Digitale Gewohnheiten

Zwillinge verändern den Blick auf Bildschirmzeit und Depressionen

 Dennis Lenz

Zwillinge verändern den Blick auf Bildschirmzeit und Depressionen
(Symbolbild) Der Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und psychischer Gesundheit wurde anhand langjähriger Zwillingsdaten untersucht. Der Vergleich innerhalb derselben Familie verändert die Einordnung auffälliger Zusammenhänge. Dabei unterscheiden sich verschiedene Nutzungsarten und Altersstufen. Die Untersuchung liefert keine pauschale Entwarnung für intensive Bildschirmnutzung. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Zwillinge liefern neue Hinweise darauf, warum lange Bildschirmzeit und Depressionen häufig zusammen auftreten. Eine Untersuchung mit 21.797 schwedischen Zwillingen bestätigt zunächst auffällige Zusammenhänge. Beim Vergleich innerhalb derselben Familie werden viele davon jedoch deutlich schwächer. Gemeinsame Voraussetzungen könnten einen Teil der Verbindung erklären, ohne einen Einfluss der Bildschirmnutzung auszuschließen.

Mehr als sechs Stunden täglich mit Computerspielen, Chatten oder Surfen: Jugendliche mit einer derart intensiven Nutzung berichteten häufiger psychische Beschwerden als Gleichaltrige mit höchstens zwei Stunden. Auch spätere klinische Erkrankungen waren in dieser Gruppe häufiger dokumentiert. Erst der zweite Vergleich veränderte die Aussage. Wenn die Forscher nicht beliebige Jugendliche einander gegenüberstellten, sondern Geschwister desselben Zwillingspaars, schrumpften viele der Unterschiede. Das Team um Tong Gong und Yi Lu veröffentlichte seine Ergebnisse am 8. Oktober 2026 in Nature Human Behaviour und beschreibt darin eine mögliche Verzerrung verbreiteter Annahmen. Intensive Bildschirmnutzung könnte teilweise mit Merkmalen zusammenhängen, die zugleich die psychische Gesundheit beeinflussen. Dann wäre die gezählte Zeit vor dem Bildschirm nicht allein für den gesamten beobachteten Unterschied verantwortlich. Genau diese Trennung zwischen gemeinsamem Auftreten und möglicher Ursache steht im Mittelpunkt.

Die Daten stammen aus der langfristig angelegten Child and Adolescent Twin Study in Sweden, kurz CATSS. Die Ausgangsstichprobe umfasste 21.797 einzelne Zwillinge, nicht ebenso viele Zwillingspaare. Im Kindesalter machten die Eltern Angaben zur Nutzung und zu psychischen Beschwerden. Später beantworteten die Jugendlichen selbst entsprechende Fragen. Die Auswertung verband Erhebungen im Alter von neun, 15, 18 und 24 Jahren, wobei nicht von jedem Teilnehmer sämtliche Angaben vorlagen. Mit 15 Jahren beteiligten sich 16.027 der ursprünglich erfassten Zwillinge, mit 18 Jahren 13.050 und mit 24 Jahren noch 5.772. Zusätzlich verknüpften die Forscher einen Teil der Befragungsdaten mit schwedischen Gesundheitsregistern. Dadurch konnten sie sowohl berichtete Symptome als auch spätere Diagnosen von Depressionen und Angststörungen sowie Medikamentenabgaben berücksichtigen. Die Untersuchung blickt somit über eine einzelne Schulwoche hinaus. Sie erfasst aber keine durchgängige digitale Aufzeichnung dessen, was jedes Kind Tag für Tag am Bildschirm tat.

Warum der Zwillingsvergleich die Perspektive verändert

Eineiige Zwillinge teilen die geerbten genetischen Voraussetzungen und wesentliche Teile ihres familiären Umfelds. Zweieiige Zwillinge wachsen ebenfalls in derselben Familie auf, teilen aber im Durchschnitt nur etwa die Hälfte der variierenden genetischen Ausstattung. Das macht beide Gruppen für unterschiedliche Vergleiche interessant. Wenn innerhalb eines Paars einer mehr Zeit mit Bildschirmen verbringt als der andere, sind viele Voraussetzungen bereits ähnlicher als zwischen Jugendlichen aus verschiedenen Familien. Der Ansatz kann deshalb Einflüsse berücksichtigen, die sich in gewöhnlichen Befragungen nur schwer vollständig erfassen lassen. In der neuen Untersuchung schwächten sich Zusammenhänge innerhalb zweieiiger Paare ab, häufig noch stärker innerhalb eineiiger Paare. Das Muster passt zu einem Beitrag gemeinsamer genetischer und familiärer Faktoren. Es benennt jedoch weder ein einzelnes verantwortliches Gen noch eine bestimmte Erziehungsweise. Der Vergleich untersucht zunächst die gemeinsame Wirkung solcher Voraussetzungen, nicht ihre vollständige Aufteilung in voneinander unabhängige Ursachen.

Welche Bildschirmzeit besonders auffiel

Die Forscher unterschieden interaktive Aktivitäten wie Computerspiele, Chatten und Surfen von eher passiven Tätigkeiten wie Fernsehen oder Videoschauen. Die deutlichsten Zusammenhänge fanden sich im Jugendalter und bei den interaktiven Aktivitäten. Mit 15 und 18 Jahren ging eine längere Nutzung in der Gesamtstichprobe mit höheren Werten für depressive oder angstbezogene Symptome einher. Bei Mädchen waren diese gleichzeitig gemessenen Zusammenhänge teilweise stärker ausgeprägt als bei Jungen. Für spätere klinische Erkrankungen ergab sich dagegen kein entsprechend klares durchgängiges Geschlechtermuster. Fernsehen und Videos zeigten in mehreren Auswertungen schwächere oder keine statistisch gesicherten Verbindungen zu späteren Problemen. Die Unterscheidung bleibt grob: Ein Spiel kann ohne sozialen Austausch stattfinden, während beim Anschauen eines Videos zugleich Kommentare und Nachrichten gelesen werden. Die Kategorien beschreiben die erfassten Angaben, nicht eine eindeutige biologische Grenze zwischen schädlichen und ungefährlichen Bildschirmhandlungen. Einzelne Spiele oder Plattformen wurden damit nicht bewertet.

Was aus dem auffälligen Risiko für spätere Erkrankungen wurde

Besonders anschaulich ist die Auswertung der 15-Jährigen. Bei mehr als sechs Stunden interaktiver Nutzung an Wochentagen lag das berechnete Verhältnis der späteren Erkrankungsraten zunächst bei 3,37 gegenüber höchstens zwei Stunden. Für die entsprechende Wochenendnutzung betrug es 2,30. Solche sogenannten Hazard Ratios beschreiben relative Erkrankungsraten während der Nachbeobachtung und nicht den Anteil aller Jugendlichen, die zwangsläufig krank werden. Im Vergleich innerhalb der Zwillingspaare sank der Wert für die intensive Nutzung an Wochentagen auf 1,65. Auch dieser Schätzwert lag über eins, war nach Berücksichtigung der vielen statistischen Prüfungen jedoch nicht mehr gesichert. Die Originalmeldung des Karolinska Institutet betont deshalb, dass die Verbindungen nicht einfach vollständig verschwanden. Die Ergebnisse sprechen für einen erheblichen Beitrag gemeinsamer Voraussetzungen, nicht für den Nachweis völliger Harmlosigkeit. Ein verbleibender direkter Einfluss lässt sich mit diesen Daten weder sicher beziffern noch ausschließen.

Die Gesundheitsregister ergänzen die Fragebögen um eine andere Perspektive. Ein hoher Symptomwert ist nicht automatisch eine ärztlich gestellte Diagnose. Umgekehrt erreichen Register vor allem Menschen, deren Beschwerden im Versorgungssystem erfasst wurden. Die Forscher berücksichtigten Diagnosen aus Krankenhausbehandlungen und fachärztlichen Kontakten sowie zusätzlich die Abgabe von Antidepressiva. Letztere kann Hinweise auf eine Behandlung außerhalb dieser Einrichtungen geben, ist aber nicht völlig eindeutig. Solche Medikamente können auch aus anderen Gründen verordnet werden. Deshalb untersuchten die Autoren zusätzlich strengere Varianten der Medikamentenerfassung. Die Verbindung dieser Datenquellen macht die Auswertung umfassender, beseitigt aber nicht jeden Unterschied zwischen Beschwerden, Behandlung und Erkrankung. Für Teile der Kohorte reichte die Nachbeobachtung bis ins Alter von 28 Jahren. Das bedeutet nicht, dass sämtliche 21.797 Teilnehmer so lange begleitet wurden. Die jeweilige Auswertung hing davon ab, welche Befragungs- und Registerdaten für eine Person verfügbar waren.

Warum auch die umgekehrte Richtung wichtig ist

Der Zusammenhang könnte in beide Richtungen verlaufen. Deshalb prüfte das Team nicht nur, ob frühere Bildschirmnutzung mit späteren Beschwerden verbunden war. Es untersuchte auch, ob frühere Beschwerden eine intensivere spätere Nutzung vorhersagten. Dafür fand sich ein schwächerer, aber erkennbarer Zusammenhang: Höhere Symptomwerte mit 15 Jahren gingen mit etwas intensiverer interaktiver Nutzung im Alter von 18 Jahren einher. Die Daten liefern damit einen Grund, nicht jede intensive Nutzung als Ausgangspunkt eines psychischen Problems zu behandeln. Sie könnte teilweise auch eine Reaktion auf bereits vorhandene Schwierigkeiten sein. Warum eine einzelne Person häufiger spielt oder chattet, wurde dadurch allerdings nicht geklärt. Ebenso wenig folgt daraus, dass die umgekehrte Richtung die gesamte Verbindung erklärt. Die beobachteten zeitlichen Zusammenhänge passen vielmehr zu einem komplexeren Wechselspiel. Bildschirmgewohnheiten, psychische Verfassung und gemeinsame Voraussetzungen können ineinandergreifen, statt sich in eine einzige Kette aus Ursache und Wirkung einordnen zu lassen.

Welche Grenzen selbst Zwillinge nicht beseitigen

Auch eineiige Zwillinge erleben nicht jeden Teil ihres Alltags gemeinsam. Freundschaften, individuelle Erfahrungen und bestimmte Freizeitaktivitäten können sich unterscheiden. Solche nicht geteilten Einflüsse bleiben für die Auswertung bedeutsam. Die Forscher berücksichtigten in zusätzlichen Analysen unter anderem frühere körperliche Aktivität und Mobbingerfahrungen, soweit entsprechende Angaben vorhanden waren. Das veränderte die zentralen Ergebnisse nur wenig, schließt weitere unbeobachtete Faktoren aber nicht aus. Hinzu kommt die Messung der Bildschirmzeit: Sie beruhte auf Angaben der Eltern oder Jugendlichen, nicht auf Gerätezählern. Unpräzise Erinnerungen können gerade den Unterschied innerhalb eines Paars verzerren. Für aussagekräftige Paarvergleiche müssen zudem beide Personen passende Daten aufweisen und sich in der untersuchten Nutzung unterscheiden. Daher war die verfügbare Zahl solcher Paare kleiner als die gesamte Stichprobe. Ein statistisch nicht gesicherter Restzusammenhang kann deshalb auch an begrenzter Genauigkeit liegen. Er ist nicht gleichbedeutend mit einem bewiesenen Effekt von exakt null.

Was die Ergebnisse für die heutige Bildschirmdebatte bedeuten

Die Datenerhebung begann 2004, also vor der heutigen Verbreitung von Smartphones und sozialen Medien. Die Arbeit nutzt auch spätere Befragungen, bildet aber nicht genau ab, wie Jugendliche aktuelle Plattformen verwenden. Stundenangaben verraten außerdem wenig über Inhalte, Motive und konkrete Erlebnisse. Zwei Personen können gleich lange online sein und dabei völlig unterschiedliche Erfahrungen machen. Die Autoren nennen deshalb die Art der Aktivität, die Gründe ihrer Nutzung und die verdrängten Freizeitbeschäftigungen als wichtige Fragen weiterer Forschung. Der Zwillingsvergleich liefert keine neue allgemein gültige erlaubte Stundenzahl. Die Grenzen von zwei und sechs Stunden waren Vergleichskategorien der Auswertung und keine ermittelten medizinischen Schwellenwerte. Sein Beitrag liegt vielmehr darin, eine scheinbar einfache Erklärung genauer zu prüfen: Intensive Bildschirmnutzung und psychische Probleme gehören zusammen, aber ein Teil dieser Verbindung entsteht offenbar durch Voraussetzungen, die beide beeinflussen. Ein bloßer Blick auf die Uhr reicht nicht aus, um dieses Verhältnis vollständig zu erklären.

Nature Human Behaviour, Recreational screen use and internalizing problems from preadolescence to young adulthood in a longitudinal twin cohort with co-twin comparison; doi:10.1038/s41562-026-02607-0

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