Nackenwinkel

Aufrechte Sitzhaltung verändert Entscheidungen unbemerkt

 Dennis Lenz

Aufrechte Sitzhaltung verändert Entscheidungen unbemerkt
(Symbolbild) Ob jemand aufrecht sitzt oder über den Bildschirm gebeugt, gilt bislang vor allem als Frage von Rücken und Nacken. Eine Untersuchung mit knapp 200 Teilnehmern zeigt nun, dass die Sitzhaltung auch die Gefühlslage und das Entscheidungsverhalten verschiebt. Entscheidend ist dabei, dass die Haltung nicht angeordnet, sondern allein über Tischhöhe und Gerätposition erzeugt wurde. Die tatsächliche Körperposition wurde per Videoanalyse objektiv vermessen. (Foto: © Forschung und Wissen)

Der Zusammenhang zwischen Körper und Psyche gilt in der Forschung als schwer belegbar, weil Versuchspersonen meist wissen, worauf ein Experiment hinauswill. Ein Team der McGill University hat die Sitzhaltung deshalb unbemerkt verändert, allein über die Höhe von Tisch und Tablethalter. Fast 200 Teilnehmer absolvierten anschließend eine Aufgabe, bei der sich Gewinne nur durch bewusstes Risiko steigern lassen. Die Unterschiede zwischen aufrecht und gebeugt sitzenden Personen waren klein, aber statistisch stabil.

Dass die Körperhaltung auf das Erleben zurückwirkt, ist eine alte Annahme der Psychologie. Sie steckt in Alltagsformulierungen ebenso wie in der Forschung zu Embodiment, also zur Verkörperung geistiger Zustände. Wissenschaftlich hat das Feld allerdings einen schweren Stand. Populär gewordene Untersuchungen zu ausladenden Machtposen ließen sich in Wiederholungsversuchen nur teilweise bestätigen. Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die Methode. In nahezu allen früheren Arbeiten nahmen die Teilnehmer die gewünschte Sitzhaltung auf ausdrückliche Anweisung ein. Wer aufgefordert wird, sich aufzurichten und die Brust herauszustrecken, ahnt in der Regel, welche Wirkung erwartet wird, und antwortet in Fragebögen entsprechend. Fachlich heißt dieses Problem Erwartungseffekt. Es lässt offen, ob ein gemessener Unterschied auf der Haltung selbst beruht oder auf der Vermutung der Versuchsperson darüber, was gemessen werden soll.

Der neue Versuchsaufbau umgeht diesen Einwand, indem er die Haltung nicht verlangt, sondern über die Umgebung erzwingt. Rekrutiert wurden knapp 200 Personen aus dem Umfeld der McGill University in Montreal. Nach einer Vorphase am Monitor sollten sie eine weitere Aufgabe auf einem Tablet bearbeiten, angeblich zur Erprobung einer mobilen Anwendung. Bei einem Teil der Gruppe stand das Gerät auf einem erhöhten Ständer an einem höhenverstellbaren Tisch, was eine aufrechte Position nahelegt. Bei den übrigen lag es flach auf einer niedriger eingestellten Arbeitsfläche, sodass sich die Teilnehmer über das Display beugen mussten. Eine dritte Gruppe diente als Kontrolle. Nachbefragungen ergaben, dass die weit überwiegende Zahl der Teilnehmer keinen Zusammenhang zwischen Möblierung und Untersuchungsziel vermutet hatte.

Wie die Sitzhaltung ohne Wissen der Teilnehmer verändert wurde

Damit die Manipulation überprüfbar bleibt, verließ sich das Team nicht auf die Zuteilung zur Versuchsgruppe. Während der Aufgabe liefen Videoaufnahmen, aus denen eine Software den Nackenwinkel jeder Person bestimmte, also die tatsächlich eingenommene Neigung von Kopf und Halswirbelsäule. Dieser Wert diente als objektiver Beleg dafür, dass die Möblierung wirkte, und zugleich als Maß für individuelle Unterschiede in der Umsetzung. Nicht jeder richtet sich an einem hohen Tisch gleich stark auf. Die statistische Auswertung zeigte, dass die Zuteilung zur Versuchsbedingung die berichteten Gefühle nicht direkt beeinflusste, sondern über den gemessenen Nackenwinkel vermittelt wurde. Genau diese Kette aus Umgebung, tatsächlicher Körperhaltung und Erleben ist der methodische Kern der Arbeit, weil sie den Effekt an eine messbare physische Größe bindet statt an eine Instruktion.

Was die Ballonaufgabe über das Risikoverhalten verrät

Als Verhaltensmaß diente die Balloon Analogue Risk Task, ein etabliertes Verfahren zur Erfassung der Risikobereitschaft. Auf dem Display lässt sich ein virtueller Ballon schrittweise aufpumpen, jeder Pumpstoß erhöht den möglichen Gewinn, ein Platzen löscht den Ertrag der laufenden Runde vollständig. Teilnehmer der aufrechten Bedingung pumpten in erfolgreichen Durchgängen im Mittel etwa 36 mal, in der gebeugten Bedingung waren es rund 32 Pumpstöße, und der Abstand wuchs im Verlauf der Aufgabe. Entscheidend ist, dass die Zahl der geplatzten Ballons nicht entsprechend zunahm. Das Risikoverhalten war also nicht impulsiver, sondern ertragreicher. Im begleitenden Fragebogen berichtete die aufrechte Gruppe zudem signifikant stärkere Empfindungen von Stolz, einer Emotion, die eng mit positiver Grundstimmung verknüpft ist.

Wie belastbar der Effekt der Körperhaltung ist

Die Autoren um Jorge Armony ordnen die Größenordnung selbst als moderat ein und betonen den Laborcharakter der Untersuchung. Die Stichprobe bestand überwiegend aus Studierenden und mehrheitlich aus Frauen, die Aufgabe dauerte wenige Minuten, und über die Dauerwirkung einer Haltung im Arbeitsalltag sagt der Versuch nichts aus. Die Ergebnisse erschienen im British Journal of Psychology und schließen an eine frühere Arbeit derselben Gruppe an, in der die Haltung noch angewiesen wurde und sich ein vergleichbares Muster zeigte. Praktisch interessant ist der Befund vor allem für die Ergonomie. Bislang wird die Gestaltung von Arbeitsplätzen fast ausschließlich über Beschwerden an Rücken und Nacken begründet. Die Daten legen nahe, dass Tischhöhe und Bildschirmposition daneben auch die Stimmung und die Qualität von Entscheidungen berühren.

British Journal of Psychology, Manipulating posture implicitly through environmental constraints influences mood and risk-taking behaviour; doi:10.1111/bjop.70083

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