Eine psychische Erkrankung gilt vielen als Ausnahme, die nur wenige trifft. Die bislang größte koordinierte Auswertung von Bevölkerungsdaten zeichnet ein anderes Bild und beziffert das Lebenszeitrisiko für mindestens eine solche Erkrankung auf rund die Hälfte aller Menschen. Grundlage sind mehr als 156.000 Interviews aus 29 Ländern. Besonders bemerkenswert ist, wie früh die ersten Störungen im Leben auftreten und was das für Prävention und Versorgung bedeutet.
Angst, Depression oder eine Abhängigkeit werden im öffentlichen Bild oft als Schicksal einzelner Betroffener wahrgenommen. Tatsächlich gehören psychische Erkrankungen zu den häufigsten Gesundheitsproblemen überhaupt, doch verlässliche Zahlen über den gesamten Lebensverlauf waren lange schwer zu gewinnen. Prävalenz beschreibt, wie viele Menschen zu einem Zeitpunkt betroffen sind, während das kumulative Risiko angibt, wie wahrscheinlich eine Erkrankung im Laufe des gesamten Lebens auftritt. Genau diese Lebenszeitperspektive stand im Mittelpunkt einer internationalen Studie unter Federführung der University of Queensland und der Harvard Medical School. Sie stützt sich auf die World Mental Health Survey Initiative der Weltgesundheitsorganisation, die größte je koordinierte Reihe persönlicher Interviews zu diesem Thema, und liefert damit eine belastbare Grundlage für die öffentliche Gesundheitsplanung über Ländergrenzen hinweg.
Die Forscher werteten Angaben von 156.331 Erwachsenen aus 29 Ländern aus, darunter Staaten mit hohem sowie mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Erfasst wurden 13 verbreitete Störungsbilder, unter anderem Depressionen, Angststörungen, Störungen durch Substanzgebrauch und Aufmerksamkeitsstörungen. Aus den Interviews schätzten sie das Alter beim ersten Auftreten, die Lebenszeitprävalenz und das sogenannte Morbiditätsrisiko bis zum Alter von 75 Jahren. Um die Vergleichbarkeit über sehr unterschiedliche Gesellschaften hinweg zu sichern, wurden die Stichproben gewichtet und statistisch aufwendig abgesichert. Das Ergebnis ist deshalb keine Momentaufnahme eines einzelnen Landes, sondern ein über viele Kulturen hinweg gemitteltes Bild. Es zeigt, dass eine psychische Erkrankung im Lebensverlauf keineswegs die Ausnahme darstellt, sondern einen erheblichen Anteil der Weltbevölkerung betrifft.
Die zentrale Kennzahl der Studie ist eindrücklich. Bis zum Alter von 75 Jahren entwickelt rund die Hälfte der Weltbevölkerung mindestens eine der 13 untersuchten Störungen. Für Männer lag das Morbiditätsrisiko bei etwa 46 Prozent, für Frauen bei rund 53 Prozent. Betrachtet man nur die zurückliegenden Jahre statt des gesamten Lebens, berichteten knapp 29 Prozent der Männer und rund 30 Prozent der Frauen von mindestens einer Erkrankung. Am häufigsten traten Stimmungsstörungen wie Depressionen sowie Angststörungen auf. Zugleich zeigten sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern, denn bei Frauen standen Depression, spezifische Phobien und posttraumatische Belastungsstörungen im Vordergrund, während bei Männern Störungen durch Alkohol, Depression und Phobien überwogen. Diese Verteilung macht deutlich, dass psychische Erkrankungen ein breites Spektrum umfassen und nicht auf ein einzelnes Krankheitsbild reduziert werden können.
Die schiere Größe der Zahl darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die einzelnen Verläufe sehr unterschiedlich schwer sind. Eine vorübergehende Phase starker Ängste ist nicht gleichzusetzen mit einer chronischen, stark beeinträchtigenden Erkrankung. Die Studienautoren betonen zugleich, dass die hohe Verbreitung die Belastung der Betroffenen nicht relativiert. Auch häufige Erkrankungen können das Leben tiefgreifend einschränken und erfordern angemessene Hilfe. Für die Einordnung ist außerdem wichtig, dass sich die Selbstauskünfte auf klinisch definierte Störungen stützen und nicht auf bloßes Unwohlsein. Die Kernaussage bleibt damit robust und zugleich differenziert, denn eine psychische Erkrankung im Lebensverlauf ist statistisch eher die Regel als die Ausnahme, während Schwere, Dauer und Behandlungsbedarf von Fall zu Fall stark variieren.
Besonders folgenreich ist der Befund zum Alter des ersten Auftretens. Die Wahrscheinlichkeit eines Erstauftretens erreichte ihren Höhepunkt bereits um das 15. Lebensjahr, das mittlere Alter lag bei 19 Jahren für Männer und 20 Jahren für Frauen. Bis zum 20. Lebensjahr hat rund die Hälfte derjenigen, die im Leben erkranken, bereits erste Anzeichen oder Symptome erlebt. Damit gehören viele psychische Erkrankungen zu den chronischen Erkrankungen der Jungen, wie es in der Studie sinngemäß heißt. Sie treten häufig genau in jenen Jahren auf, in denen Menschen wichtige Weichen für Ausbildung, Beruf und Beziehungen stellen. Wird diese Phase durch eine belastende Erkrankung gestört, kann das weitreichende Folgen für den weiteren Lebensweg nach sich ziehen, von unterbrochenen Bildungswegen bis zu erschwerten sozialen Bindungen.
Aus diesem Muster leiten die Forscher einen klaren Handlungsauftrag ab. Wenn die Weichen so früh gestellt werden, müssen Versorgungssysteme in der Lage sein, verbreitete Störungen rasch zu erkennen und zu behandeln, mit besonderem Augenmerk auf junge Menschen. Frühe und niedrigschwellige Angebote könnten verhindern, dass sich aus ersten Symptomen langwierige Verläufe entwickeln. Das Wissen um die typischen Erkrankungsalter erlaubt es zudem, öffentliche Gesundheitsmaßnahmen und Ressourcen gezielt dorthin zu lenken, wo das Risiko am größten ist. Gleichzeitig verweisen die Autoren auf die Bedeutung der Grundlagenforschung, um besser zu verstehen, warum sich diese Erkrankungen gerade in der Jugend entwickeln. Die Studie liefert damit nicht nur eine überraschende Zahl, sondern auch eine präzise Landkarte für Prävention und Versorgung über den gesamten Lebensverlauf.
The Lancet Psychiatry, Age of onset and cumulative risk of mental disorders: a cross-national analysis of population surveys from 29 countries; doi:10.1016/S2215-0366(23)00193-1