Geistige Entwicklung

Mehr Bildschirmzeit machte Kinder in Denktests überraschend besser

 Dennis Lenz

Mehr Bildschirmzeit machte Kinder in Denktests überraschend besser
(Symbolbild) Erfasst wurde die über acht Jahre summierte Nutzung von Bildschirmen, nicht eine einzelne Momentaufnahme, was die Ergebnisse für den Alltag von Familien einordnet. (Foto: © Forschung und Wissen)

Eine finnische Langzeitstudie kommt bei der Bildschirmzeit zu einem Ergebnis, das der verbreiteten Erwartung widerspricht. Kinder, die über acht Jahre hinweg mehr Zeit vor Bildschirmen verbracht hatten, schnitten im Jugendalter in bestimmten Denktests im Schnitt besser ab. Der Zusammenhang ist statistisch und beweist keine Ursache. Er stellt aber die einfache Gleichung, dass mehr Bildschirm gleich schlechteres Denken bedeute, ausdrücklich infrage.

Die Daten stammen aus der sogenannten PANIC-Studie, die von der Universität Jyväskylä gemeinsam mit der Universität Ostfinnland getragen wird. Begleitet wurden 260 Kinder, davon 124 Jungen und 136 Mädchen, über einen Zeitraum von acht Jahren. Zum Zeitpunkt der abschließenden kognitiven Tests waren die Jugendlichen im Mittel 15,8 Jahre alt. Gemessen wurde die geistige Verarbeitung mit einem standardisierten computergestützten Testverfahren, das unter anderem Reaktionsgeschwindigkeit und Aufmerksamkeit erfasst.

Entscheidend ist die Art der Messung. Die Forschenden betrachteten nicht die Nutzung an einem einzelnen Tag, sondern die über Jahre aufsummierte Bildschirmzeit. Wer in diesem Langzeitmaß höher lag, zeigte im Jugendalter tendenziell eine schnellere und präzisere kognitive Verarbeitung. Der Doktorand Petri Jalanko ordnet den Befund als überraschend ein, warnt aber vor vorschnellen Schlüssen.

Warum die Bildschirmzeit hier anders wirkt

Ein möglicher Grund liegt in der Art der Tätigkeiten. Bildschirmnutzung umfasst heute auch anspruchsvolle Aufgaben wie Lernen, Lesen, Problemlösen oder soziale Interaktion, die geistige Fähigkeiten fordern und fördern können. Die Studie trennt nicht sauber zwischen passivem Konsum und aktiver Nutzung, weshalb der Effekt nicht pauschal jeder Form von Bildschirmzeit zugeschrieben werden darf. Interessant ist zudem, dass geräteseitig gemessene körperliche Aktivität in dieser Auswertung keinen entsprechenden Zusammenhang mit der kognitiven Leistung zeigte. Dass frühe Prägungen langfristig auf die Persönlichkeit wirken, legt auch die Forschung dazu nahe, dass Nachsicht in der Kindheit dunkle Charakterzüge fördern kann.

Was die Studie nicht sagt

Die Untersuchung ist eine Beobachtungsstudie und kann Ursache und Wirkung nicht auseinanderhalten. Denkbar ist, dass ohnehin leistungsstärkere oder anregend aufwachsende Kinder bestimmte digitale Angebote stärker nutzen. Auch soziale und familiäre Faktoren spielen eine Rolle, die sich nicht vollständig herausrechnen lassen. Die Autorinnen und Autoren betonen deshalb, dass ihre Ergebnisse keine Empfehlung für unbegrenzte Nutzung sind, sondern zeigen, dass die Wirkung von Bildschirmzeit stark vom Inhalt abhängt. Ähnlich differenziert muss man betrachten, welche Hirnzellen über die Motivation entscheiden.

Ein Signal gegen einfache Panik

Für Familien liefert die Studie vor allem einen nüchternen Zwischenstand. Sie widerspricht der Vorstellung, dass Bildschirmzeit an sich die geistige Entwicklung bremst, und lenkt den Blick auf die Qualität der Inhalte. Gleichzeitig ersetzt ein einzelnes Ergebnis nicht die breite Forschung zu Schlaf, Bewegung und sozialem Miteinander, die für die Entwicklung ebenso zählt. Weitere Auswertungen sollen klären, welche Nutzungsformen den beobachteten Vorteil tragen.

Die Studie erschien in Pediatric Exercise Science (2026). Weitere Einordnung bietet die Mitteilung der Universität Jyväskylä. DOI: 10.1123/pes.2025-0083.

Spannend & Interessant
VGWortpixel