Halo-Update

Der erste Eindruck kippt sobald sich die Attraktivität ändert

 Dennis Lenz

Der erste Eindruck kippt sobald sich die Attraktivität ändert
(Symbolbild) Attraktiven Menschen werden fast automatisch auch andere positive Eigenschaften zugeschrieben, ein Phänomen, das die Psychologie seit langem beschäftigt. Eine Studienreihe prüfte, ob dieses Urteil in Stein gemeißelt ist. Das Ergebnis zeigt, wie formbar unsere scheinbar festen Eindrücke tatsächlich sind. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Wer attraktiv wirkt, gilt oft automatisch auch als geselliger, kompetenter und sympathischer. Dieser sogenannte Attraktivitäts-Halo-Effekt zählt zu den bekanntesten Phänomenen der Wahrnehmungspsychologie. Eine Studienreihe mit 1.131 Teilnehmern untersuchte nun, ob solche voreiligen Urteile unumstößlich sind. Das Ergebnis zeigt, dass sich der erste Eindruck ändern lässt, sobald die wahrgenommene Attraktivität einer Person neu bewertet wird. Damit erweisen sich unsere scheinbar festen Charakterzuschreibungen als erstaunlich formbar.

Der Halo-Effekt beschreibt in der Psychologie die Neigung, von einem einzelnen auffälligen Merkmal auf eine ganze Reihe weiterer Eigenschaften zu schließen. Im Fall der Attraktivität bedeutet das, dass ein als körperlich attraktiv wahrgenommener Mensch pauschal auch andere positive Merkmale zugeschrieben bekommt, etwa soziale Kompetenz, Intelligenz oder Vertrauenswürdigkeit. Diese Verzerrung wirkt sich messbar auf das soziale Leben aus, denn attraktive Menschen haben nachweislich Vorteile bei der Partnersuche und im Berufsleben. Der Effekt läuft weitgehend unbewusst ab und gilt als sehr stabil. Genau deshalb stellte sich die Frage, ob solche einmal gefällten Urteile für immer feststehen oder ob sie sich durch neue Informationen korrigieren lassen. Diese Frage ist von großer Tragweite, denn wenn sich der Halo-Effekt aktualisieren lässt, sind unsere Vorurteile weniger starr, als lange angenommen wurde.

Ein Team um die Psychologin Marine Rougier und den Psychologen Jan De Houwer vom Learning and Implicit Processes Lab der Universität Gent ging dieser Frage in drei vorregistrierten Experimenten mit insgesamt 1.131 Teilnehmern nach. Den Probanden wurden Fotos von Gesichtern mit unterschiedlicher Attraktivität gezeigt, zu denen sie zunächst spontane Eindrücke bildeten. Anschließend erhielten die Teilnehmer die Information, dass die Bilder bearbeitet worden sein könnten, sodass eine Person in Wirklichkeit attraktiver oder weniger attraktiv sein könnte, als das Foto vermuten ließ. Danach bewerteten sie dieselben Personen erneut auf eine Reihe von Persönlichkeitseigenschaften. Auf diese Weise ließ sich prüfen, ob und wie stark sich die anfänglichen Charakterzuschreibungen verschieben, wenn die Grundlage des ersten Eindrucks, die wahrgenommene Attraktivität, ins Wanken gerät.

Wann der Halo-Effekt sich aktualisiert

Die Ergebnisse der im Fachjournal European Journal of Social Psychology veröffentlichten Untersuchung belegen einen sogenannten Halo-Update-Effekt. Erfuhren die Teilnehmer, dass eine zunächst attraktiv wirkende Person tatsächlich weniger attraktiv ist, änderten sich in der Folge auch die zugeschriebenen Charaktereigenschaften. Eine anfangs als eitel und gesellig eingeschätzte Person wurde nach der neuen Information in diesen Merkmalen deutlich anders bewertet. Bemerkenswert ist, dass die Aktualisierung besonders jene Eigenschaften betraf, die stereotyp eng mit Attraktivität verknüpft sind. Zugleich zeigte sich der Effekt nicht in jeder Versuchsanordnung gleich stark, denn eine nur beiläufige Andeutung möglicher Bildbearbeitung reichte in einem ersten Experiment noch nicht aus, erst eine deutlichere Manipulation führte zur Korrektur der Urteile. Das zeigt, dass die Formbarkeit an Bedingungen geknüpft ist.

Was das über unsere Urteile verrät

Die praktische Bedeutung dieser Befunde ist gerade im Zeitalter bearbeiteter Bilder erheblich. Weil in sozialen Medien und auf Dating-Plattformen Fotos routinemäßig retuschiert werden, betrifft die Frage nach der Verlässlichkeit des ersten Eindrucks Millionen alltäglicher Begegnungen. Die Studie zeigt, dass das Wissen um mögliche Bildbearbeitung unsere Urteile verändern kann, was ein Stück weit ermutigend ist, denn es bedeutet, dass fest gefügte Zuschreibungen nicht unabänderlich sind. Einordnend gilt, dass die Untersuchung im Labor mit Fotos durchgeführt wurde und noch offen ist, ob sich die Effekte auf reales Verhalten und auf dauerhafte Eindrücke übertragen lassen. Wie stark äußere Merkmale unsere Wahrnehmung prägen, zeigt sich auch in der Forschung dazu, wie unterschiedlich Attraktivität überhaupt bewertet wird. Der bewusste Umgang mit solchen Verzerrungen kann helfen, Menschen fairer zu beurteilen.

Spannend & Interessant
VGWortpixel