Essen & Trinken

Kaugeräusche lösen bei vielen Menschen echte Aggression aus

 Dennis Lenz

Kaugeräusche lösen bei vielen Menschen echte Aggression aus
(Symbolbild) Für manche Menschen lösen alltägliche Geräusche wie Kauen oder Schmatzen heftige Wut und Anspannung aus. Dieses Phänomen trägt den Namen Misophonie und galt lange als reine Störung der Hörverarbeitung. Eine neue Untersuchung rückt jedoch ein unerwartetes Verhalten in den Mittelpunkt, das viele Betroffene unbewusst zeigen. (Foto: © Forschung und Wissen)

Kau- und Schmatzgeräusche sind für die meisten Menschen höchstens lästig. Für Betroffene der Misophonie lösen sie dagegen Wut, Ekel oder Panik aus. Lange galt das Phänomen als Störung der Hörverarbeitung im Gehirn. Eine große Befragung zeigt nun, dass fast die Hälfte der Betroffenen den Verursacher der Geräusche unbewusst nachahmt, und dass genau diese Nachahmung die Anspannung mildert. Der Befund verschiebt das Verständnis der Störung von einer reinen Klang- hin zu einer Bewegungswahrnehmung.

Der Begriff Misophonie bedeutet wörtlich Hass auf Geräusche, doch das trifft die Störung nur unzureichend. Es geht nicht um Lautstärke, sondern um ganz bestimmte, meist alltägliche Klänge. An erster Stelle stehen Geräusche, die beim Essen entstehen, also Kauen, Schmatzen, Schlucken oder Lippenlecken, dazu Atmen, Räuspern oder das Klicken eines Kugelschreibers. Wo andere Menschen bestenfalls leichte Gereiztheit verspüren, reagieren Betroffene mit intensiver Wut, Ekel oder dem überwältigenden Drang zu fliehen. Viele meiden Situationen, in denen solche Auslöser auftreten, oder ertragen sie unter großer Anspannung, was Beruf, Familie und soziales Leben erheblich belasten kann. Fachleute definierten die Misophonie erst 2013 genauer und einigten sich 2022 auf gemeinsame Kriterien. Trotz wachsender Aufmerksamkeit bleibt die Forschung jung, denn bis vor wenigen Jahren existierten nur vergleichsweise wenige empirische Arbeiten zu dem Thema.

Wie verbreitet die Störung genau ist, lässt sich schwer beziffern, weil Studien unterschiedliche Schwellen ansetzen. Bevölkerungsweite Schätzungen bewegen sich zwischen etwa fünf und achtzehn Prozent, in manchen Erhebungen unter Studierenden liegt der Anteil mit Symptomen sogar noch höher. Eine große deutsche Untersuchung mit mehr als 2.500 Teilnehmern kam auf einen Wert von rund fünf Prozent. Klar ist damit, dass Misophonie kein Randphänomen ist, sondern viele Menschen betrifft. Lange erklärte die Forschung die heftigen Reaktionen mit einer fehlgeleiteten Verarbeitung im Hörsystem des Gehirns. Bildgebende Studien zeigten dazu eine ungewöhnlich starke Verknüpfung zwischen der Hörrinde und Hirnarealen, die Gesichts- und Mundbewegungen steuern. Genau diese Beobachtung führte zu einer neuen Vermutung: dass nicht der Klang selbst, sondern die wahrgenommene Bewegung des Verursachers die Reaktion antreibt. Eine aktuelle Befragung ist dieser Idee systematisch nachgegangen.

Warum Betroffene das Kauen nachahmen

Für die Untersuchung werteten Fachleute die Angaben von 676 Personen aus, die über Fragebögen Auskunft zu ihren Symptomen und ihrem Verhalten gaben. Das zentrale Ergebnis überrascht: Mehr als 45 Prozent der Betroffenen berichteten, dass sie den Auslöser unwillkürlich nachahmen, etwa indem sie selbst Kaubewegungen machen. Je stärker die Misophonie ausgeprägt war, desto häufiger trat diese Nachahmung auf. Gerade Ess- und Kaugeräusche lösten sie deutlich öfter aus als andere menschliche oder umweltbezogene Klänge. Bemerkenswert ist zudem, dass viele die Nachahmung als bewusst steuerbar erlebten und ein Großteil angab, sie verschaffe Erleichterung. Damit erscheint das Verhalten weniger als bloßes Symptom, sondern als eine Art Bewältigungsstrategie, wie die Befragung zur Verbreitung von Nachahmung bei Misophonie im Detail beschreibt.

Ein Hass auf Geräusche mit Wurzeln in der Bewegung

Der Befund fügt sich in ein verändertes Bild der Störung. Statt allein auf den Klang zu blicken, rückt die Forschung nun die Wahrnehmung von Handlungen in den Vordergrund. Beobachtet oder hört ein Mensch die Handlung eines anderen, neigt das Gehirn dazu, diese innerlich mitzuvollziehen, was sich bis in kleine, tatsächlich ausgeführte Nachahmungen fortsetzen kann. Bei Misophonie könnte dieser Mechanismus überaktiv sein und erklären, warum ausgerechnet Bewegungen des Mundes so stark wirken. Untersuchungen deuten außerdem darauf hin, dass sich die betroffenen Hirnnetzwerke je nach Auslöser unterscheiden, etwa zwischen Kaugeräuschen und dem Klopfen von Fingern. Wie stark Haltung und unbewusste Körpersignale das Erleben beeinflussen, zeigt sich auch in anderen Bereichen, etwa wenn eine veränderte Sitzhaltung Entscheidungen unbemerkt beeinflusst.

Was der Befund für Betroffene bedeutet

Für Menschen mit Misophonie liefert das Ergebnis eine wichtige Botschaft: Ihre Reaktion ist keine Überempfindlichkeit, die sich einfach abstellen ließe, sondern beruht auf messbaren Vorgängen im Gehirn. Das kann helfen, Schuldgefühle abzubauen und die Störung als ernstzunehmendes Phänomen zu begreifen. Für die Behandlung eröffnet sich zugleich ein neuer Ansatzpunkt, weil Bewältigungsstrategien, die auf Bewegung und Nachahmung setzen, gezielt untersucht werden können. Noch steht die Forschung am Anfang, und viele Fragen zu Ursachen, Verlauf und wirksamer Therapie bleiben offen. Klar ist jedoch, dass die Misophonie weit mehr ist als eine Abneigung gegen Kaugeräusche und dass ihr Verständnis von der Verbindung zwischen Hören, Sehen und Bewegung abhängt. Dieses Thema berührt sensible Aspekte des psychischen Wohlbefindens. Wer selbst stark unter solchen Reaktionen leidet, findet bei Ärztinnen, Ärzten oder psychologischen Fachkräften geeignete Unterstützung.

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