Emotionale Intelligenz

Männer haben ihre eigenen Gefühle etwas besser im Griff als Frauen

 Dennis Lenz

Männer haben ihre eigenen Gefühle etwas besser im Griff als Frauen
(Symbolbild) Frauen und Mädchen erkennen und verstehen Gefühle im Durchschnitt besser als Männer und Jungen. Eine Auswertung von fast drei Jahrzehnten Forschung zeigt jedoch, dass sich das Bild je nach Fähigkeit deutlich unterscheidet. Beim Regulieren der eigenen Gefühle schneiden Männer leicht besser ab. Zudem hängt das Ergebnis stark davon ab, wie emotionale Intelligenz gemessen wird. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Frauen gelten als emotional intelligenter als Männer, doch das Bild ist komplizierter. Eine Metaanalyse von 1.279 Studien mit 609.278 Teilnehmern aus 76 Ländern zeigt, dass Frauen und Mädchen Gefühle im Durchschnitt besser erkennen und verstehen. Beim Regulieren der eigenen Gefühle schneiden Männer und Jungen dagegen leicht besser ab. Wie groß die Unterschiede ausfallen, hängt zudem stark von der Art der Messung ab.

Emotionale Intelligenz beschreibt die Fähigkeit, eigene Gefühle und die anderer Menschen wahrzunehmen, zu verstehen und sinnvoll mit ihnen umzugehen. Seit das Konzept Anfang der 1990er Jahre populär wurde, hat sich eine hartnäckige Annahme gehalten: Frauen besäßen mehr davon als Männer. Das Bild prägt Alltagsgespräche, Ratgeberliteratur und nicht selten auch Entscheidungen in Unternehmen, etwa bei der Frage, wem Führungsaufgaben mit viel Menschenkontakt zugetraut werden. Ob diese Annahme den Daten standhält, hat ein internationales Forscherteam nun in großem Maßstab überprüft. Unter der Leitung der Wirtschaftspsychologin Mary Hausfeld von der Kemmy Business School der Universität Limerick in Irland werteten die Forscher gemeinsam mit Kollegen um Jochen Menges von der Cambridge Judge Business School fast drei Jahrzehnte Forschung aus. Ihre Ergebnisse erschienen im Fachjournal Emotion und liefern ein deutlich differenzierteres Bild als das verbreitete Klischee.

Insgesamt flossen 1.279 wissenschaftliche Arbeiten mit zusammen 609.278 Teilnehmern aus 76 Ländern in die Analyse ein, wie die Cambridge Judge Business School mitteilte. Die Größe des Datensatzes erlaubte es den Forschern, über die pauschale Frage hinauszugehen, ob Frauen oder Männer emotional intelligenter sind. Stattdessen untersuchten sie einzelne Fähigkeiten getrennt voneinander: das Erkennen von Gefühlen, ihr Verständnis und ihre Regulation. Außerdem unterschieden sie, ob es um die eigenen Gefühle oder um die anderer Menschen ging, und auf welche Weise die Fähigkeiten gemessen wurden. In einem Teil der Studien lösten die Teilnehmer Leistungstests, etwa indem sie Gesichtsausdrücke deuten mussten. In anderen schätzten sie ihre Fähigkeiten in Fragebögen selbst ein. Gerade diese Unterscheidung erwies sich als entscheidend für das Ergebnis.

Wo Frauen Gefühle besser lesen

Insgesamt erzielten Frauen und Mädchen in der emotionalen Intelligenz höhere Werte als Männer und Jungen. Besonders deutlich fiel ihr Vorsprung beim Erkennen und beim Verstehen von Gefühlen aus. Sie konnten im Durchschnitt besser deuten, welche Emotion ein Gesicht, eine Stimme oder eine Situation ausdrückt, und besser nachvollziehen, wie Gefühle entstehen und sich verändern. Auch im Umgang mit den Gefühlen anderer Menschen, etwa beim Beruhigen oder Aufmuntern, schnitten Frauen besser ab. Diese Fähigkeiten gelten im Beruf wie im Privatleben als wichtig, weil sie Konflikte entschärfen und Beziehungen stabilisieren können. Wie stark Gefühle und Wahrnehmung das Miteinander prägen, zeigt auch eine Studienreihe, nach der der erste Eindruck kippt, sobald sich die Attraktivität ändert. Die Metaanalyse bestätigt damit einen Teil des verbreiteten Bildes, allerdings nicht in jeder Hinsicht.

Bei eigenen Gefühlen liegen Männer leicht vorn

Das überraschendste Ergebnis betrifft die Regulation von Gefühlen. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern fiel hier insgesamt deutlich kleiner aus als beim Erkennen und Verstehen. Ging es speziell darum, die eigenen Gefühle zu steuern, also etwa Ärger zu dämpfen, Angst zu kontrollieren oder sich nach einem Rückschlag wieder zu fangen, erzielten Männer und Jungen sogar leicht höhere Werte als Frauen und Mädchen. Der Vorsprung ist bescheiden, widerspricht aber der Vorstellung, dass Frauen in allen Bereichen der emotionalen Intelligenz überlegen seien. Hausfeld betont nach einer Mitteilung der Universität Limerick, dass verbreitete Annahmen über die emotionalen Fähigkeiten von Frauen und Männern oft zu grob seien. Die Daten zeigten vielmehr, dass Unterschiede je nach Fähigkeit, Situation und betroffener Person variieren. Warum Männer ihre eigenen Gefühle etwas besser regulieren, lässt sich aus der Metaanalyse nicht ablesen.

Wie die Messmethode die Gefühle verzerrt

Eine zentrale Erkenntnis der Studie betrifft die Messmethoden. Der Vorsprung der Frauen war in Leistungstests deutlich größer als in subjektiven Einschätzungen, die meist aus Selbstauskünften bestanden. Wenn Teilnehmer tatsächlich Gesichtsausdrücke deuten oder emotionale Situationen beurteilen mussten, schnitten Frauen also merklich besser ab, als es ihre eigenen Angaben in Fragebögen vermuten ließen. Für die Forschung ist das ein wichtiger Hinweis, weil viele Studien und auch viele Tests in der Personalauswahl auf Selbstauskünften beruhen. Diese spiegeln nicht nur die tatsächlichen Fähigkeiten wider, sondern auch das Selbstbild der Befragten und gesellschaftliche Erwartungen. Die Autoren folgern, dass Aussagen über Geschlechterunterschiede in der emotionalen Intelligenz stark davon abhängen, wie diese erfasst wird. Wer Studien vergleicht, sollte deshalb genau hinsehen, ob Leistung oder Selbsteinschätzung gemessen wurde.

Was die Ergebnisse für den Alltag bedeuten

Die Metaanalyse beschreibt Durchschnittswerte über Hunderttausende Menschen, über einzelne Frauen oder Männer sagt sie wenig aus. Die Unterschiede innerhalb der Geschlechter sind in solchen Untersuchungen in der Regel weit größer als die Unterschiede zwischen ihnen. Warum Frauen Gefühle im Mittel besser lesen, erklärt die Studie ebenfalls nicht, diskutiert werden in der Forschung sowohl soziale Prägung als auch biologische Faktoren. Für die Praxis empfehlen die Autoren, Stereotype zu hinterfragen, statt sie zu verstärken, etwa bei der Besetzung von Stellen oder der Gestaltung von Trainings. Emotionale Fähigkeiten lassen sich zudem trainieren, unabhängig vom Geschlecht. Welche Faktoren weltweit über das Wohlbefinden entscheiden, untersuchte kürzlich auch eine Auswertung, nach der Daten aus 66 Ländern fünf Schlüssel zum Glück zeigen. Der Umgang mit Gefühlen spielt dabei eine wichtige Rolle.

Emotion, Putting assumptions to the test: a meta-analytic review of gender differences in emotional intelligence and specific emotion abilities

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