Relays

Nostr denkt private E-Mail ohne zentralen Anbieter neu

 Dennis Lenz

Nostr denkt private E-Mail ohne zentralen Anbieter neu
(Symbolbild) Beim offenen Protokoll Nostr liegt die Identität in einem kryptografischen Schlüsselpaar, nicht im Konto eines Anbieters. Nachrichten laufen über ein Netz unabhängiger Relays statt über einen zentralen Dienst. Für private E-Mail entstehen daraus neue Ansätze, die etablierte Anbieter wie Proton und Tuta ergänzen könnten. (Foto: © Forschung und Wissen)

Nostr ist ein offenes, dezentrales Protokoll, das die Grundidee der E-Mail neu denkt. Statt bei einem zentralen Anbieter ein Konto anzulegen, besitzen Nutzer ein kryptografisches Schlüsselpaar, das ihre Identität bildet. Nachrichten laufen über ein Netz unabhängiger Server, die als Relays bezeichnet werden. Rund um dieses Prinzip entstehen erste Projekte, die verschlüsselte E-Mail mit den Nostr-Schlüsseln verbinden. Für den Datenschutz ist das ein spannender Ansatz, weil er ohne persönliche Anmeldedaten und ohne eine einzelne kontrollierende Instanz auskommt.

Der Name Nostr steht für ein Protokoll, dessen Kern aus nur drei Bausteinen besteht: Schlüsseln, Ereignissen und Relays. Die Identität eines Nutzers ist ein Schlüsselpaar, bestehend aus einem öffentlichen und einem privaten Schlüssel. Der öffentliche Schlüssel dient als Adresse, der private Schlüssel signiert jede Nachricht und beweist die Urheberschaft. Es gibt keine Registrierung mit E-Mail-Adresse, Telefonnummer oder Passwort bei einem Unternehmen. Jede Nachricht ist ein signiertes Datenpaket, das an mehrere Relays gesendet wird, also an schlichte Server, die Inhalte speichern und weiterleiten. Diese Relays kontrollieren weder die Identität noch können sie signierte Inhalte verändern. Wer möchte, kann sogar einen eigenen Relay betreiben, ähnlich wie man früher einen eigenen Mailserver aufsetzte.

Auf dieser Grundlage entstehen Projekte, die den Ansatz von Nostr auf E-Mail übertragen. Sie verbinden das Schlüsselpaar mit einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung des Nachrichteninhalts und nutzen zusätzliche Verfahren, um Metadaten wie Absender und Empfänger vor den Relays zu verbergen. Manche dieser Lösungen setzen zugleich auf klassische E-Mail-Standards, um mit bestehenden Postfächern kompatibel zu bleiben. Damit lässt sich der hohe Datenschutz eines dezentralen Systems mit der Reichweite herkömmlicher E-Mail verbinden. Technische Details zu den zugrunde liegenden Spezifikationen finden sich in der offenen Dokumentation der verschlüsselten Nachrichtenverfahren, die offenlegt, wie Inhalte und Metadaten geschützt werden.

Was Nostr beim Datenschutz besser machen will

Der zentrale Vorteil liegt in der souveränen Identität. Wer ein Nostr-Schlüsselpaar erzeugt, muss keine persönlichen Daten preisgeben und ist nicht auf das Fortbestehen eines einzelnen Anbieters angewiesen. Es gibt keine zentrale Stelle, die auf behördliche Anordnung Nutzerdaten herausgeben oder ein Konto sperren könnte, weil die Identität allein beim Nutzer liegt. Durch die Verteilung auf viele unabhängige Relays ist das System zudem widerstandsfähig gegen Zensur und einzelne Ausfälle. Neuere Verschlüsselungsverfahren im Nostr-Umfeld verbergen inzwischen auch, wer mit wem kommuniziert, und schließen damit eine klassische Schwachstelle vieler Messenger. Erste Umsetzungen sind quelloffen und kostenlos, sodass sich der Code öffentlich prüfen lässt. Weitere Informationen und eine lauffähige Anwendung stellt eines der offenen Projekte zur verschlüsselten E-Mail mit Nostr bereit.

Warum Proton und Tuta an Grenzen stoßen

Dienste wie Proton und Tuta bieten bereits einen sehr hohen Datenschutz und verschlüsseln die Inhalte so, dass selbst der Anbieter sie nicht lesen kann. Dennoch teilen sie eine strukturelle Eigenschaft: Sie sind zentrale Anbieter mit Sitz in einem einzigen Land und damit einer einzigen Rechtsordnung unterworfen. Ein zentraler Dienst bildet einen einzelnen Punkt, an dem rechtliche Anordnungen ansetzen können. So musste Proton in einem dokumentierten Fall aus dem Jahr 2021 auf richterliche Anordnung die Verbindungsdaten eines Nutzers protokollieren und herausgeben, obwohl die Inhalte verschlüsselt blieben. Hinzu kommt, dass E-Mail von Natur aus Metadaten hinterlässt, etwa Absender, Empfänger und Zeitpunkt, und dass klassische Betreffzeilen nicht bei allen Anbietern verschlüsselt sind. Diese Grenzen sind kein Versagen der Anbieter, sondern folgen aus dem zentralisierten Modell. Wer sich grundsätzlich mit den Prinzipien der Verschlüsselung und ihrer Grenzen beschäftigt, erkennt hier den eigentlichen Ansatzpunkt dezentraler Alternativen.

Was der dezentrale Ansatz noch leisten muss

So vielversprechend das Modell ist, bleibt Nostr kein Selbstläufer in Sachen Datenschutz. Gewöhnliche Nostr-Nachrichten sind standardmäßig öffentlich, und Metadaten sind nur dann geschützt, wenn die entsprechenden Verschlüsselungsverfahren tatsächlich genutzt werden. Auch Relays sehen technische Verbindungsdaten, sofern Nutzer keine zusätzlichen Schutzmaßnahmen ergreifen. Die Verantwortung für den privaten Schlüssel liegt vollständig beim Nutzer, denn ein verlorener Schlüssel lässt sich nicht einfach zurücksetzen. Die E-Mail-Projekte auf Nostr-Basis sind zudem noch jung und stehen am Anfang ihrer Entwicklung. Gerade deshalb ist der Ansatz aber bemerkenswert: Er verlagert Vertrauen von einem einzelnen Unternehmen hin zu einem offenen, überprüfbaren Protokoll und einem Netz vieler unabhängiger Server. Für den Datenschutz eröffnet das eine grundsätzlich andere Richtung, die etablierte Dienste nicht ersetzt, aber sinnvoll ergänzen kann.

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