperaturen auch in einem Klima ohne Erwärmung bereits gefährlich gewesen wären.

Warum die wahren Zahlen noch höher liegen könnten

Die Studie beruht auf Modellrechnungen und nicht auf gezählten Sterbefällen. Die Forscher weisen selbst auf mehrere Unsicherheiten hin. Die Zusammenhänge zwischen Temperatur und Sterblichkeit stammen aus den Jahren 2000 bis 2019. Veränderungen danach, etwa durch eine andere Altersstruktur, bessere Hitzeschutzpläne, mehr Klimaanlagen oder die Folgen der Pandemie, sind darin nicht abgebildet. Das Modell berücksichtigt außerdem nur die Tagesmitteltemperatur. Die schlimmste Hitzewelle des Jahres kam aber schon im Juni, als sich viele Menschen noch nicht an hohe Temperaturen gewöhnt hatten, und sie ging mit hoher Luftfeuchtigkeit und ungewöhnlich warmen Nächten einher. All das könnte die Sterblichkeit zusätzlich erhöht haben, sodass die tatsächliche Zahl der Todesfälle eher unterschätzt sein dürfte.

Welche Maßnahmen im Alltag wirklich schützen, wird daher immer wichtiger. Eine frühere Auswertung hat etwa gezeigt, dass Klimaanlagen bei Hitze einen messbaren medizinischen Nutzen haben. Die Autoren der neuen Studie fordern neben dem Schutz besonders gefährdeter Menschen vor allem, den Ausstoß von Treibhausgasen rasch zu senken. Mit der derzeit umgesetzten Klimapolitik sei bis zum Ende des Jahrhunderts mit weiteren 1,4 Grad Erwärmung zu rechnen. Ohne schnelle Fortschritte auf dem Weg zur Klimaneutralität werde die Zahl der Hitzetoten weiter steigen und die Gesundheitssysteme zunehmend belasten.

Die vollständigen Ergebnisse mit allen Länderwerten haben die Forscher im Studienbericht des Imperial College London veröffentlicht. Die Analyse baut auf ihrer bereits in Nature Health erschienenen Auswertung der Sommer 2000 bis 2025 auf, nach der der Anteil des Klimawandels an den Hitzetoten von 39 Prozent im Jahr 2000 auf 68 Prozent im Jahr 2025 gestiegen ist.

Imperial College London, Heat-related urban mortality attributable to human-induced climate change in Europe in summer 2026

Nature Health, Heat-related urban mortality attributable to human-induced climate change in Europe from 2000 to 2025; doi:10.1038/s44360-026-00209-8

Mit KI-Unterstützung erstellt

Keine Neuigkeit aus der Forschung verpassen

Wählen Sie Forschung und Wissen bei Google als bevorzugte Quelle oder folgen Sie uns per RSS-Feed.

 Bevorzugte Quelle bei Google  RSS-Feed
Spannend & Interessant
VGWortpixel