Eine Blu-ray fasst bis zu 50 Gigabyte, eine neue optische Scheibe aus Ohio soll ein bis zwei Terabyte speichern und die Daten mindestens 50 Jahre lang lesbar halten. Das US-Unternehmen Folio Photonics setzt dafür nicht auf eine klassische Disc, sondern auf eine Kunststofffolie aus 16 übereinanderliegenden Schichten, in die fluoreszierende Farbstoffe eingebettet sind. Mit frischem Investorengeld will das Unternehmen die Technik bis 2027 zur Marktreife bringen und damit Magnetband und Festplatte in den Rechenzentren Konkurrenz machen.
Die Menge der weltweit gespeicherten Daten wächst schneller als die Technik, die sie dauerhaft aufbewahren soll. Ein Großteil davon wird kaum je wieder abgerufen, muss aber über Jahrzehnte erhalten bleiben: Forschungsdaten, medizinische Archive, Filmbestände, Unternehmensunterlagen und zunehmend die Trainingsdaten künstlicher Intelligenz. Fachleute sprechen von kalten Daten. Für sie gibt es bislang keine wirklich gute Lösung. Festplatten verschleißen mechanisch und verbrauchen Strom, solange sie laufen. Magnetbänder sind günstig, müssen aber alle paar Jahre auf neue Bandgenerationen umkopiert werden, weil die Laufwerke veralten und das Material altert. Flash-Speicher verliert ohne Stromzufuhr mit der Zeit seine Ladung und gilt deshalb für die Langzeitarchivierung als ungeeignet. Große Archive geraten dadurch in einen Kreislauf aus Umkopieren, Prüfen und Ersetzen, der Personal, Strom und Geld kostet, obwohl die Daten selbst kaum je gebraucht werden.
Genau in diese Lücke zielt eine Reihe junger Unternehmen mit neuen Speichertechniken, die Daten über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte sicher aufbewahren sollen. Einige schreiben Informationen mit Laserpulsen in Glas, andere in keramisch beschichtete Glasplatten oder in DNA-Moleküle. Folio Photonics aus Solon im US-Bundesstaat Ohio wählt einen Weg, der auf den ersten Blick altmodisch wirkt: die optische Disc, also jene Speicherform, die mit CD, DVD und Blu-ray groß wurde und in den vergangenen Jahren fast vollständig aus dem Alltag verschwunden ist. Der Unterschied liegt im Material. Die Scheiben von Folio bestehen nicht aus gepresstem Polycarbonat mit einer reflektierenden Schicht, sondern aus einer mehrlagigen Folie, die das Unternehmen DataFilm nennt.
Herkömmliche optische Datenträger speichern Informationen als winzige Vertiefungen oder als chemisch veränderte Stellen in einer dünnen Schicht, die ein Laser abtastet. Um mehr Daten unterzubringen, stapelt man mehrere solcher Schichten übereinander. Das stößt aber schnell an Grenzen: Jede zusätzliche Schicht schwächt das Licht, das die tieferen Lagen erreicht, und das reflektierte Signal wird schwächer und verrauschter. Heutige Archivscheiben kommen deshalb auf höchstens drei optische Schichten pro Seite. Folio umgeht dieses Problem mit einem anderen Prinzip. Die Folie wird in einem Koextrusionsverfahren hergestellt, bei dem mehrere Kunststofflagen gleichzeitig durch eine Düse gepresst werden, ähnlich wie bei der Produktion von Verpackungsfolien. In einzelne Lagen sind fluoreszierende Farbstoffe eingebettet, die bei Beleuchtung selbst Licht aussenden.
Zum Schreiben richtet ein Laser mit einer Wellenlänge von 405 Nanometern, wie er auch in Blu-ray-Laufwerken steckt, seinen Fokus gezielt auf eine bestimmte Schicht. An den getroffenen Stellen verringert er die Fluoreszenz des Farbstoffs dauerhaft. Beim Lesen tastet der Laser die Schicht erneut ab, und die Elektronik unterscheidet zwischen hell leuchtenden und abgeschwächten Punkten, also zwischen Nullen und Einsen. Weil das Signal nicht reflektiert, sondern von jeder Schicht selbst ausgesendet wird, lassen sich deutlich mehr Lagen übereinander stapeln. Nach Angaben des Unternehmens erreicht die aktuelle Generation 16 Schichten pro Scheibe, geplant sind bis zu 32. Die Discs sind nur einmal beschreibbar: Was einmal gespeichert ist, lässt sich nicht mehr verändern oder löschen. Für ein Archiv ist das kein Nachteil, sondern gewollt, denn dort sollen Daten gerade unverändert erhalten bleiben.
Die erste Generation der Scheiben soll ein bis zwei Terabyte fassen, also das 20- bis 40-Fache einer Blu-ray mit 50 Gigabyte. Zehn Discs will Folio in einer Kassette zusammenfassen, sodass ein einziges Modul zehn Terabyte und mehr aufnimmt. Entscheidend für die Rechenzentren ist jedoch nicht die Kapazität allein, sondern der Preis. Das Unternehmen gibt als Ziel Medienkosten von etwa drei Dollar pro Terabyte an und will langfristig auf einen Dollar kommen. Das ist genau die Marke, die nach Einschätzung von Branchenanalysten die großen Cloudanbieter für Archivmedien erwarten. Zum Vergleich: Magnetbänder, heute der günstigste Archivspeicher, liegen in einer ähnlichen Größenordnung, Festplatten deutlich darüber. Die Kosten sollen vor allem deshalb niedrig bleiben, weil zusätzliche Schichten im Extrusionsverfahren kaum Mehrkosten verursachen: Eine Folie mit 16 Lagen soll sich zum selben Preis herstellen lassen wie eine mit acht.
Ein weiterer Vorteil liegt im Energieverbrauch. Eine Disc im Regal benötigt keinen Strom, solange niemand auf sie zugreift, und stellt nur geringe Anforderungen an Klimatisierung und Luftfeuchtigkeit. Nach Angaben von Folio Photonics soll die Technik gegenüber Festplatten rund 80 Prozent Energie einsparen. Die Lebensdauer der Daten beziffert das Unternehmen auf 50 bis 100 Jahre. Anders als beim Magnetband müssten die Bestände damit nicht mehr alle paar Jahre umkopiert werden, was bei Archiven mit Hunderten Petabyte einen erheblichen Teil der Betriebskosten ausmacht. Hinzu kommt ein Sicherheitsaspekt: Weil die Scheiben nicht wiederbeschreibbar sind, können Angreifer die gespeicherten Daten weder verschlüsseln noch löschen, ein wirksamer Schutz gegen Erpressungssoftware.
Die Idee, Archivdaten auf optischen Scheiben zu lagern, ist nicht neu. Facebook, das heutige Meta, hat bereits vor Jahren Zehntausende Blu-ray-Discs in großen Robotersystemen zur Sicherung von Daten eingesetzt. Sony bietet mit dem Optical Disc Archive ein System an, das auf Blu-ray-Technik basiert und 5,5 Terabyte pro Kassette speichert. Über einen Nischenmarkt sind solche Lösungen aber nie hinausgekommen, weil die Kapazität pro Scheibe zu gering und der Preis pro Terabyte zu hoch blieb. Pläne von Sony und Panasonic für Archivscheiben mit bis zu einem Terabyte wurden schon 2016 angekündigt, eine breite Verbreitung blieb aus. Folio setzt darauf, mit seinem Folienverfahren genau diese Kostenschwelle zu durchbrechen.
Den stärksten Rückenwind liefert inzwischen die künstliche Intelligenz. Sprachmodelle und andere KI-Systeme werden mit gewaltigen Datenmengen trainiert, und diese Datensätze müssen aufbewahrt werden, um Modelle später nachzuvollziehen, zu prüfen oder neu zu trainieren. Folio-Chef Steven Santamaria spricht von einer Wissensschicht, die KI-Systeme künftig benötigen: Alte Daten seien die Intelligenz von morgen. Der Markt für Archivspeicher soll nach Branchenschätzungen bis 2028 weltweit auf mehr als zwölf Milliarden Dollar wachsen. Wer in dieses Geschäft einsteigen will, muss allerdings nicht nur die Medien liefern, sondern auch Laufwerke, Robotersysteme und Software, die sich in bestehende Rechenzentren einfügen lassen. Ein neues Medium braucht außerdem Platz in den Serverschränken, und jeder Betreiber muss abwägen, ob sich der Umstieg von bewährten Bandbibliotheken lohnt.
Folio Photonics wurde 2012 als Ausgründung der Case Western Reserve University in Cleveland gegründet, genauer aus einem von der National Science Foundation geförderten Forschungszentrum für geschichtete Polymersysteme. Gründer ist der Physiker Kenneth Singer, der sich seit Jahrzehnten mit nichtlinearer Optik und organischen Materialien beschäftigt. Das Unternehmen besitzt Patente auf das Grundverfahren und auf eine Methode, mit der sich Datenrate und Speicherdichte bei mehrlagigen Discs erhöhen lassen. Eine erste Alpha-Version des Laufwerks entstand 2024, im vergangenen Jahr folgte eine zweite Beta-Generation. Im Februar 2026 sammelte Folio in einer weiteren Frühphasenrunde rund 2,56 Millionen Dollar ein.
Im Juni 2026 folgte eine Finanzierungsrunde über acht Millionen Dollar, angeführt von den Investoren Material Impact und The O.H.I.O. Fund, wie das Fachportal Blocks and Files berichtete. Das Geld soll den Übergang von der Technologieentwicklung zum Produkt beschleunigen, die Fertigung vorbereiten und die Zusammenarbeit mit großen Cloudanbietern ausbauen, mit denen das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits in Gesprächen steht. Laufwerk und Medien sind so ausgelegt, dass sie mit bestehenden Fertigungsanlagen der Industrie hergestellt werden können. Die Markteinführung ist derzeit für 2027 geplant. Das Technikportal heise online hat die Technik in einem aktuellen Hintergrundbericht unter die Lupe genommen und der Frage nachgespürt, ob optische Speicher mit Terabyte-Kapazität tatsächlich ein Comeback erleben können.
Ein Blick auf die Zeitpläne der vergangenen Jahre mahnt zur Vorsicht. Als Folio 2022 seinen Durchbruch bei mehrlagigen Discs verkündete, war die Markteinführung für 2024 angekündigt, später war von 2026 die Rede, nun ist es 2027. Das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben ein kleines Team von Wissenschaftlern und Ingenieuren, und die bisher eingesammelten Summen sind für ein Vorhaben dieser Größe eher bescheiden. Ein neues Speichermedium benötigt eigene Laufwerke, eigene Bibliothekssysteme und das Vertrauen von Kunden, die ihre Daten für Jahrzehnte darauf ablegen sollen. Genau dieses Vertrauen hat das Magnetband über Jahrzehnte aufgebaut. Zudem fehlen bislang öffentlich belastbare Angaben zur Schreib- und Lesegeschwindigkeit, die im Archivbetrieb über die Wirtschaftlichkeit mitentscheidet. Auch die Haltbarkeit von 50 bis 100 Jahren ist eine Herstellerangabe, denn eine echte Langzeiterfahrung mit dem Material gibt es naturgemäß noch nicht.
Hinzu kommt wachsende Konkurrenz. Microsoft arbeitet mit Project Silica an Speichern aus Quarzglas, das deutsche Start-up Cerabyte an keramisch beschichteten Glasplatten, und Forscher treiben Ansätze voran, bei denen Glas digitales Wissen über Jahrtausende bewahren soll. Solche Verfahren versprechen weit längere Haltbarkeiten, sind aber meist teurer und langsamer. Folio positioniert sich bewusst in der Mitte: günstiger als Glas, langlebiger als Festplatten und ohne das ständige Umkopieren von Bändern. Ob die Rechnung aufgeht, entscheidet sich, sobald die ersten Kassetten in echten Rechenzentren laufen und zeigen, ob die versprochenen Kosten von wenigen Dollar pro Terabyte im Alltag erreichbar sind.