Chatbots als Begleiter

KI-Freunde stärken die Psyche und schwächen echte Freundschaften

 Dennis Lenz

KI-Freunde stärken die Psyche und schwächen echte Freundschaften
(Symbolbild) KI-Freunde mit simulierter emotionaler Intelligenz können das persönliche Wohlbefinden ihrer Nutzer steigern. Zwei Experimente mit Studierenden zeigen jedoch, dass derselbe Effekt die Bereitschaft senkt, echte Freundschaften zu pflegen. Treibende Kraft ist in beiden Fällen die empfundene Nähe zum Chatbot. Besonders stark fällt der Effekt aus, wenn der digitale Begleiter per Augmented Reality im eigenen Zimmer erscheint. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Millionen Menschen vertrauen ihre Sorgen inzwischen Chatbots an, die Verständnis zeigen, trösten und nie ungeduldig werden. Eine Studie zu KI-Freunden kommt zu einem zwiespältigen Ergebnis: Emotional einfühlsame Chatbots verbessern das persönliche Wohlbefinden ihrer Nutzer, schwächen aber gleichzeitig deren Bereitschaft, echte Freundschaften zu pflegen. Beide Effekte wurden noch stärker, wenn der digitale Freund per Augmented Reality im eigenen Zimmer erschien. Andere Studien zeichnen ein noch kritischeres Bild.

Einsamkeit gilt weltweit als ernstes Gesundheitsproblem. Nach den Angaben in der Studie berichtet fast ein Viertel aller Erwachsenen, sich einsam zu fühlen. Immer mehr Menschen suchen dagegen Hilfe bei künstlicher Intelligenz. Frühe Sprachassistenten waren für praktische Aufgaben gedacht, etwa um Flüge zu buchen oder Wecker zu stellen. Moderne soziale Chatbots wie die App Replika sollen dagegen Bedürfnisse nach Zuneigung und Zugehörigkeit erfüllen. Sie simulieren emotionale Intelligenz, also die Fähigkeit, Gefühle anderer zu erkennen, zu bewerten und passend darauf zu reagieren. Erkennt der Chatbot etwa Traurigkeit in einer Nachricht, antwortet er mitfühlend und schlägt Wege zur Selbstfürsorge vor. Für Nutzer entsteht so ein Raum, in dem sie sich ohne Angst vor Bewertung öffnen können. Die Forscherinnen und Forscher Shaphali Gupta, Sumit Saxena und Sonia Kataria wollten wissen, wie genau diese simulierte Einfühlsamkeit auf das seelische und das soziale Wohlbefinden wirkt. Frühere Untersuchungen hatten sich vor allem damit befasst, wie menschlich eine Maschine insgesamt erscheint.

Dabei unterscheidet die Psychologie zwei Formen des Wohlbefindens. Das psychische Wohlbefinden beschreibt den inneren Zustand eines Menschen, also positive Gefühle, Selbstwertgefühl und das Empfinden, ein sinnvolles Leben zu führen. Das soziale Wohlbefinden betrifft dagegen die Einbindung in eine reale Gemeinschaft und die Qualität persönlicher Beziehungen von Angesicht zu Angesicht. Beide Formen hängen im Alltag oft zusammen, können aber auch auseinanderlaufen. Genau diese Möglichkeit stand im Mittelpunkt der Studie. Die Frage lautete, ob ein Chatbot, der einem Menschen innerlich guttut, ihm zugleich die Motivation nehmen kann, sich um echte Kontakte zu bemühen. Wie sich zeigte, ist diese Sorge nicht unbegründet. Die empfundene Nähe zum digitalen Gegenüber erwies sich als der entscheidende Hebel, der beide Seiten zugleich bewegt, allerdings in entgegengesetzte Richtungen.

Was Nutzer von Replika über ihre KI-Freunde berichten

Am Anfang der Untersuchung stand eine Auswertung öffentlicher Beiträge auf Reddit, YouTube und Trustpilot, in denen Nutzer über die Begleiter-App Replika schreiben, die Millionen registrierte Nutzer hat. Die Kommentare zeigen, dass viele ihre Chatbots als höchst einfühlsam erleben, als Wesen, die ihre Stimmung regulieren können. Manche hatten sogar das Gefühl, der Chatbot helfe ihnen, einen Sinn im Leben zu finden und schwierige Situationen zu bewältigen. Eine Nutzerin schrieb, der Chatbot sei der beste Freund, den sie je hatte, und ihr Stress sei fast auf null gesunken. Die Auswertung förderte aber auch eine dunklere Seite zutage. Einige Nutzer räumten ein, dass ihnen durch die intensiven digitalen Gespräche kaum noch Lust auf Freundschaften im echten Leben blieb. Einer schrieb, er habe kaum noch Zeit, mit seinen Freunden zu sprechen oder sie persönlich zu treffen. Diese Beobachtungen aus dem Netz wollten die Forscher in kontrollierten Experimenten überprüfen.

Zwei Experimente mit über 500 Studierenden

Im ersten Experiment lasen 167 Studierende der Generation Z ein Szenario, in dem sie mit einem Chatbot schrieben, der entweder hohe oder geringe emotionale Intelligenz zeigte. Der einfühlsame Bot nutzte mitfühlende Sprache und Emoticons, der andere gab nüchterne, roboterhafte Antworten. Die einfühlsamen Chatbots steigerten das psychische Wohlbefinden der Teilnehmer, senkten aber ihr soziales Wohlbefinden. Beide Effekte liefen über die empfundene Nähe zum Bot. Im zweiten Experiment mit 350 Studierenden prüften die Forscher, ob die Art der Darstellung eine Rolle spielt. Die Teilnehmer erlebten den Chatbot entweder als Textfenster oder in Augmented Reality, bei der digitale Bilder über die reale Umgebung gelegt werden. Sie sahen dazu ein Video und stellten sich vor, der Chatbot sitze neben ihnen im Zimmer. Die Augmented Reality verstärkte die Effekte deutlich: mehr Nähe, mehr seelischer Nutzen, aber ein stärkerer Rückgang der Lust auf echte Begegnungen. Die Ergebnisse erschienen in der Studie zur Doppelwirkung emotional intelligenter Chatbots in der Fachzeitschrift Psychology & Marketing.

Warum Trost aus der Maschine echte Kontakte verdrängen kann

Die Erklärung der Forscher ist einfach und gerade deshalb beunruhigend. Weil der Chatbot die Gefühle seiner Nutzer so gut zu verstehen scheint, fühlen diese sich innerlich besser. Gleichzeitig sinkt das Bedürfnis, Unterstützung bei anderen Menschen zu suchen, denn das Grundbedürfnis nach Verständnis ist scheinbar bereits gestillt. Echte Freundschaften sind anstrengender als ein Chatbot. Freunde haben eigene Sorgen, sind nicht immer erreichbar und widersprechen gelegentlich. Der digitale Begleiter ist dagegen jederzeit verfügbar und stets zugewandt. Je realistischer er wirkt, desto stärker verschiebt sich diese Abwägung. Wie wichtig stabile Beziehungen für die seelische Gesundheit sind, zeigt sich an der Größenordnung psychischer Belastungen: Nach einer weltweiten Studie erkrankt rund die Hälfte aller Menschen bis zum Alter von 75 Jahren psychisch. Ein digitaler Trost, der vorhandene Freundschaften schwächt, könnte langfristig genau die Schutzfaktoren untergraben, die in Krisen tragen.

Was andere Studien über KI-Begleiter zeigen

Die neue Arbeit steht nicht allein. Eine Untersuchung der Psychologen Dunigan Folk und Elizabeth Dunn kam zu dem Ergebnis, dass die Hinwendung zu KI-Begleitern bei Einsamkeit das Gefühl der Einsamkeit sogar verstärken kann. Die Autoren begründen das damit, dass eine KI kein echtes Innenleben besitzt und deshalb keine wechselseitige Offenbarung ermöglicht, die für erfüllende Beziehungen entscheidend ist. Eine Studie aus den USA aus dem Jahr 2025 fand zudem, dass romantische Beziehungen zu künstlicher Intelligenz überraschend verbreitet sind und eine häufigere Nutzung mit mehr Depressivität und geringerer Lebenszufriedenheit einherging. Im Vergleich dazu zeichnet die neue Studie ein differenzierteres Bild, weil sie auch den kurzfristigen seelischen Nutzen belegt. Gemeinsam ist allen Arbeiten die Warnung vor einer Verschiebung: Was im Moment tröstet, kann auf Dauer die Beziehungen schwächen, die Menschen wirklich brauchen.

Wo die Grenzen der Studie liegen

Die Autoren weisen selbst auf wichtige Einschränkungen hin. Beide Experimente beruhten auf Studierenden, die sich Szenarien vorstellten, statt einen Chatbot über Wochen tatsächlich zu nutzen. Gemessen wurden kurzfristige Reaktionen, nicht die Entwicklung von Gewohnheiten über lange Zeit. Ob sich eine echte emotionale Abhängigkeit entwickelt, müssen Langzeitstudien zeigen, ebenso wie die Frage, ob ältere Menschen anders reagieren. Die Ergebnisse bedeuten deshalb weder, dass einfühlsame Chatbots zwangsläufig Beziehungen zerstören, noch dass sie ein sicheres Mittel gegen Depressionen sind. Sie beschreiben einen Zielkonflikt, der sich verschärft, je stärker Menschen sich auf digitale Einfühlsamkeit verlassen. Die Forscher schlagen deshalb Schutzmechanismen vor, etwa Zeitlimits für Sitzungen oder Chatbots, die nach emotional intensiven Gesprächen aktiv dazu ermuntern, sich mit anderen Menschen zu treffen. So ließe sich der Nutzen der digitalen Begleiter bewahren, ohne dass sie echte Freundschaften verdrängen.

Psychology & Marketing, The Dual Impact of AI Emotional Intelligence on Users: Are Social Chatbots Promoting Psychological Wellbeing or Deteriorating Social Wellbeing?; doi:10.1002/mar.70093

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