Persönlichkeit

Wird Narzissmus in Familien vererbt oder durch die Erziehung geprägt?

 Robert Klatt

Mann mit narzisstischen Persönlichkeitszügen )moc.sotohptisoped1kuhcbocay(Foto: © 

Narzissmus tritt in manchen Familien überdurchschnittlich oft auf. Nun wurde analysiert, ob dies an der Erziehung liegt oder ob genetische Faktoren die Häufung auslösen.

Bielefeld (Deutschland). Personen mit narzisstischen Persönlichkeitszügen haben ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, halten sich für besonders wichtig und sind der Ansicht, dass sie anderen Menschen überlegen sind. Sie haben deshalb oft ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, zeigen starke Reaktionen auf Kritik, haben wenig Empathie und besitzen oft sexuelle Fantasien, die sich deutlich vom Durchschnitt unterscheiden. In gewissen Maßen treten diese Persönlichkeitsmerkmale bei vielen Menschen auf. Wenn sie sehr stark ausgeprägt sind, spricht man in der Psychologie von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, einer psychischen Krankheit, die das Leben der betroffenen Person und ihres Umfelds deutlich beeinträchtigen kann.

Es ist bekannt, dass innerhalb von Familien überdurchschnittlich oft Narzissmus auftritt. In der Forschung ging man deshalb seit Langem davon aus, dass dies an der Erziehung und am familiären Umfeld liegt. Forscher der Universität Bielefeld haben nun eine Studie publiziert, die untersucht hat, ob das soziale Umfeld und die Erziehung tatsächlich für die Entstehung von Narzissmus verantwortlich sind oder ob dies durch andere Faktoren, etwa die Gene, ausgelöst wird.

Daten von 6.715 Probanden

Sie haben dazu Daten von 6.715 Personen aus dem 2013 gestarteten Projekt „TwinLife“ analysiert, darunter Zwillinge, nicht zwillingsgeborene Geschwister, Eltern sowie Partner der Eltern. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurden in Altersgruppen unterteilt, die im Mittel 15, 21 und 27 Jahre alt waren. Laut den analysierten Daten ist Narzissmus vor allem genetisch bedingt und wird nicht durch die Erziehung ausgelöst.

„Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass Narzissmus in Familien zwar gehäuft vorkommt, diese Ähnlichkeit aber überwiegend genetisch vermittelt ist. Die verbreitete Annahme, dass das familiäre Umfeld und der Erziehungsstil der zentrale Ursprung narzisstischer Unterschiede seien, ist nicht länger haltbar.“

Wie die Forscher erklären, hat ihre Studie eine Methode genutzt, die über klassische Zwillingsstudien hinausgeht. Neben Zwillingen hat ihr sogenanntes erweitertes Zwillingsfamiliendesign auch Eltern und Geschwister, die nicht zu Zwillingen gehören, einbezogen. Es war dadurch möglich, die Einflüsse der Erziehung und der Gene getrennt voneinander zu betrachten.

„Die besondere Stärke von TwinLife liegt darin, dass wir nicht nur Zwillinge vergleichen, sondern Familienkonstellationen sehr viel breiter erfassen.“

Die Analyse zeigt, dass Narzissmus jeweils halb auf genetische Faktoren und halb auf individuelle Umwelteinflüsse zurückgeht. Geteilte familiäre Umweltfaktoren haben hingegen nahezu keinen Einfluss auf die Entstehung dieses Persönlichkeitsmerkmals. Laut den Wissenschaftlern haben die Erkenntnisse umfassende Auswirkungen auf weitere Studien zur Entwicklung narzisstischer Persönlichkeitszüge. Diese sollten sich laut ihnen weniger stark auf das familiäre Umfeld fokussieren und stattdessen das Umfeld außerhalb der Familie stärker einbeziehen, etwa Partnerschaften und Erfahrungen mit Gleichaltrigen.

Quellen:

Pressemitteilung der Universität Bielefeld

Studie im Fachmagazin Social Psychological and Personality Science, doi: 10.1177/19485506261429556

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