Hormone und Glücksspiel

Nach Geldverlusten spielen Menschen mit viel Testosteron riskant weiter

 Dennis Lenz

Nach Geldverlusten spielen Menschen mit viel Testosteron riskant weiter
(Symbolbild) In einem Kartenspiel um Spielgeld setzten Menschen mit höherem Testosteronspiegel nach Verlusten häufiger weiter auf riskante Kartenstapel als Menschen mit niedrigerem Spiegel. Das Muster ähnelt dem Hinterherjagen von Verlusten beim Glücksspiel. Insgesamt gingen die Teilnehmer mit mehr Testosteron jedoch nicht generell höhere Risiken ein. Das Hormon hing vielmehr damit zusammen, wie der Körper auf Gewinne und Verluste reagierte. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Testosteron gilt im Volksmund als Hormon der Draufgänger, doch mit der Risikobereitschaft allgemein hängt es offenbar kaum zusammen. Eine Studie aus Kanada zeigt stattdessen, dass Testosteron damit verknüpft ist, wie Menschen auf Gewinne und Verluste reagieren. In einem Kartenspiel um Spielgeld setzten Teilnehmer mit höherem Testosteronspiegel nach Verlusten weiter auf riskante Karten. Den Unterschied verriet unter anderem ihr Schweiß.

Wer beim Glücksspiel Geld verloren hat, steht vor einer Entscheidung: aufhören, vorsichtiger werden oder weiterspielen, um das Verlorene zurückzugewinnen. Das letzte Verhalten ist in der Glücksspielforschung als Hinterherjagen von Verlusten bekannt und gilt als typisches Warnzeichen für problematisches Spielen. Wie Menschen solche Entscheidungen treffen, hängt nicht nur von bewussten Überlegungen ab, sondern auch von Signalen des Körpers. Eine bekannte Theorie in der Entscheidungsforschung geht davon aus, dass körperliche Reaktionen wie eine leichte Zunahme des Schweißes auf der Haut als eine Art Bauchgefühl wirken, das Entscheidungen lenkt. Eine Studie aus dem Jahr 1997 hatte gezeigt, dass Menschen solche unbewussten Warnsignale erzeugen, kurz bevor sie zu einer riskanten Option greifen, und zwar oft bevor sie die Regeln eines Spiels bewusst verstanden haben. Hormone könnten beeinflussen, wie stark solche Signale ausfallen und welche Richtung sie Entscheidungen geben. Testosteron stand dabei lange im Verdacht, Menschen grundsätzlich risikofreudiger zu machen.

Die Beweislage für diesen Verdacht ist jedoch dünn. Eine Studie aus dem Jahr 2011 hatte zwar berichtet, dass Menschen mit höherem Testosteronspiegel in einem Kartenspiel riskantere Entscheidungen trafen. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2026, die Dutzende frühere Experimente auswertete, fand dagegen keinen verlässlichen direkten Zusammenhang zwischen Testosteron und allgemeiner Risikobereitschaft. Die Neuropsychologen Félix Duplessis-Marcotte, Valentin Magnon und Marie-France Marin von der Université du Québec à Montréal stellten deshalb eine andere Frage. Statt zu prüfen, ob Testosteron Menschen risikofreudiger macht, untersuchten sie, ob das Hormon die Art und Weise beeinflusst, wie Menschen Entscheidungen treffen. Im Mittelpunkt stand die Verarbeitung von Rückmeldungen, also die Frage, wie Körper und Verhalten auf das Ergebnis einer vorherigen Entscheidung reagieren. Die Arbeit ist Teil eines größeren Forschungsprojekts zum Zusammenhang zwischen Hormonen und Entscheidungen, das auch die Rolle des Stresshormons Cortisol untersucht.

Wie das Kartenspiel im Labor funktioniert

Für die Untersuchung nutzten die Forscher den Iowa Gambling Task, ein Computerspiel, das seit Jahren in der Entscheidungsforschung eingesetzt wird. Die Spieler ziehen Karten von vier Stapeln und gewinnen oder verlieren dabei Spielgeld. Zwei Stapel bringen hohe Gewinne, aber auch sehr hohe Verluste und sind auf lange Sicht unrentabel. Die beiden anderen Stapel bringen kleinere Gewinne und kleinere Verluste und sind damit die erfolgreiche Strategie. Die Regeln kennen die Spieler zu Beginn nicht, sie müssen sie durch Ausprobieren erlernen. An der Studie nahmen 55 junge Erwachsene teil, 27 Frauen und 28 Männer. Zu Beginn gaben sie eine Speichelprobe ab, aus der die Forscher ihren Testosteronspiegel bestimmten. Anschließend spielten alle Teilnehmer 100 Runden. Während des Spiels maßen Sensoren an der Hand fortlaufend die Aktivität der Schweißdrüsen, einen Anzeiger für körperliche Erregung. Die Forscher unterschieden dabei Reaktionen kurz vor der Wahl einer Karte und Reaktionen kurz nach dem Aufdecken des Ergebnisses.

Was Testosteron mit Risiko zu tun hat und was nicht

Das erste Ergebnis bestätigt die Zweifel an der landläufigen Vorstellung. Der Testosteronspiegel hing nicht mit der allgemeinen Risikobereitschaft zusammen. Teilnehmer mit viel Testosteron wählten die riskanten Stapel nicht häufiger als Teilnehmer mit wenig Testosteron. Auch auf die körperlichen Warnsignale vor einer Entscheidung hatte das Hormon keinen erkennbaren Einfluss. Bei Männern wurden diese Signale vor der Wahl eines riskanten Stapels im Verlauf des Spiels stärker und hingen mit ihren folgenden Entscheidungen zusammen. Frauen zeigten dagegen geringere Unterschiede zwischen sicheren und riskanten Entscheidungen und behielten ihre Risikobereitschaft über das Spiel hinweg weitgehend bei. Unabhängig vom Geschlecht veränderte der Testosteronspiegel diese vorausgehenden Bauchgefühle jedoch nicht. Nach den Worten von Duplessis-Marcotte macht Testosteron Menschen offenbar nicht generell risikofreudiger. Die Rolle des Hormons sei vielschichtiger als das verbreitete Klischee, nach dem es einfach die Lust am Risiko steigere.

Schweiß auf der Haut verrät die Reaktion auf Gewinn und Verlust

Ein Zusammenhang zeigte sich dagegen dort, wo Menschen das Ergebnis ihrer Entscheidung erfahren. Bei Männern wurden die folgenden Entscheidungen von einer Kombination aus Testosteronspiegel und körperlicher Reaktion auf das Ergebnis beeinflusst. Männer mit niedrigem Testosteronspiegel gingen nach einer starken körperlichen Reaktion auf ein Ergebnis in der nächsten Runde weniger Risiko ein. Bei Männern mit hohem Testosteronspiegel zeigte sich das umgekehrte Muster: Eine starke körperliche Reaktion auf einen Gewinn oder Verlust ging mit mehr Risiko in der folgenden Runde einher. Das Hormon schien damit die Bedeutung der körperlichen Erregung zu verändern und ein Signal, das normalerweise zur Vorsicht mahnt, in eines zu verwandeln, das zum Risiko ermuntert. Bei den Frauen der Studie trat dieser Zusammenhang nicht auf. Die Ergebnisse erschienen in der Studie zu Testosteron und der Verarbeitung von Rückmeldungen in der Fachzeitschrift Psychoneuroendocrinology.

Nach Verlusten bleiben Menschen mit viel Testosteron beim Risiko

Über die körperlichen Reaktionen hinaus fanden die Forscher ein Verhaltensmuster, das Männer und Frauen gleichermaßen betraf. Teilnehmer mit niedrigerem Testosteronspiegel wechselten nach einem Verlust von Spielgeld eher zu einem sicheren Stapel. Teilnehmer mit höherem Testosteronspiegel setzten dagegen nach Verlusten weiter auf die riskanten Stapel. Dieses Verhalten ähnelt dem Hinterherjagen von Verlusten beim Glücksspiel. Die Betroffenen wirkten weniger empfindlich für die negativen Folgen ihrer Entscheidungen. Der Befund passt zu einer Studie aus dem Jahr 2023, nach der Testosteron nicht die allgemeine Risikobereitschaft beeinflusst, sondern die Reaktion auf Rückmeldungen. In jener Arbeit hatten Männer allerdings künstliche Testosterongaben erhalten, während die neue Studie die natürlichen Hormonspiegel von Männern und Frauen maß. Das Thema berührt auch Menschen, die mit Geld an den Märkten handeln, denn jeder achte Erwachsene in Deutschland besitzt Kryptowährungen und erlebt dabei regelmäßig Gewinne und Verluste.

Wo die Grenzen der Studie liegen

Die Forscher selbst mahnen zur Zurückhaltung. Nach Aussage von Duplessis-Marcotte handelt es sich um einen feinen Zusammenhang und nicht um einen großen Effekt auf das Verhalten. Die Studie ist korrelativ, es wurde also keine Größe gezielt verändert, und die Ergebnisse lassen keine Schlüsse auf Ursache und Wirkung zu. Untersucht wurde nur ein einziges Spiel in einer kontrollierten Laborsituation mit Spielgeld. Unter realen Bedingungen, etwa wenn andere zuschauen oder echtes Geld auf dem Spiel steht, könnten die Ergebnisse anders ausfallen. Die Messung des Schweißes zeigt zudem nur die Stärke der Erregung, nicht aber, ob das Gefühl positiv oder negativ war. Aufgeteilt nach Geschlecht und Hormonspiegel waren die Gruppen klein, und der Testosteronspiegel wurde nur einmal zu Beginn gemessen. Da sich Testosteron im Alltag durch Wettbewerb und soziale Begegnungen verändert, wollen die Forscher künftig wiederholte Hormonmessungen mit körperlichen Signalen verbinden. Die Hauptstudie des Projekts, veröffentlicht als Arbeit zu Stresshormon und Entscheidungen in Scientific Reports, befasst sich bereits mit dem Stresshormon Cortisol.

Psychoneuroendocrinology, Testosterone is associated with affective feedback processing in ambiguous decision-making; doi:10.1016/j.psyneuen.2026.107996

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