Unterirdischer Stromweg

Tunnelbohrer erreicht nach 2,2 Kilometern ein geflutetes Ziel

 Dennis Lenz

Tunnelbohrer erreicht nach 2,2 Kilometern ein geflutetes Ziel
(Symbolbild) Die Tunnelbohrmaschine Caroline hat unter der Themse einen 2,2 Kilometer langen Kabeltunnel vorgetrieben. Ihr Empfangsschacht wurde für den Durchbruch gezielt geflutet. Der Wasserdruck half, den Übergang durch das Kreidegestein zu kontrollieren. Die Verbindung soll später Hochspannungskabel aufnehmen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Eine Tunnelbohrmaschine hat unter der Themse einen 2,2 Kilometer langen Tunnel für Hochspannungskabel fertig gegraben. Beim Durchbruch wartete ein absichtlich mit Wasser gefüllter Schacht auf das schwere Gerät. Die ungewöhnliche Maßnahme sollte den Druck im Kreidegestein beherrschbar halten. Warum endet eine solche Tunnelreise ausgerechnet unter Wasser?

Unter der Themse zwischen Tilbury in Essex und Gravesend in Kent hat die Tunnelbohrmaschine Caroline einen 2,2 Kilometer langen Kabeltunnel fertiggestellt. Beim letzten Vorstoß erreichte sie einen gefluteten Empfangsschacht, dessen Wasser den Druck des umgebenden Kreidegesteins ausgleichen sollte. Der britische Netzbetreiber National Grid meldet, dass die Maschine ihr Ziel 49 Tage früher als geplant erreichte.

Der Tunnel gehört zum Projekt Grain to Tilbury, das zusätzliche Stromleitungen zwischen den beiden Ufern der Themse aufnehmen soll. Für die Bauleute lag die schwierigste Szene am Ende der Strecke: Ein rotierender Stahlkopf arbeitete sich durch den Untergrund auf einen Schacht zu, der bewusst unter Wasser stand. Das Wasser war Teil der Bauplanung, kein Hinweis auf eine Havarie.

Caroline gräbt 2,2 Kilometer unter der Themse

Tunnelbohrmaschinen tragen an ihrer Vorderseite einen großen Schneidkopf, der den Boden Stück für Stück abträgt. Dahinter folgen die technischen Einrichtungen, die Material abtransportieren und den neu entstandenen Tunnel sichern. Unter einem Fluss muss dieser Ablauf besonders sorgfältig gesteuert werden, weil der Boden von Grundwasser durchzogen sein kann. Schon eine unkontrollierte Druckdifferenz an der Ortsbrust, der vordersten Arbeitsfläche, kann Wasser und Boden in den Tunnel treiben.

Bei Grain to Tilbury führte die Trasse durch kreidehaltigen Untergrund. Die Maschine musste dabei eine durchgehende Verbindung unter dem Fluss schaffen, ohne die Wasserstraße an der Oberfläche für einen offenen Graben aufzureißen. Die Arbeiten endeten am Empfangsschacht auf der anderen Seite, wo der Durchbruch vorbereitet war.

Ein gefluteter Schacht gleicht den Wasserdruck aus

Für die letzte Etappe ließen die Verantwortlichen Wasser im Zielschacht stehen. Sein hydrostatischer Druck wirkte dem Druck im umgebenden, wasserführenden Kreidegestein entgegen. So sollte der Unterschied zwischen dem Inneren des Schachts und dem Untergrund begrenzt werden, während der Bohrkopf die letzte Erdschicht durchbrach. Das Verfahren verlagert einen heiklen Übergang in einen kontrollierten Zustand.

Das ungewöhnliche Bild einer Maschine, die in einen gefluteten Schacht fährt, hat damit einen sehr praktischen Hintergrund. Am Ende einer langen Bohrstrecke treffen Tunnel und offener Schacht aufeinander; gerade an dieser Schnittstelle ändern sich die Bedingungen für Boden und Wasser. Der kontrollierte Gegendruck reduziert das Risiko, dass Grundwasser ungebremst in den Schacht einströmt.

49 Tage Vorsprung verändern den Bauablauf

Nach Angaben des Netzbetreibers gelang der Durchbruch 49 Tage vor dem vorgesehenen Termin. Das ist zunächst ein Erfolg für den Tunnelvortrieb und die unmittelbar damit verbundenen Arbeiten. Eine betriebsbereite Stromverbindung entsteht erst, wenn die übrigen Bauabschnitte und die Hochspannungskabel fertiggestellt, angeschlossen und geprüft sind. Der frühe Durchbruch schafft dafür zusätzlichen zeitlichen Spielraum.

Der neue Tunnel gehört zu einem größeren Ausbau des britischen Stromnetzes, den National Grid unter dem Namen Great Grid Upgrade bündelt. Zusätzliche Übertragungskapazität soll Strom zwischen Erzeugungsstandorten und Verbrauchszentren transportieren. Unterirdische Kabelverbindungen helfen dabei, Flüsse und dicht genutzte Gebiete zu queren, ohne entlang der gesamten Strecke eine offene Baustelle anzulegen.

Grain to Tilbury erhält einen neuen Stromweg

Auf den 2,2 Kilometern unter der Themse werden später Hochspannungskabel durch einen eigenen Tunnel geführt. Eine solche Trasse erlaubt den Zugang zu technischen Anlagen über definierte Schächte und trennt die Stromleitung vom Schiffsverkehr darüber. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht allein in der Entfernung, sondern im Zusammenspiel von Geologie, Wasser und präziser Maschinenführung.

Für die Planung solcher Großprojekte liefern andere unterirdische Bauwerke einen anschaulichen Vergleich: Bei einem 130 Meter langen Stollen im Ruhrgebiet verriet erst die Geländeoberfläche den verborgenen Verlauf. Der britische Kabeltunnel dagegen wird gezielt mit einer schweren Maschine unter einer viel befahrenen Wasserstraße angelegt.

Auch die Art des Untergrunds bestimmt, wie ein Tunnel gebaut und gesichert wird. Beim 10.000 Meter tiefen Bohrprojekt in China steht die Erkundung tiefer Gesteinsschichten im Mittelpunkt; unter der Themse ging es darum, einen nutzbaren Hohlraum mit gleichmäßigem Querschnitt zu schaffen.

Caroline beendet die Fahrt im Wasser

Mit dem Durchbruch ist die unterirdische Strecke zwischen Tilbury und Gravesend hergestellt. Auf den Tunnelbau folgen weitere technische Arbeiten, bevor Strom durch die neue Verbindung fließen kann. Am Ende dieser Etappe steht vor allem ein ungewöhnliches Bauverfahren: Caroline erreichte nach 2,2 Kilometern ihren Zielschacht, und das Wasser darin war von Anfang an eingeplant.

National Grid, National Grid completes electricity tunnel breakthrough 49 days ahead of schedule

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