Die EU-Kommission prüft laut Medienberichten eine Technik, die Neuwagen künftig automatisch an geltende Tempolimits anpassen könnte. Statt eines Warntons würde das Fahrzeug seine Geschwindigkeit selbstständig reduzieren, gesteuert über Satellitendaten, Mobilfunk und Kameras. Ab dem Jahr 2030 könnten Millionen Autos betroffen sein. Doch aktuelle Messungen aus Großbritannien werfen die Frage auf, ob die Technik dafür überhaupt zuverlässig genug ist.
Brüssel (Belgien). Überhöhte Geschwindigkeit zählt in Europa zu den häufigsten Ursachen schwerer Verkehrsunfälle. Die Europäische Union hat deshalb in den vergangenen Jahren zahlreiche Assistenzsysteme verpflichtend gemacht, die die Verkehrssicherheit erhöhen sollen. Seit Juli 2022 müssen alle neu entwickelten Fahrzeugtypen und seit Juli 2024 sämtliche in der EU verkauften Neuwagen mit der sogenannten Intelligent Speed Assistance (ISA) ausgestattet sein. Der Geschwindigkeitsassistent ermittelt das geltende Tempolimit über Verkehrszeichenerkennung per Kamera sowie über digitale Karten und warnt den Fahrer optisch oder akustisch, sobald das Auto zu schnell unterwegs ist. In das Fahrgeschehen greift das System bislang jedoch nicht ein. Der Fahrer kann die Warnung ignorieren oder den Assistenten nach dem Start des Fahrzeugs vollständig deaktivieren, was viele Autofahrer wegen der häufigen Warntöne auch tun.
Wie britische Medien übereinstimmend berichten, prüft die EU-Kommission nun offenbar den nächsten Schritt der Geschwindigkeitsüberwachung. Ausgelöst wurde die Debatte durch den Bericht einer britischen Sonntagszeitung, der sich auf anonyme Quellen beruft und innerhalb weniger Tage in ganz Europa aufgegriffen wurde. Demnach wird in Brüssel über eine Weiterentwicklung des Geschwindigkeitsassistenten nachgedacht, die nicht mehr nur warnt, sondern aktiv in die Fahrzeugsteuerung eingreift. Die Rede ist von einer Tempobremse, die die Position des Fahrzeugs über Satellitennavigation bestimmt und das Tempo automatisch an das jeweils geltende Limit anpasst. Betroffen wären dem Bericht zufolge Neuwagen, die ab dem Jahr 2030 verkauft werden. Die Meldung hat eine hitzige Diskussion über Sicherheit, Technik und staatliche Kontrolle ausgelöst, die auch Millionen Autofahrer in Deutschland unmittelbar betreffen könnte.
Die geprüfte Technik würde deutlich über den heutigen Standard hinausgehen. Dem Bericht zufolge soll das System die Fahrzeugposition nicht nur über einen einzelnen GPS-Punkt bestimmen, sondern mehrere Datenquellen kombinieren. Ein Satellitensignal ermittelt den Standort, ein Abgleich über das 5G-Mobilfunknetz prüft die Position gegen digitale Karten und Kameras im Fahrzeug lesen zusätzlich die Verkehrsschilder am Straßenrand. Auch die europäischen Satellitensysteme Galileo und EGNOS könnten dabei eine zentrale Rolle spielen, weil sie eine metergenaue Ortung ermöglichen. Fährt ein Auto mit 85 km/h in eine Zone, in der 50 km/h erlaubt sind, soll die Elektronik die Motorleistung selbstständig reduzieren und das Fahrzeug so auf das zulässige Tempo bringen. Ein kurzfristiges Übersteuern durch den Fahrer bliebe möglich, etwa um zu überholen oder einer Gefahr auszuweichen. Dauerhaft schneller als erlaubt zu fahren, wäre mit der Zwangsdrossel hingegen ausgeschlossen.
Grundlage der Überlegungen ist der bereits heute verpflichtende Geschwindigkeitsassistent, dessen Einführung die Europäische Kommission mit der Generellen Sicherheitsverordnung von 2019 beschlossen hat. Das aktuelle System arbeitet als reine Assistenzfunktion, bei der der Fahrer jederzeit die volle Kontrolle über das Tempo behält. Schon bei der Einführung verwiesen die Behörden darauf, dass bereits geringfügig reduzierte Geschwindigkeiten die Zahl und Schwere von Unfällen deutlich senken. Nach Schätzungen der EU fahren zwischen 40 und 50 Prozent aller Autofahrer schneller als erlaubt, und mit jedem zusätzlichen Kilometer pro Stunde über dem Limit steigt das Unfallrisiko messbar an. Aus Sicht der Befürworter wäre eine automatische Begrenzung deshalb der logische nächste Schritt, um die Zahl der Verkehrstoten in Europa weiter zu senken. In Deutschland wird parallel seit Langem diskutiert, ob ein generelles Tempolimit auf Autobahnen die Zahl der Unfälle und Verkehrstoten ebenfalls deutlich reduzieren würde.
Die EU-Kommission selbst bemüht sich unterdessen, die Berichte einzuordnen und die Debatte zu beruhigen. Auf Anfrage mehrerer Medien erklärte eine Sprecherin, die Kommission prüfe keine künftigen Versionen der Intelligent Speed Assistance mit einer verpflichtenden Begrenzung der Fahrzeuggeschwindigkeit, entsprechende Berichte seien nicht zutreffend. Ein weiterer Sprecher bezeichnete die Gespräche als rein explorativ, also als frühe Gedankenspiele ohne konkreten Gesetzesentwurf. Tatsächlich enthalten die öffentlich zugänglichen Dokumente der Kommission, des Europäischen Parlaments und des Rates derzeit keinen Vorschlag für eine verpflichtende satellitengestützte Tempobremse. Ob und wann aus der Idee ein offizielles Gesetzgebungsverfahren wird, ist damit völlig offen. Die Meldung zeigt jedoch, wie sensibel das Thema automatischer Eingriffe in das Fahrverhalten in Europa inzwischen ist und wie schnell einzelne Berichte eine breite öffentliche Debatte auslösen können.
Unabhängig von der Frage, ob die Pläne jemals umgesetzt werden, stellen Experten die Zuverlässigkeit der zugrunde liegenden Technik infrage. Das britische Forschungsinstitut Thatcham Research hat kürzlich untersucht, wie präzise die bereits verpflichtenden ISA-Systeme geltende Tempolimits erkennen. Nach der offiziellen Messmethode, die die Genauigkeit über die gefahrene Strecke mittelt, erreichte das schwächste getestete Fahrzeug 91,3 Prozent. Wurde jedoch jede einzelne Änderung des Tempolimits separat bewertet, sank die Trefferquote auf 74,3 Prozent. Das System zeigte damit bei rund jedem vierten Wechsel des Limits einen falschen Wert an. Selbst das beste Fahrzeug im Test, das über die Distanz 98,39 Prozent erreichte, lag bei den einzelnen Ereignissen nur bei 90,3 Prozent. Würde ein automatisches System auf Basis solcher Fehler plötzlich stark abbremsen, könnte das den nachfolgenden Verkehr gefährden.
Neben der Technik steht auch der Grundsatz in der Kritik. Britische Fahrerverbände halten den Vorstoß für kaum umsetzbar, weil ein System, das aktiv in die Fahrzeugsteuerung eingreift, praktisch fehlerfrei arbeiten müsste. Politiker warnen zudem vor einem Big-Brother-Szenario, bei dem Fahrzeuge dauerhaft geortet werden und Hacker oder feindliche Staaten die Kontrolle über die Steuerung missbrauchen könnten. Studien zeigen außerdem, dass Fahrerassistenzsysteme das Verhalten am Steuer verändern und teilweise zu mehr Unaufmerksamkeit führen, wenn sich Fahrer zu stark auf die Technik verlassen. Befürworter halten dagegen, dass überhöhte Geschwindigkeit weiterhin zu den häufigsten Ursachen tödlicher Unfälle gehört und die Verkehrssicherheit von einer konsequenten Einhaltung der Limits erheblich profitieren würde. Die Diskussion über die Tempobremse aus dem All dürfte Europa deshalb noch lange begleiten, selbst wenn Brüssel derzeit offiziell abwinkt.