Lauschangriff

Spionagetechnik missbraucht Glasfaserkabel als Mikrofon

 Dennis Lenz

Spionagetechnik missbraucht Glasfaserkabel als Mikrofon
(Symbolbild) Weil das Verfahren rein passiv arbeitet und keine Funksignale aussendet, lässt es sich mit klassischen Wanzensuchgeräten kaum aufspüren. (Foto: © Forschung und Wissen)

Ein gewöhnliches Glasfaserkabel im Haus lässt sich in ein verstecktes Mikrofon verwandeln. Aus den winzigen Schwingungen der Faser rekonstruierten Forschende gesprochene Sprache aus dem Raum. Das Verfahren arbeitet passiv, sendet keine Funksignale und ist mit üblichen Suchgeräten kaum aufzuspüren. Präsentiert wurde die Methode auf einer der wichtigsten Fachkonferenzen für IT-Sicherheit, und sie erschüttert eine lange gültige Annahme über die Abhörsicherheit von Glasfaser.

Bislang galten Lichtwellenleiter als besonders sicher, weil sie anders als Kupferkabel keine elektromagnetische Strahlung abstrahlen, die sich von außen abgreifen ließe. Genau diese Gewissheit stellt die neue Arbeit infrage. Sie stammt von Forschenden der Hong Kong Polytechnic University gemeinsam mit der Chinese University of Hong Kong und einer weiteren Hongkonger Hochschule und wurde im Februar 2026 auf dem NDSS-Symposium in San Diego vorgestellt, einer der weltweit führenden Tagungen zur Netzwerksicherheit.

Das Grundprinzip nutzt eine bekannte Eigenschaft optischer Fasern: Sie reagieren empfindlich auf feinste Erschütterungen. Trifft Schall wie menschliche Sprache auf die Faser, verformt er sie mikroskopisch und verändert das hindurchlaufende Licht. Dieselbe Empfindlichkeit dient anderswo dazu, Erdbeben zu registrieren oder Schäden an Seekabeln aufzuspüren. Hier aber wird sie zum Abhören zweckentfremdet.

Wie das Glasfaserkabel zur Wanze wird

Ausgelesen werden die winzigen Veränderungen mit einer im Handel erhältlichen Technik zur verteilten akustischen Messung, dem Distributed Acoustic Sensing. Dabei werden Lichtpulse in die Faser geschickt und das zurückgestreute Licht analysiert. Verändert Schall die Dehnung der Faser, verschiebt sich die Phase dieses Lichts, woraus sich die ursprünglichen Schallwellen zurückrechnen lassen. Ein Angreifer braucht dafür nur Zugang zu einem Ende der Leitung, um die Umgebung am anderen Ende zu belauschen. Die technischen Einzelheiten führt die Publikationsseite der Hong Kong Polytechnic University aus.

Ein getarnter Verstärker als Schlüssel

Die nackte Faser ist für Sprache aus der Luft zu unempfindlich. Deshalb bauten die Forschenden einen kleinen Verstärker, den sie Sensory Receptor nennen: einen rund 65 Millimeter großen Zylinder, um den etwa 15 Meter Glasfaser gewickelt sind. Schalldruck verändert den Durchmesser des Zylinders, was sich als Dehnung entlang der langen aufgewickelten Faser summiert und das Signal deutlich verstärkt. Entscheidend ist die Tarnung: Das Bauteil sieht aus wie eine gewöhnliche Anschlussbox, wie sie bei Glasfaserinstallationen routinemäßig verbaut wird, und fällt darum kaum auf. Wie unauffällig sich Datenübertragung gestalten lässt, zeigt auch der Ansatz, dass eine Dateiübertragung per QR-Code weder WLAN noch Bluetooth braucht.

Erstaunlich klare Sprachrekonstruktion

In kontrollierten Büroversuchen erreichte das Verfahren eine hohe Trefferquote. Bei kurzer Distanz blieb mehr als 80 Prozent des Gesprächsinhalts erhalten, bei niedrigen Fehlerraten in der automatischen Umschrift. Im günstigsten Fall lag die Wortfehlerrate bei rund neun Prozent, das heißt, der Großteil der gesprochenen Wörter wurde korrekt erkannt. Zusätzlich ließ sich der Ort eines Schallereignisses auf etwa 77 Zentimeter genau bestimmen, und akustische Ereignisse wurden in einem hohen Anteil der Fälle richtig eingeordnet. Nach Angaben der Forschenden funktioniert der Ansatz über mehr als 50 Meter Distanz.

Warum die Methode so schwer zu entdecken ist

Der Angriff ist rein passiv und benötigt in der Nähe des Ziels weder Stromquelle noch Funksender. Detektoren, die nach Funksignalen suchen, schlagen deshalb nicht an. Auch Ultraschall-Störsender, die herkömmliche Mikrofone übertönen sollen, laufen ins Leere, weil hier kein Mikrofon im üblichen Sinne arbeitet. Selbst starke Verschlüsselung hilft nicht, denn der Schall wird abgegriffen, bevor er überhaupt digitalisiert und gesichert wird. Damit umgeht die Methode gleich mehrere gängige Schutzmaßnahmen auf einmal. Dass dezentrale und schwer kontrollierbare Kommunikationswege ein wachsendes Thema sind, zeigt auch der Ansatz, dass Nostr private E-Mail ohne zentralen Anbieter neu denkt.

Voraussetzungen, Grenzen und Konsequenzen

Ganz ohne Aufwand ist der Angriff nicht möglich. Er setzt physischen Zugang sowohl zum Anschluss beim Opfer als auch zum Verteilnetz voraus, etwa bei Installations- oder Wartungsarbeiten. Solche Gelegenheiten sind allerdings realistisch, weil bei Glasfaseranschlüssen regelmäßig Technikerinnen, Techniker und Subunternehmen an den Endpunkten arbeiten. Als besonders gefährdet gelten Büros, in denen vertrauliche Gespräche geführt werden. Als Schutz bleibt vor allem physische Sicherheit, also der kontrollierte Zugang zu Anschlusskästen und Verteilern sowie die Prüfung, ob Hardware unbemerkt getauscht wurde. Die Arbeit macht damit deutlich, dass die lange angenommene Abhörsicherheit von Glasfaser unter bestimmten Voraussetzungen nicht mehr uneingeschränkt gilt.

Die Arbeit wurde auf dem NDSS-Symposium 2026 vorgestellt. DOI: 10.14722/ndss.2026.240546.

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