Unter einem Wald im Ruhrgebiet liegt ein bislang unbekannter Stollen. Archäologen untersuchen die erhaltenen Spuren seiner Bauweise. Der Fund führt in die Zeit vor den großen Zechen zurück. Wie die Bergleute ihre Arbeit organisierten, lässt sich dabei aus dem Boden erschließen.
Im Süden des Ruhrgebiets können kleine Bodenvertiefungen von einer Arbeitswelt erzählen, deren Gebäude längst verschwunden sind. Solche trichterförmigen Mulden heißen Pingen. Ein alter Stollen oder Schacht kann sich durch solche Spuren verraten. Zusammen mit benachbarten Halden gehören sie zu den Spuren des frühen Bergbaus, die Archäologen im Gelände untersuchen. Schriftliche Quellen belegen die Gewinnung von Steinkohle in der Region bereits für das 13. Jahrhundert. Der Brennstoff heizte Häuser, versorgte Schmieden und wurde beim Salzsieden sowie beim Kalkbrennen gebraucht. Wie diese frühen Betriebe organisiert waren, ist allerdings erheblich schlechter bekannt als die Geschichte der späteren Industriezechen. Ein Grubenfeld kann deshalb Informationen bewahren, die in Urkunden fehlen. Dabei genügt die Form einer einzelnen Mulde selten für eine vollständige Erklärung. Erst das Verhältnis von Vertiefungen, aufgeschüttetem Material und durchschnittenen Bodenschichten zeigt, welche Arbeitsschritte zusammengehören. Genau diesen Zusammenhang suchen Spezialisten inzwischen auch in einem Wald bei Sprockhövel-Haßlinghausen im Ennepe-Ruhr-Kreis.
Dass der frühe Kohlebergbau gerade im südlichen Ruhrgebiet begann, hängt mit dem Aufbau des Untergrunds zusammen. Seine Kohle entstand aus den Pflanzenresten uralter Moorwälder. In einem wiederholt absinkenden Becken wurden solche organischen Ablagerungen von Sand und Schlamm überdeckt. Über geologische Zeiträume veränderten Druck und Wärme das Pflanzenmaterial, während sich darüber immer neue Sedimente sammelten. Die heute als Flöze bezeichneten Kohleschichten liegen deshalb zwischen anderen Gesteinslagen. Eine spätere Gebirgsbildung faltete dieses Schichtenpaket, Erosion trug darüberliegendes Material wieder ab. Im Süden erreichen kohleführende Schichten die Erdoberfläche, weiter nördlich liegen jüngere Deckschichten darüber. Für die ersten Bergleute bedeutete das einen entscheidenden Unterschied: Wo das Flöz offenlag, ließ sich der Rohstoff mit vergleichsweise einfachen Eingriffen erreichen. Sobald der Abbau dem Kohleband tiefer in den Berg folgte, änderten sich die Anforderungen an einen Stollen. Zugang, Luftversorgung und Wasser mussten mit der Lage der Lagerstätte zusammenpassen.
Ein bislang unbekannter Stollen in Sprockhövel ist mindestens 130 Meter lang und über seine Senkungszone erkennbar. Den eingestürzten Gang untersuchte das Team indirekt, wie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe erläutert. Zwei Grabungsschnitte erfassten Schachtöffnungen, Bohrungen erschlossen Halden. Bei solchen archäologischen Untersuchungen kommt es auf die Abfolge der erhaltenen Schichten an. Eine spätere Eingrabung kann ältere Ablagerungen durchschneiden, eine Verfüllung wiederum die vorherige Öffnung verschließen. Schnittflächen machen diese Beziehungen sichtbar. Für den frühen Ruhrbergbau ist das besonders hilfreich, weil verschiedene Arbeitsphasen einander überlagern können. Form, Lage und Schichtfolge müssen deshalb gemeinsam betrachtet werden. Aus einem vollständig erhaltenen Gang und aus seinen indirekten Bodenspuren ergeben sich dabei unterschiedliche Beobachtungsmöglichkeiten. Die Längenangabe bezeichnet hier keine durchgehend freigelegte oder heute begehbare Strecke. Sie beschreibt die erschlossene Ausdehnung eines Bauwerks, dessen ursprünglicher Hohlraum nicht mehr offenliegt.
Die Bergleute legten seitliche Bauschächte an, trieben mehrere Stollenabschnitte gleichzeitig vor und verbanden sie. Anschließend verfüllten sie die Zugänge, wie das Deutsche Bergbau-Museum Bochum erklärt. Der technische Vorteil eines solchen Vorgehens ist nachvollziehbar: Bei nur einer Arbeitsstelle bestimmt der dort mögliche Fortschritt den Bau des gesamten Ganges. Zusätzliche Ansatzpunkte erlauben dagegen, an verschiedenen Stellen zeitgleich Material abzutragen. Dieser Vorteil entsteht allerdings erst, nachdem die zusätzlichen Zugänge hergestellt worden sind. Damit steht einem möglichen Zeitgewinn mehr Arbeit für die Erschließung gegenüber. Auch die spätere Verbindung der Abschnitte zu einem Stollen gehört zu dieser Bauaufgabe. Die Anordnung allein ergibt jedoch noch keine Zahl der beteiligten Arbeiter und keine Bauzeit. Dafür wären weitere Angaben nötig, etwa zu den Querschnitten, zum bearbeiteten Gestein und zum erzielten Vortrieb. Die Rekonstruktion der Arbeitsschritte beantwortet somit eine andere Frage als eine Berechnung des gesamten Arbeitsaufwands.
Für den frühen Bergbau war ein Stollen mehr als ein Weg zur Kohle. Solche annähernd waagerechten Zugänge konnten auch helfen, Grubenwasser aus dem Berg abzuleiten. In einer nach unten vertieften Grube sammelt sich zufließendes Wasser; durch einen passend angelegten Gang zu einem tieferen Ausgang kann es dagegen durch die Schwerkraft abfließen. Diese Möglichkeit erklärt, warum der Übergang von kleinen Gruben und Schächten zum Stollenbergbau technisch bedeutsam war. Im Raum Witten und Sprockhövel lag ein Schwerpunkt dieser Entwicklung. Für das Ruhrgebiet wird der verstärkte Übergang zum Stollenbergbau im 17. Jahrhundert beschrieben. Erst leistungsfähige Wasserhaltung eröffnete später andere Möglichkeiten für den Abbau in größerer Tiefe. Auf der Zeche Vollmond in Bochum-Langendreer kam dafür im Jahr 1800 eine Dampfmaschine zum Einsatz. Der konkrete Nutzungszweck des neu erkannten Bauwerks in Haßlinghausen ist damit allerdings noch nicht geklärt. Seine Länge allein sagt nicht, welche Aufgaben der Gang im damaligen Betrieb erfüllte.
Einen anschaulichen Vergleich lieferte die Untersuchung eines anderen Stollens in Haßlinghausen im Sommer 2025. Dort schlossen die Archäologen aus den abgesackten Bodenschichten auf einen ursprünglich ungefähr einen Meter hohen Gang. Seine geringe Höhe sprach für Aufgaben bei der Entwässerung und Belüftung; für den Transport wurde er nach ihrer Interpretation nicht genutzt. Hinzu kamen Holzreste am Boden, die möglicherweise zu einer hölzernen Wasserrinne gehörten. Keramik in später eingefülltem Material und Holzkohle boten weitere Ansatzpunkte für die Auswertung. Gerade solche Kombinationen erklären den Wert kleiner Grabungsflächen: Eine Bauform wird verständlicher, wenn passende Gebrauchsspuren hinzukommen. Die Angaben betreffen ausdrücklich den früher untersuchten Nachbarbefund. Sie liefern weder die Höhe noch eine Datierung des nun erkannten, mindestens 130 Meter langen Ganges. Unterschiedliche Bauwerke innerhalb desselben kleinen Reviers können verschiedene Aufgaben und Nutzungszeiten gehabt haben. Ihre getrennte Untersuchung ermöglicht erst einen belastbaren Vergleich der technischen Entwicklung.
Wie stark die Lagerstätte die Arbeit bestimmte, lässt sich auch am Syberg im Dortmunder Süden nachvollziehen. Dort liegt das Kohleflöz Sengsbank stellenweise nur wenige Meter unter der Oberfläche und ist etwa 40 Zentimeter mächtig. Im 18. und 19. Jahrhundert arbeiteten sich Bergleute mit Schlägel und Eisen durch das Gestein, um die Kohle über annähernd waagerechte Zugänge zu erreichen. Erhaltene Originalgänge sind so eng, dass sie heute überwiegend kriechend oder auf allen Vieren durchquert werden. Dieser andere Fundort verdeutlicht die körperlichen und räumlichen Bedingungen eines Bergbaus, der seiner Lagerstätte unmittelbar folgen musste. Die dortigen Maße lassen sich auf Sprockhövel nicht übertragen. Sie erklären aber, warum ein langer Stollen und mehrere eigens angelegte Zugänge einen erheblichen Arbeitsaufwand darstellen konnten. Jeder aus dem Gestein gelöste Teil schuf erst den Raum für weitere Arbeiten. Ein schmaler Querschnitt konnte dabei Aufwand sparen, begrenzte zugleich jedoch die Bewegungsfreiheit unter Tage.
Die genaue zeitliche Einordnung bleibt eine zentrale Aufgabe. Das übergeordnete Forschungsprojekt untersucht deshalb auch, welche Datierungsverfahren beim frühen Steinkohlebergbau verlässlich funktionieren. In Halden fehlen häufig gut datierbare Gegenstände wie Keramikscherben. Gelegentlich erhaltene Holzkohle scheint zunächst eine geeignete Alternative, weil sich organisches Material mit der Radiokarbonmethode untersuchen lässt. Hier besteht jedoch ein besonderes Problem: Die Holzkohle kann durch wesentlich ältere Steinkohle verunreinigt sein. Beide Materialien enthalten Kohlenstoff, stammen aber aus völlig unterschiedlichen Zeiträumen. Vermischen sie sich in einer Probe, kann das die Altersbestimmung verfälschen. Das Projekt entwickelte daher Reinigungsverfahren für solche Untersuchungen. Zusätzlich wird erprobt, ob eine Lumineszenzdatierung alter Schachtinnenwände brauchbare Ergebnisse liefert. Ein fertiges Kalenderdatum folgt daraus noch nicht. Für das kleine Revier sehen die Archäologen inzwischen Belege für Stollenbau vor dem 18. Jahrhundert. Wann genau der neu untersuchte Stollen entstand, soll die weitere Auswertung eingrenzen; eine präzise Jahreszahl ist bislang nicht veröffentlicht.
Bergbauarchäologie untersucht neben einzelnen Gruben auch die wirtschaftlichen Abläufe, die sie überhaupt ermöglichten. Dazu gehören Rohstoffgewinnung, Verarbeitung, Transport und die dafür benötigte Infrastruktur. Räumliche Aufnahmen und die Untersuchung erhaltener Arbeitsspuren können zeigen, wie technische Kenntnisse eingesetzt wurden und welcher Aufwand hinter einer Anlage stand. Die Ergebnisse reichen damit über die Frage hinaus, wo Kohle lag. Im Gelände lassen sich Arbeitsplätze und Wege räumlich miteinander verbinden, während naturwissenschaftliche Untersuchungen Material und Alter genauer bestimmen können. Erst zusammen erlauben solche Beobachtungen Aussagen darüber, wie ein Betrieb funktionierte. Für die Frühgeschichte des Ruhrgebiets ist diese Verbindung besonders aufschlussreich, weil die schriftliche Überlieferung viele praktische Einzelheiten offenlässt. Ein Befund gewinnt dabei durch sein Verhältnis zu den umliegenden Spuren an Aussagekraft. Werden Bauweise und zeitliche Abfolge gemeinsam untersucht, lässt sich die Entwicklung einer Arbeitslandschaft genauer beschreiben. Das verbindet erhaltene Bodenstrukturen mit der Organisation menschlicher Arbeit.