Weltweit gilt die Kurzsichtigkeit als eine der am schnellsten wachsenden Gesundheitslasten, doch die deutschen Zahlen folgen diesem Muster offenbar nicht. Ein Team der Universitätsklinik Freiburg hat rund 1,25 Millionen Brillenverordnungen von etwa 437.700 Kindern und Jugendlichen zwischen 3 und 18 Jahren aus den Jahren 2001 bis 2025 ausgewertet. Als kurzsichtig eingestuft wurde dabei bereits ein Auge ab minus 0,50 Dioptrien. Das Ergebnis widerspricht der verbreiteten Erwartung einer sich rapide beschleunigenden Epidemie und wirft die Frage auf, welche Faktoren hierzulande anders wirken als in Ostasien.
Kurzsichtigkeit, medizinisch Myopie, beschreibt einen Brechungsfehler des Auges: Der Augapfel ist im Verhältnis zur Brechkraft von Hornhaut und Linse zu lang, sodass einfallendes Licht bereits vor der Netzhaut gebündelt wird. Nahe Objekte erscheinen scharf, entfernte verschwimmen. Der Fehler entsteht fast immer im Wachstumsalter, meist zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr, und stabilisiert sich erst im jungen Erwachsenenalter. Rückgängig machen lässt er sich nicht, weil die Längenzunahme des Auges strukturell ist und nicht durch Training oder Muskelarbeit korrigiert werden kann. Gemessen wird die Fehlsichtigkeit in Dioptrien, wobei Werte ab minus 6,00 als hohe Myopie gelten und mit einem deutlich erhöhten Risiko für Netzhautablösung, Glaukom und Makuladegeneration verbunden sind. Genau deshalb beobachten Fachgesellschaften die Entwicklung der Prävalenz so genau: Jede Dioptrie mehr im Kindesalter verschiebt das Erkrankungsrisiko im späteren Leben nach oben.
Die epidemiologische Datenlage in Europa war dabei lange dünn, weil flächendeckende augenärztliche Reihenuntersuchungen fehlen. Verordnungsdaten aus Optikbetrieben schließen diese Lücke zumindest teilweise, weil sie über Jahrzehnte einheitlich erfasst werden und sehr große Fallzahlen erreichen. Die Freiburger Analyse nutzt genau diesen Zugang und rekonstruiert daraus den zeitlichen Verlauf für ein ganzes Vierteljahrhundert. Ergänzend liefert die augenoptische Praxis erste Hinweise auf Veränderungen, weil viele Eltern eine Sehschwäche zuerst bei einem Termin im Fachgeschäft bemerken und der kostenlose Sehtest beim Optiker häufig der erste Kontaktpunkt ist, bevor eine augenärztliche Abklärung folgt. Für die Bewertung der Ergebnisse ist deshalb entscheidend, welche Gruppe die Daten überhaupt abbilden und welche systematisch fehlt.
Zwischen 2001 und 2025 fand das Team um Wolf Lagrèze keinen Anstieg der myopen Brillenverordnungen. Sowohl der mittlere Refraktionswert als auch die Wahrscheinlichkeit, wegen Kurzsichtigkeit überhaupt eine Brille zu erhalten, blieben weitgehend stabil. Bei jüngeren Geburtsjahrgängen zeigte sich sogar eine leichte Tendenz in Richtung Weitsichtigkeit. Auffällig ist ein zweiter Befund: Brillen werden heute im Mittel in jüngerem Alter erstmals verschrieben. Die Forschenden führen das nicht auf schlechtere Augen zurück, sondern auf gestiegene Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, schon bei geringen Werten zu korrigieren. Auch ein Pandemieeffekt blieb aus, obwohl asiatische Studien während der Schulschließungen deutliche Schübe berichtet hatten. Ähnlich wie bei anderen Verlaufsdaten zeigt sich, dass optische Korrekturen den Verlauf beeinflussen können, etwa wenn spezielle Kontaktlinsen die Myopie bei Jugendlichen verlangsamen und so das Längenwachstum des Auges bremsen.
Der Kontrast zu Ostasien ist drastisch. Dort stieg der Anteil kurzsichtiger junger Erwachsener von 20 bis 40 Prozent vor dem Zweiten Weltkrieg auf heute 60 bis 90 Prozent. In Europa verlief die Ausbreitung langsamer, Prognosen sehen den Anteil bei etwa 40 Prozent einpendeln. Als Treiber gelten vor allem die extreme und sehr früh einsetzende Intensität der schulischen Ausbildung sowie ein gravierender Mangel an Zeit im Freien. Beide Faktoren sind im deutschen Alltag schwächer ausgeprägt oder werden durch längere Aufenthalte draußen ausgeglichen. Die Freiburger Ergebnisse decken sich mit einer europäischen Metaanalyse, nach der die Myopieprävalenz auf dem Kontinent seit dem Jahr 2000 weitgehend stagniert. Die oft zitierte globale Kurve beschreibt damit keinen weltweiten Automatismus, sondern eine regional sehr ungleich verteilte Entwicklung mit klar benennbaren Lebensstilursachen.
Entscheidend ist nach heutigem Kenntnisstand nicht das Gerät, sondern der Abstand und die Dauer. Ständiges Nahsehen löst eine Anpassungsreaktion aus, bei der das Auge die energieaufwendige Muskelarbeit reduziert und stattdessen in die Länge wächst. Besonders relevant ist das Smartphone, das oft in 20 Zentimetern Abstand oder näher gehalten wird. Eine Dosis-Wirkungs-Analyse von 45 Studien mit 335.524 Teilnehmern, veröffentlicht im Fachjournal JAMA Network Open, beziffert den Zusammenhang genauer: Bis etwa einer Stunde Bildschirmzeit täglich steigt das Risiko kaum, danach erhöht jede weitere Stunde die Chance auf eine Myopie um rund 20 Prozent, ab etwa fünf Stunden flacht die Kurve ab. Als Gegengewicht gilt Tageslicht, denn zwei Stunden im Freien pro Tag bremsen das Längenwachstum des Auges messbar.
Die Entwarnung hat klare Grenzen. Erfasst wurden ausschließlich Kinder und Jugendliche, die bereits eine Sehhilfe verordnet bekamen. Wer unkorrigiert bleibt, taucht in der Statistik nicht auf, und gerade unkorrigierte Fehlsichtigkeit ist in Schulstudien überraschend häufig. Zudem beruhen die Werte auf realen Verordnungen aus Optikbetrieben und nicht auf standardisierten augenärztlichen Untersuchungen mit Pupillenerweiterung, was systematische Abweichungen erzeugen kann. Ein stabiler Durchschnitt bedeutet außerdem nicht, dass das einzelne Kind sicher ist: Wer früh kurzsichtig wird, erreicht am Ende oft die höchsten Werte. Wie stark die Folgen ausfallen können, zeigt eine aktuelle Risikoabschätzung im British Journal of Ophthalmology, nach der die Wahrscheinlichkeit einer Schädigung des Sehnervs mit der Achsenlänge und dem Lebensalter steil ansteigt.
JAMA Network Open, Digital Screen Time and Myopia: A Systematic Review and Dose-Response Meta-Analysis; doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.60026