Ein Spiegeltrick kann Menschen binnen 60 Sekunden das Gefühl geben, einen zusätzlichen Finger zu besitzen. Danach schätzen sie ihre Hand breiter ein und halten auch größere Gegenstände für greifbar. Der sechste Finger existiert nur als Wahrnehmung, verändert aber messbar, welche Bewegungen die Versuchspersonen ihrer Hand zutrauen. Besonders überraschend ist, dass ein Teil dieses Effekts sogar bei Menschen auftaucht, die den zusätzlichen Finger bewusst kaum spüren.
Denise Cadete und ihre Kollegen von Birkbeck, University of London, untersuchten dafür, wie schnell sich die innere Vorstellung der eigenen Hand verändern lässt. Im Zentrum stand ein sechster Finger, der weder als Prothese noch als sichtbares künstliches Körperteil vorhanden war. Die Forscher nutzten stattdessen einen senkrechten Spiegel, synchrones Berühren und einen kleinen Bereich leerer Tischfläche neben dem gespiegelten kleinen Finger. Aus dieser widersprüchlichen Kombination von Sehen und Fühlen entsteht bei vielen Menschen eine erstaunlich konkrete Empfindung: Der Körper scheint an einer Stelle weiterzugehen, an der tatsächlich nur Luft und Tisch liegen.
Für die aktuelle Untersuchung nahmen 50 gesunde Erwachsene teil, darunter 32 Frauen; fast alle waren Rechtshänder. Jeder Teilnehmer absolvierte sowohl die eigentliche Illusionsbedingung als auch eine Kontrollbedingung, wobei die Reihenfolge wechselte. Die linke Hand lag verdeckt hinter dem Spiegel, die rechte sichtbar davor. Weil das Spiegelbild der rechten Hand räumlich an der Position der verborgenen linken Hand erschien, konnte das visuelle System beide Eindrücke leicht zu einer gemeinsamen Handdarstellung verbinden.
Zunächst strich der Versuchsleiter paarweise über entsprechende Finger beider Hände, damit Sehen und Tastsinn zeitlich eng gekoppelt blieben. Am kleinen Finger änderte sich die Situation: Die verborgene linke Hand wurde an ihrer Außenseite berührt, während der zweite Reiz sichtbar knapp außerhalb des gespiegelten kleinen Fingers über die leere Fläche lief. In der eigentlichen Bedingung folgten 20 synchrone Bewegungen an genau diesen beiden Orten; in der Kontrolle landete der sichtbare Reiz direkt auf dem kleinen Finger. Das Gehirn erhielt damit einen realen Tastreiz, dessen scheinbare visuelle Ursache außerhalb der anatomischen Hand lag.
Solche Versuche gehören zur Forschung über multisensorische Körperrepräsentation, also darüber, wie Sehen, Berührung und Stellungssinn zu einem laufend aktualisierten Modell des eigenen Körpers verschmelzen. Ähnliche Grundprinzipien sind aus der Gummihand-Illusion bekannt, doch der zusätzliche Finger ist besonders ungewöhnlich, weil das Gehirn hier keinen vorhandenen Gegenstand übernehmen muss. Es weist vielmehr einem leeren Bereich neben der Hand eine körperliche Bedeutung zu. Dass Wahrnehmung auf diese Weise reale räumliche Urteile verändert, passt zu anderen Befunden, nach denen etwa Angst die Wahrnehmung von Distanzen verändert.
Nach der Stimulation verschwanden die Hände unter einer Abdeckung, damit die Teilnehmer ihre Finger nicht einfach ansehen und neu vermessen konnten. Anschließend schätzten sie, welche Gegenstände sie mit der verborgenen linken Hand umfassen könnten. Dafür lagen 16 quadratische Platten aus Schaumstoff bereit, die schrittweise größer wurden. Die Testpersonen mussten jeweils angeben, ob Daumen und Finger die gegenüberliegenden Kanten noch sicher erreichen würden, ohne den Versuch sofort praktisch auszuführen.
Die Schätzungen verschoben sich nach der Illusion in Richtung größerer Greifweiten. Im Mittel stieg das Verhältnis zwischen geschätzter und tatsächlich erreichbarer Spannweite von 0,98 auf 1,01. Damit überschritten die Teilnehmer nach dem Spiegeltrick im Durchschnitt knapp die Grenze ihrer realen Hand, während sie sich in der Kontrollsituation leicht unterschätzten. Der Unterschied ist klein, aber systematisch und wichtig, weil er nicht bloß eine verbale Beschreibung eines seltsamen Gefühls erfasst, sondern eine konkrete Handlungsmöglichkeit.
Ein zweiter Test fragte nicht nach Greifen, sondern nach der kleinsten Öffnung, durch die die geschlossene Hand passen würde. Dazu sahen die Teilnehmer einen Rahmen mit schwarzen, blendenartigen Elementen, dessen freie Weite zwischen 2,7 und 18 Zentimetern verändert werden konnte. Sie nannten den Punkt, an dem ihre verborgene Hand ihrer Einschätzung nach gerade noch hindurchpassen sollte. Erst später wurde die tatsächliche Grenze gemessen, sodass die Forscher Wahrnehmung und physische Möglichkeit direkt miteinander vergleichen konnten.
Hier war der Effekt deutlicher als beim Greifen: Das Verhältnis von geschätzter zu realer Öffnungsgröße verschob sich von 0,92 auf 0,97. Die Hand wurde also nach der Illusion als breiter behandelt. Parallel sank der Anteil der Personen, die ihre nötige Öffnung unterschätzten, von 72 auf 58 Prozent. Der zusätzliche Finger veränderte damit nicht nur das subjektive Körpergefühl, sondern auch die Grenze, die das Wahrnehmungssystem zwischen eigener Hand und umgebendem Raum zog.
Besonders aufschlussreich war die Trennung zwischen bewusster Empfindung und räumlicher Einschätzung. Auf einer Skala von null bis zehn bewerteten die Teilnehmer, wie stark sie tatsächlich das Gefühl eines zusätzlichen Fingers erlebt hatten. 22 Personen meldeten nur sehr geringe oder gar keine bewusste Empfindung. Trotzdem verschob sich auch in dieser Gruppe die Einschätzung der nötigen Durchgangsbreite in dieselbe Richtung wie bei den Teilnehmern mit deutlicher Illusion.
Die Autoren interpretieren dieses Muster als Hinweis darauf, dass die flexible Körperkarte auf mehreren Ebenen arbeitet. Ein Mensch muss also nicht ausdrücklich denken oder fühlen, seine Hand habe plötzlich sechs Finger, damit synchrones Sehen und Berühren die Berechnung möglicher Handlungen verändert. Für Psychologen ist das interessant, weil Handlungsplanung ständig auf solchen unbewussten Körpermaßen beruht, etwa beim Durchgreifen einer Lücke, beim Aufheben eines Glases oder beim Einschätzen eines engen Durchgangs.
Frühere Arbeiten derselben Forschungsrichtung hatten bereits gezeigt, wie ungewöhnlich tolerant diese Illusion gegenüber anatomisch absurden Varianten ist. Versuchspersonen konnten einen zusätzlichen Finger sogar dann empfinden, wenn seine scheinbare Richtung stark von der normalen Handgeometrie abwich. In einer Untersuchung blieb der Effekt bis zu einer simulierten Drehung von 180 Grad bestehen. Das unterscheidet die Illusion von vielen anderen Körpertricks, bei denen unplausible Stellungen die Einbindung eines künstlichen Körperteils rasch abschwächen.
Eine mögliche Erklärung lautet, dass der leere Raum neben dem kleinen Finger dem Wahrnehmungssystem weniger widersprüchliche Forminformationen liefert als ein sichtbares künstliches Objekt. Synchroner Takt und räumliche Nähe reichen dann offenbar aus, um eine zusätzliche Körperzone vorübergehend zu verankern. Wie stark verschiedene Sinne einander dabei beeinflussen, ist auch aus anderen Alltagsphänomenen bekannt; auf Forschung und Wissen wurde etwa beschrieben, wie das Gehirn Geschmack mit akustischen Eindrücken verbindet.
Die Forscher betonen zugleich eine wichtige Grenze ihres Experiments: Während der entscheidenden Schätzungen bewegten die Teilnehmer ihre Hand nicht tatsächlich durch die Öffnung und griffen nicht unmittelbar nach den Platten. Sie beurteilten vielmehr, welche Handlung ihrer Hand möglich erschien, während das Körpergefühl möglichst ungestört erhalten blieb. Echte Bewegung liefert zusätzliche Signale aus Muskeln, Gelenken und Haut, die eine Illusion abschwächen oder anders kalibrieren könnten. Ob der Phantomfinger deshalb auch laufende Bewegungen messbar verändert, muss in weiteren Experimenten geprüft werden.
Im Originalartikel im Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance verbinden die Autoren damit zwei bislang oft getrennte Fragen: Wie flexibel ist das bewusste Körpergefühl, und verändert diese Flexibilität zugleich die wahrgenommenen Möglichkeiten einer Handlung? Gerade für zusätzliche Roboterfinger oder andere körpernahe Assistenzsysteme ist diese Verbindung relevant, weil ein technisches Zusatzglied nur dann intuitiv nutzbar wäre, wenn seine Reichweite und Position in die laufende Körperberechnung einfließen.
Cadete und ihre Kollegen wollen nun genauer untersuchen, welche Mechanismen hinter der ungewöhnlich robusten Repräsentation zusätzlicher Körperteile stehen. Ein naheliegender nächster Schritt sind Aufgaben, bei denen Versuchspersonen während oder unmittelbar nach der Illusion tatsächlich greifen, durch Öffnungen führen oder ein zusätzliches robotisches Glied steuern. Dann ließe sich prüfen, ob die veränderte Körperkarte nur Schätzungen verschiebt oder auch Bewegungsbahnen, Fehler und Lernprozesse messbar verändert. Für Prothetik und supernumeräre Robotik wäre genau diese Differenz entscheidend, weil dort nicht das Gefühl eines Zusatzteils, sondern seine zuverlässige Einbindung in reale Handlungen zählt.
Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, Beyond five: How the experience of a supernumerary sixth finger alters action perception; doi:10.1037/xhp0001446
Perception, A Continuous Illusion of Having a Sixth Finger; doi:10.1177/0301006620939457
Consciousness and Cognition, Anchoring to the hand, but not spatially distinct mappings, facilitates illusory supernumerary finger embodiment; doi:10.1016/j.concog.2025.103892
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