Dennis L.
Ein Start-up berichtet von einem Test, bei dem eine Botschaft im Klartraum weitergegeben worden sein soll. Zwischen zwei Signalen sollen nur 8 min gelegen haben. Ob die Elektroenzephalographie und weitere Kanäle das wirklich belegen, hängt an Details der Auswertung. Entscheidend ist, wie strikt Schlafphasen, Zeitstempel und Fehlerwahrscheinlichkeit dokumentiert wurden.
Klarträume wirken wie ein Sonderfall der Nacht: Der Träumer erlebt eine normale Traumwelt, merkt aber zugleich, dass er träumt und kann Entscheidungen gezielt steuern. Diese Mischung aus Schlaf und bewusster Kontrolle macht den Klartraum für die Forschung attraktiv, weil er eine seltene Möglichkeit bietet, inneres Erleben mit messbaren Signalen zu koppeln. Gleichzeitig bleibt vieles unscharf, denn Träume sind flüchtig, subjektiv und oft erst nach dem Aufwachen erinnerbar. Um aus Berichten über die Nacht verlässliche Daten zu gewinnen, braucht es deshalb klare Kriterien, Wiederholbarkeit und eine sorgfältige Dokumentation. Schon kleine Unterschiede in Erwartung, Training oder Schlafqualität können darüber entscheiden, ob ein Klartraum überhaupt auftritt und ob der Träumer sich später an Details erinnert. In der öffentlichen Debatte tauchen immer wieder technische Versprechen auf, die aus Träume eine Art Kommunikationskanal machen wollen, doch zwischen Faszination und Belegbarkeit liegt ein weiter Weg.
Damit aus einer Erzählung eine überprüfbare Beobachtung wird, verlassen sich Forscher auf Polysomnographie mit mehreren parallel aufgezeichneten Signalen. Besonders wichtig sind elektrische Hirnaktivität, Atmung und die Muster der Augenbewegungen, weil sie helfen, Schlafstadien zuverlässig zu bestimmen und kurze Aufwachmomente zu erkennen. Im REM Schlaf ist das Gehirn oft sehr aktiv, während der Körper weitgehend entspannt bleibt, und gerade dann berichten viele Menschen von lebhaften Träumen. Für Experimente zählt nicht nur, ob jemand etwas träumt, sondern ob der Zeitpunkt der Reaktion eindeutig im Schlaf liegt und ob das Signal mit der Aufgabe zusammenpasst. Je stärker Technik in diese Phase eingreift, desto wichtiger werden Fragen nach Messfehlern, nach der Trennung von Wunsch und Befund und nach der späteren Auswertung durch unabhängige Gutachter.
Die aktuelle Nachricht dreht sich um die Behauptung eines Start-ups, erstmals habe eine Form von Traumkommunikation zwischen zwei schlafenden Personen funktioniert. Der Kern solcher Versuche ist meist nicht ein frei geführtes Gespräch, sondern eine sehr einfache Informationseinheit, etwa ein einzelnes Wort oder eine Ja Nein Antwort, die später beim Aufwachen korrekt wiedergegeben wird. Genau hier beginnt die wissenschaftliche Abgrenzung: Ein Treffer kann auf echte Übertragung hindeuten, er kann aber auch durch Zufall, durch unbewusste Hinweise im Wachzustand oder durch kurze Mikroaufwachphasen entstehen. Für einen belastbaren Befund muss klar sein, wann die Botschaft übermittelt wurde, wie die Botschaft erzeugt und gespeichert wurde und wie ausgeschlossen wurde, dass der Empfänger sie bereits vor dem Schlaf kannte. Auch die Frage, ob beide Personen gleichzeitig im Klartraum waren oder ob ein zeitversetzter Austausch über ein technisches Zwischensystem stattfand, entscheidet darüber, was das Ergebnis überhaupt bedeutet.
Eine wichtige Referenz ist die interaktive Kommunikation mit einem einzelnen Träumer, die bereits unter kontrollierten Bedingungen gezeigt wurde. In der Current Biology Studie 2021 nutzten Teams fest vereinbarte Augenbewegungen und gezielte Gesichtsbewegungen, um während des Schlafs Antworten zu codieren, und sie kombinierten die Signale mit der Auswertung erfahrener Schlafscorer. Solche Protokolle zeigen, dass Traumkommunikation prinzipiell möglich ist, wenn der Klartraum eindeutig verifiziert wird und wenn die Aufgabe so gestaltet ist, dass Zufallstreffer selten bleiben. Sie zeigen aber auch, wie anspruchsvoll die Umgebung ist: Im Schlaflabor werden Störungen, Geräusche und Bewegungen dokumentiert, und die Muskelaktivität kann als Artefakt oder als echte Antwort erscheinen. Wer nun behauptet, zwei schlafende Personen hätten Informationen ausgetauscht, muss mindestens die gleiche Strenge erreichen, sonst bleibt es bei einer spektakulären Erzählung.
Ob eine Botschaft wirklich im Traum entstand, lässt sich nur über harte Messdaten beurteilen. Im Zentrum steht die Elektroenzephalographie, die typische Muster verschiedener Schlafstadien sichtbar macht und zusammen mit Atmung und Herzschlag Hinweise auf Aufwachen liefert. Dazu kommen Ableitungen der Augenbewegungen und Sensoren, die kleinste Änderungen der Muskelaktivität erfassen, weil viele Protokolle Antworten als definierte Blickfolgen oder als gezielte Spannungen codieren. Für eine Behauptung außerhalb eines Schlaflabor zählt zusätzlich, wie stabil die Sensoren sitzen, wie Signalverluste erkannt werden und wie mit Störungen durch Lagewechsel oder Sprechen im Halbschlaf umgegangen wird. Wenn ein System mit einem Server arbeitet, der Schlafphasen erkennt und zu festen Zeitfenstern Reize einspielt, muss die gesamte Zeitachse lückenlos dokumentiert werden, sonst ist unklar, ob ein Treffer im Traum oder kurz davor entstand.
Ein Beispiel für einen strengeren Zwischenweg liefert eine Arbeit, die Antworten aus dem Klartraum nicht an eine zweite Person, sondern an ein Computersystem koppelt. In der IJoDR Studie 2024 wurden im REM Schlaf vorab vereinbarte Augenbewegungen zur Verifikation genutzt und die Steuerbefehle über Muskelaktivität als elektrische Signale erfasst, wodurch sich ein virtuelles Objekt in Echtzeit bewegen ließ. Solche Designs machen sichtbar, wo die Hauptprobleme liegen: Wie sauber sind die Signale, wie häufig treten sie ohne Aufgabe auf und wie gut lassen sie sich zwischen Personen vergleichen. Für echte Traumkommunikation zwischen zwei Schlafenden käme eine zusätzliche Fehlerquelle hinzu, nämlich die Speicherung und Übertragung der Botschaft, die unabhängig von der Traumphase funktionieren kann. Je mehr Zwischenschritte beteiligt sind, desto wichtiger wird die vollständige Offenlegung aller Daten und der Softwarelogik.
Falls sich ein zuverlässiger Austausch im Klartraum bestätigen ließe, wären die Anwendungen vielfältig, von der Therapie belastender Albträume bis zu neuen Trainingsformen, bei denen Aufgaben im Traum geübt und anschließend überprüft werden. Schon heute gibt es Klartraum Geräte, die mit Lichtreizen oder Klang arbeiten, um die Wahrscheinlichkeit von Klarträumen zu erhöhen, und die dabei sensiblen Schlafverlauf mitschneiden. Genau deshalb rückt Datensicherheit in den Mittelpunkt: Schlafdaten enthalten Muster über Gesundheit, Tagesform und Gewohnheiten, und sie können in Kombination mit anderen Daten sehr persönlich werden. Wenn Botschaften aus dem Traum als Datenpakete gespeichert oder weitergeleitet werden, stellen sich Fragen nach Einwilligung, Zugriff und der technischen Trennung zwischen Messung und Inhalt. Für Forscher wird damit nicht nur die Genauigkeit der Sensorik, sondern auch der Umgang mit den Daten zu einem zentralen Teil des Experimentdesigns.
Der wichtigste nächste Schritt ist deshalb nicht ein größerer Marketingbegriff, sondern eine transparente Prüfung durch unabhängige Teams. Dazu gehören eine Vorregistrierung der Hypothesen, Rohdaten für die Elektroenzephalographie und die übrigen Kanäle, sowie eine Beschreibung der Algorithmen, mit denen Schlafphasen erkannt und Stimuli ausgelöst werden. Ebenso wichtig sind negative Ergebnisse, etwa Nächte ohne Klartraum oder Durchläufe, in denen die Antwort nicht eindeutig war, weil sie zeigen, wie robust das Verfahren wirklich ist. Wenn eine Traumkommunikation zwischen zwei Personen real existiert, sollte sie sich in mehreren Wiederholungen mit klarer Trefferstatistik und reproduzierbaren Zeitstempeln zeigen und auch dann bestehen, wenn Auswerter verblindet sind. Erst auf dieser Basis lässt sich einschätzen, ob es sich um einen Messfehler, einen Zufallstreffer oder um einen echten neuen Kommunikationskanal im Schlaf handelt.
Current Biology, Real-time dialogue between experimenters and dreamers during REM sleep; doi:10.1016/j.cub.2021.01.026
International Journal of Dream Research, Two-way control of a virtual avatar from lucid dreams; doi:10.11588/ijodr.2024.1.100322