Stressreduktion

Historische Altstädte beruhigen so gut wie ein Wald

 Dennis Lenz

Historische Altstädte beruhigen so gut wie ein Wald
(Symbolbild) Eine Untersuchung der Universität Padua hat verglichen, wie natürliche, historische, gemischte und moderne städtische Umgebungen auf Menschen wirken. Gemessen wurden neben Selbstauskünften auch Herzrate und elektrodermale Aktivität, jeweils im Zusammenhang mit einer Stressinduktion im Labor. Historische Umgebungen senkten das Erregungsniveau danach ähnlich stark wie Naturbilder. Moderne städtische Umgebungen schnitten am schlechtesten ab. (Foto: © Forschung und Wissen)

Erholung im Urlaub gilt gemeinhin als Sache der Natur, also von Wald, Küste und Berg. Eine Untersuchung der Universität Padua stellt diese Zuordnung nun teilweise infrage. Verglichen wurden natürliche, historische, gemischte und moderne städtische Umgebungen, begleitet von Messungen der Herzrate und der elektrodermalen Aktivität. Historische Altstädte schnitten dabei in einem entscheidenden Punkt fast so gut ab wie Naturbilder, während eine bestimmte Kategorie deutlich abfiel.

Die Umweltpsychologie beschreibt seit Jahrzehnten, warum bestimmte Umgebungen erschöpfte Aufmerksamkeit wieder auffüllen. Nach der Attention Restoration Theory braucht ein erholsamer Ort vier Eigenschaften. Er muss Faszination erzeugen, also die Aufmerksamkeit mühelos binden, statt sie zu erzwingen. Er muss Distanz zum Alltag schaffen. Er muss als zusammenhängender Raum wahrgenommen werden, in dem sich der Blick sortieren kann. Und er muss zu den eigenen Absichten passen, damit kein zusätzlicher Anpassungsaufwand entsteht. Naturräume erfüllen diese Bedingungen typischerweise gut, weil sie wenig soziale und kognitive Anforderungen stellen. Ob ausschließlich Natur diese Wirkung entfaltet, ist allerdings umstritten, denn viele frühere Vergleiche stellten attraktive Landschaften unattraktiven Straßenzügen gegenüber und verglichen damit nicht nur die Kategorie, sondern auch die Qualität.

Genau an dieser Stelle setzt die Arbeit der Forschungsgruppe um Laura Miola am Fachbereich für Allgemeine Psychologie der Universität Padua an. Die Untersuchung erschien im Fachjournal Journal of Environmental Psychology und ist frei zugänglich. Die Teilnehmer wurden in einem immersiven Labor mit computergenerierten Umgebungen konfrontiert, die in vier Kategorien fielen: natürlich, historisch, gemischt aus beidem sowie modern städtisch. Anschließend folgte eine standardisierte Stressinduktion. Erhoben wurden Selbstauskünfte zu Stimmung und wahrgenommener Erholsamkeit sowie zwei körperliche Kennwerte, nämlich die Herzrate und die elektrodermale Aktivität, also die Leitfähigkeit der Haut, die sich mit der Schweißdrüsenaktivität und damit mit dem Erregungsniveau verändert. So ließ sich prüfen, ob das subjektive Urteil und die körperliche Reaktion in dieselbe Richtung zeigen.

Warum historische Altstädte im Test überraschten

Im Gesamtwert für Erholsamkeit lagen natürliche und gemischte Umgebungen vorn, historische Kulissen erreichten einen niedrigeren Punktwert. Das Bild kehrte sich jedoch, sobald es um die konkrete Erholung nach Belastung ging. Historische Umgebungen steigerten die positiven Emotionen und senkten das Erregungsniveau nach der Stressinduktion ähnlich stark wie Naturbilder. Zugleich wurden sie als faszinierend, kohärent, ansprechend und angenehm beschrieben, und sie galten unter allen Kategorien als die am wenigsten langweiligen. Damit erfüllen alte Stadtkerne offenbar Anforderungen der Erholungstheorie auf einem anderen Weg als Wälder oder Küsten. Wo Natur über Reizarmut und Weite wirkt, bindet ein gewachsener Stadtraum die Aufmerksamkeit über Details, Struktur und Bedeutungsebenen, ohne dabei zusätzlichen Aufwand zu verlangen.

Was moderne Viertel im Vergleich auslösen

Deutlich fiel das Ergebnis am anderen Ende der Skala aus. Moderne städtische Umgebungen wurden als am wenigsten erholsam und zugleich am negativsten bewertet, sie gingen mit höherem Stress und schwächeren Erholungsqualitäten einher. Die Autoren ziehen daraus keinen ästhetischen Schluss über Baustile, sondern einen funktionalen: Umgebungen unterscheiden sich messbar darin, ob sie emotionale Erholung stützen oder behindern. Für die Stadtplanung folgt daraus die Empfehlung, natürliche und historische Elemente zu kombinieren, weil die gemischte Kategorie im Test besonders gut abschnitt. Für Reisende ergibt sich eine praktische Lesart. Wer im Urlaub Erholung sucht, muss dafür nicht zwingend in die Abgeschiedenheit fahren, sondern findet vergleichbare Effekte auch in gewachsenen Stadtkernen, sofern diese nicht durch Lärm, Gedränge oder Hitze überlagert werden.

Wie belastbar die Ergebnisse sind

Einschränkungen benennt die Arbeit selbst. Untersucht wurden Expositionen im Labor mit computergenerierten Ansichten, nicht Aufenthalte vor Ort, und die Messung erfasste kurzfristige Reaktionen, keine Erholung über Tage. Reale Städte bringen zudem Faktoren mit, die im Labor fehlen, etwa Verkehrslärm, Menschenmengen, Gerüche und die körperliche Anstrengung des Gehens. Die erhobenen Daten werden über eine offene Forschungsplattform bereitgestellt, was eine unabhängige Prüfung erlaubt. Frühere Feldstudien in Rom hatten bereits gezeigt, dass historische Orte mit hoher Erholungswirkung an Naturräume heranreichen, allerdings über andere psychologische Prozesse. Dass sich Umgebungen überhaupt so klar in messbaren Körperwerten abbilden, passt zu Befunden aus anderen Bereichen, etwa zur Beobachtung, dass Aufenthalte im Freien die Sehentwicklung von Kindern beeinflussen.

Journal of Environmental Psychology, Beyond nature: Investigating the restorative properties of environments through the comparison of historical, modern urban, and natural image exposures; doi:10.1016/j.jenvp.2026.102920

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